Torso / I corpi presentano tracce di violenza carnale

Vier ausländische Studentinnen, die in Italien Kunstgeschichte studieren, mieten eine einsame Villa. Dort geben sie sich nicht nur dem Lehrstoff, sondern auch der Liebe hin. Doch der Aufenthalt entwickelt sich zu einem Schrecken ohne Ende. Ein Killer geht um und tötet Mädchen auf grausame Art und Weise. Jane, eine der Studentinnen, beobachtet den Killer, wie er mit einer Säge die nackten Mädchenleiber zerstückelt. Nun befindet sie sich in einer Falle ohne Ausweg. Der Killer greift an!

Torso war der erste von Sergio Martinos Gialli, der nicht von seinem Bruder Luciano produziert wurde. Produzent Carlo Ponti verhalf dem Film zu einem gewissen „Status“ und sicherte sich einen stärkeren internationalen Vertriebsvertrag, wodurch der Film zu einem der kommerziell profitabelsten italienischen Thriller der 70er Jahre wurde. Martino selbst entwarf die Geschichte und schrieb dann das Drehbuch gemeinsam mit dem Spezialisten Ernesto Gastaldi. Es mag zunächst etwas einfach gehalten und unkompliziert erscheinen, doch wie bei so vielen Dingen in diesem Film vermag dies zu täuschen. Die Geschichte hängt ungewöhnlich gut zusammen und enthält zudem einige geniale Wendungen. Der Film ist zu Recht für seine intensiven Mordszenen bekannt, doch wo es Martino wirklich versteht zu glänzen, ist die Inszenierung einiger komplizierter Spannungs-Sequenzen. Der Killer spielt Katz und Maus mit seiner Beute, was zu einigen wunderbaren, rein filmischen Abschnitten führt, in denen die Spannung auf das Maximum gesteigert wird, bevor Martino das Geschehen mit einem enormen Schockeffekt krönt.

Charakterisierungen sind zwar eher als dünn zu bezeichnen, doch erfüllen sie ihren Zweck auf bewundernswerte Art und Weise. Jane und Daniela werden zum Beispiel beide sehr sympathisch präsentiert, weswegen man sich auf emotionaler Ebene leichter auf das einlassen kann, was mit ihnen passiert. Die meisten Männer werden mit einer ordentlichen Brise Zwielichtigkeit dargestellt, was allerdings nur dazu dient, den Betrachter zu verwirren. Die endgültige Enthüllung des Mörders ist ebenfalls als überraschend und befriedigend zu beschreiben. Martino behandelt den Film mit enormer Zuversicht. Die Action bietet sehr schnelles Tempo. Der Regisseur nimmt sich Zeit, um die Grundlagen zu erarbeiten und setzt dabei hin und wieder ein wenig blutige Action ein, um sicherzustellen, dass sich das Publikum nicht langweilt. Die letzte Sektion des Films stellt zu Recht eine gefeierte Tour de Force des reinen Kinos dar, während der Mörder sich daran macht einem nach dem anderen seiner Beute zu eliminieren. Es gibt nur sehr wenige Dialoge, wobei ein Großteil der wilden Auswirkungen der Szenen von Zerstückelung und Verstümmelung durch den umsichtigen Einsatz von Rahmung und Montage erreicht wird.

Angesichts der sympathischen Darstellung der Charaktere spielt dies auch eine Rolle für die Effektivität des Finales, da man es wirklich verabscheut, wie die Protagonisten so dermaßen grausam entsorgt werden. Der Film sieht dank Giancarlo Ferrandos farbenfroher Kinematographie von Anfang bis Ende großartig aus. Martino schwelgt gelegentlich in ungewöhnlichen Kamerawinkeln, nähert sich dem Material jedoch im Allgemeinen mit der gleichen kühlen Zurückhaltung, die auch in Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave (Your Vice is a Locked Room und Only I Have the Key, 1972) zu finden ist. Abgesehen von ein paar billig aussehenden Prothesen-Effekt-Aufnahmen, auf denen etwas zu lange verweilt wird, ist der Streifen überhaupt nicht schlecht gealtert. Die Musik von Guido und Maurizio De Angelis kann ebenfalls als äußerst effektiv bezeichnet werden und trägt zur Attraktivität des Films bei. Die Brüder De Angelis (Guido wurde 1944 und Maurizio 1947 geboren) stellten ein ungewöhnliches (Brüder-) Paar in der italienischen Filmmusikszene dar.

