Der Fluss der Mörderkrokodile / Il fiume del grande caimano / The Great Alligator

Mitten in der Wildnis entsteht ein Touristen-Hotel, welches man nur mit dem Hubschrauber erreichen kann. Die dortigen Eingeborenen, auch Kumas genannt, wollen sich an den Weißen rächen, indem sie die heilige Bestie wecken: ein riesiges Krokodil, welches so groß wie ein Bus ist. Nach ersten Verlusten kommt es zum entscheidenden Angriff. Während die Kumas mit brennenden Pfeilen die Touristen vom Land her attackieren, greift vom Wasser her aus das Riesenkrokodil an. Können der Hotelfotograf und seine Freundin Alice dem Inferno entkommen? (VZH GmbH)

Joshua (Mel Ferrer) ist ein Unternehmer, der sehr stolz auf seine jüngste Touristenattraktion im Dschungel Afrikas ist. Dort werden nämlich die Eingeborenen dank des von ihm errichteten Ferienkomplexes wohlwollend unterstützt, seitdem er Besucher (sowie deren Geld) in die Region gebracht hat. Als Joshua mit dem Fotografen Daniel Nessel (Claudio Cassinelli) und dem Supermodel Sheena (Geneve Hutton) in einem Hubschrauber im Resort ankommt, um einige Hochglanzfotos für einen Zeitschriftenartikel aufzunehmen, werden sie von der Anthropologin Alice Brandt (Barbara Bach) begrüßt. Alice repräsentiert eine praktisch veranlagte Person, die sich sehr gut mit den Ritualen und Bräuchen der Eingeborenen auskennt, die nämlich einer Alligator-Gottheit namens Kroona huldigen. Da kann man nur hoffen, dass Kroona nicht bereits erwacht ist, um seinen Zorn auf die ausländischen Eindringlinge zu richten!

Sehr wahrscheinlich erhofft man sich jedoch insgeheim, dass genau dies passiert, weil man ja einen ereignisreichen Film sehen möchte, nämlich den dritten Teil einer inoffiziellen Dschungel-Horror-Trilogie von Sergio Martino. Sollte der fragliche Dschungel eher asiatisch als afrikanisch aussehen, so liegt das an den Drehorten in Sri Lanka, einschließlich lokaler Statisten, die noch weniger afrikanisch aussehen als die Landschaft, obwohl sie (in einem Versuch die Illusion aufrechtzuerhalten) stereotype Grasröcke und Schminke tragen. Es sind also Gründe vorhanden, warum sich Der Fluss der Mörderkrokodile recht dümmlich gestaltet, doch den Hauptgrund dafür stellt das Reptil des Titels selbst dar, dessen Auftauchen nämlich seine ganz eigene „süße“ Zeit in Anspruch nimmt. Sein erstes vermeintliches Auftauchen stellt sich als Fehlalarm heraus, da anstelle eines Riesenkrokodils nur ein großer Baumstamm im Wasser schwimmt. Ah, Signor Martino, Sie möchten Ihr Publikum wohl gerne an der Nase herumführen, oder?

Nun ja, dieses Gefühl stellt sich ganz besonders ein, wenn man seine Augen zum ersten Mal auf das richtet, was der schreckliche, rachsüchtige Monstergott sein soll. Der präsentiert sich den Zuschauern nämlich als kleine Gummi-Replik, die so wendig und manövrierfähig ist wie das Wohnmobil, das in einem späteren Stadium des Films in den Fluss stürzt und auch ein Spielzeug darstellt. Das Budget war offensichtlich nicht besonders groß, doch Der weiße Hai (dem dieser Streifen am meisten nacheifert) hatte auch nicht die überzeugendste Kreatur zu bieten, weswegen Steven Spielberg einfach um das Problem herum arbeitete, was dem Ergebnis sicherlich nicht geschadet hat. Bei Il fiume del grande caimano herrschte wohl eher eine „das wird schon ausreichen“ –Haltung vor, obwohl eindeutig das Gegenteil zutraf. Bevor der schuppige Terror dann endlich beginnt, gibt es viel an Polster-Material zu „ertragen“, darunter einen Tanz, bei dem die Eingeborenen eine Show für die Touristen veranstalten.

Bei diesem Tanz kommt ein schweres Tam-Tam-Element zum Einsatz, das zumindest afrikanisch klingt, während die Frage, ob die gleichzeitig eingesetzte E-Bass-Gitarre (wenn auch nicht sichtbar) ein traditionelles Instrument der Eingeborenen repräsentieren kann, frei zur Debatte steht. Einige der einheimischen Damen konnten wohl auch überredet werden ohne Kleidung aufzutreten, um ein echtes Klischee von vermeintlicher Stammesauthentizität in den Film einfließen zu lassen. Während all dies vor sich geht, schien sich der Regisseur (der nach einem Drehbuch arbeitete, zu dem George Eastman aka Luigi Montefiori höchstpersönlich beigetragen hat) gedacht zu haben, dass es nun an der Zeit sei mit den Angriffen des Alligators zu beginnen. Um Kroona zu verärgern, lässt er Sheena mit einem Einheimischen im Flussbett Liebe machen