Guido startete in den 60er Jahren und schrieb einiges an Filmmusik alleine, doch als Maurizio 1971 in die Welt der Film-Scores eintrat, begannen sie eine lange und sehr erfolgreiche Karriere, in der sie gemeinsam Partituren komponierten, bei denen sie gelegentlich als Oliver Onions gelistet wurden. Sie arbeiteten an einigen Italo-Western zusammen, darunter …Continuavano a chiamarlo Trinità (Vier Fäuste für ein Halleluja, 1971), …e poi lo chiamarono il Magnifico (Verflucht, verdammt und Halleluja, 1972) und Keoma (1976), doch von Lounge-Soundtrack-Liebhabern werden sie für ihre funkige Arbeit an klassischen poliziotteschi wie Milano trema: la polizia vuole giustizia (The Violent Professionals, 1973), Il cittadino si ribella (Ein Bürger setzt sich zur Wehr, 1974), Napoli violenta (Camorra – Ein Bulle räumt auf, 1976) sowie Goodbye und Amen (1978) verehrt. Im filone des Giallo waren sie bei weitem nicht so aktiv, komponierten aber die denkwürdige Partitur für Lamberto Bavas La casa con la scala nel buio (Das Haus mit dem dunklen Keller, 1983). Sie sollten als Kollaborateure zunächst aktiv bleiben. Guido trat in den 2000er Jahren von der Musik zurück, um sich mehr auf die Produktion zu konzentrieren. Maurizio ist seitdem als Solo-Variante unterwegs.

Martinos Gespür für die Inszenierung von Action- und Gewaltszenen zeigt sich hier deutlich. Die letzte Konfrontation zwischen dem entlarvten Mörder und dem Helden ist glaubwürdig grausam geraten und erinnert an einige Werke des Regisseurs im Bereich des poliziottesco, während die Mordszenen mit echtem Flair inszeniert wurden. Die vielleicht denkwürdigste spielt sich in einem nebligen Sumpf ab, wobei der Mörder zufällig erscheint bzw. verschwindet und seine Bewegungen vom Nebel sowie den Bäumen verdeckt werden. Der Höhepunkt dieser Szene, in der das Blut des Opfers in das braune und übelriechende Sumpfwasser sickert, ist als seltsam schön und beunruhigend zugleich zu beschreiben. Die Besetzung macht ihre Sache im Allgemeinen recht gut. Suzy Kendall präsentiert sich bestens, als gefährdete Jane. Kendall muss einen Großteil des letzten Aktes selbst tragen, worin sie durchaus ein gewisses Maß an Geschick unter Beweis stellt. In anderen Filmen erwies sie sich als sehr begrenzte Schauspielerin, wirkt hier jedoch entspannter sowie fähiger und kann Janes wachsenden Terror vermitteln, ohne dabei zu übertreiben.

Kendall wurde 1944 in England geboren und begann Mitte der 60er Jahre in Filmen aufzutreten. Ihr wunderschönes Aussehen katapultierte sie in die Schublade der blonden Schauspielerinnen, die in britischen Filmen dieser Zeit sehr beliebt waren, darunter Susan George und Judy Geeson. Sie sollte mit einer erstklassigen Nebenrolle in To Sir, With Love (Herausgefordert, 1967) zum ersten Mal richtige Aufmerksamkeit erregen. Außerdem trat sie in Peter Collinsons bizarrem Das Penthouse (1967) auf und wurde später als Tony Musantes Freundin in Dario Argentos L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) besetzt. Torso (1973) war einer von mehreren anderen Filmen, die sie in den frühen 70er Jahren in Italien drehte, darunter auch ein weiterer Giallo, Umberto Lenzis Spasmo (1974). Von 1968 bis 1972 war sie mit dem bekannten britischen Komödien-Darsteller Dudley Moore verheiratet und heiratete Ende der 70er Jahre erneut. Zu dieser Zeit hängte sie die Schauspielerei an den Nagel, um ihren wahren Traum zu verwirklichen: Mutterschaft.

Tina Aumont spielt als Daniela ebenfalls gut auf. Sie wurde 1946 als Tochter der Schauspieler Maria Montez und Jean-Pierre Aumont in Hollywood geboren. Sie beschloss in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten und gab 1966 ihr Filmdebut, zunächst unter dem Namen Tina Marquand, da sie zu dieser Zeit mit dem Schauspieler / Regisseur Christian Marquand verheiratet war. Als sich das Paar 1967 scheiden ließ, nahm sie wieder ihren Mädchennamen an. Sie tauchte in Filmen von Joseph Losey (Modesty Blaise – Die tödliche Lady, 1966), Tinto Brass (L’urlo / The Howl, 1970) und Federico Fellini (Il Casanova di Federico Fellini / Fellinis Casanova, 1976) auf. Aumont löste 1978 einen Skandal aus, als sie wegen Drogen verhaftet wurde. Allerdings gelang es ihr die schlechte Publicity hinter sich zu lassen, weswegen sie bis Anfang der 2000er Jahre aktiv blieb. Sie starb 2006 im Alter von 60 Jahren.

Die männlichen Hauptrollen werden von Luc Merenda und John Richardson übernommen, die beide noch in weiteren Gialli auftreten sollten. Merendas Rolle als lokaler Arzt, der sich für Jane interessiert, wurde effektiv mehrdeutig angelegt. Das Publikum kann sich nie ganz sicher sein, ob seine Absichten ehrlicher Natur sind, wobei Merenda nett untertrieben spielt. Er wurde 1943 in Frankreich geboren und trat 1970 in die Filmwelt ein. In Italien wurde er hauptsächlich aufgrund seiner Auftritte in einer Reihe erfolgreicher poliziotteschi populär, darunter Sergio Martinos Milano trema: la polizia vuole giustizia (The Violent Professionals, 1973) und Fernando Di Leos La città sconvolta: caccia spietata ai rapitori (Auge um Auge, 1975). Seine übrigen Giallo Auftritte lauten L’uomo senza memoria (Der Mann ohne Gedächtnis, 1974) und Pensione paura (1978). Er zog sich Anfang der 90er Jahre aus der Schauspielerei zurück, übernahm jedoch einen Cameo-Auftritt in Eli Roths Hostel 2 (2007).

Richardson liefert seine übliche mild hölzerne Vorstellung als Kunstgeschichtslehrer ab, der auch ein Auge auf Jane geworfen hat. Richardson wurde 1934 in Sussex geboren. Sein auffallend gutes Aussehen brachte ihm einen Vertrag bei Rank in England ein und er wurde 1960 zusammen mit Barbara Steele (einer anderen Rank-Vertragsschauspielerin) nach Italien verfrachtet, um in Mario Bavas La maschera del demonio (Die Stunde, wenn Dracula kommt, 1960) aufzutreten. Richardson verbrachte einen Großteil seiner Karriere in italienischen Filmen, kehrte aber gelegentlich nach England zurück, um in Filmen wie She (Herrscherin der Wüste, 1965), One Million Years B.C. (Eine Million Jahre vor unserer Zeit, 1966) und The Vengeance of She (1967), alle von Hammer produziert, mitzuspielen. Richardsons Stimme sollte für diese Filme sogar synchronisiert werden, da sie Gerüchten zufolge als zu schwach angesehen wurde. Er stand auf der kurzen Liste der Schauspieler, die Sean Connery als James Bond in James Bond 007 – Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969) ersetzen sollten und trat auch in weiteren Gialli wie Gatti rossi in un labirinto di vetro (Labyrinth des Schreckens, 1975) und Follia Omicida (Murder Obsession, 1981) auf. Mitte der neunziger Jahre verließ er das Filmgeschäft und war danach als versierter Fotograf unterwegs.

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  • Sprache: Italienisch
  • Untertitel: Englisch
  • Anzahl Disks: 1
  • Studio: Blu-Ray
  • Produktionsjahr: 1973

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 22. August 2020

    […] entwickelt, der kaum Sinn macht. In dieser Episode ist auch die äußerst attraktive Suzy Kendall (Torso, 1973) zu […]

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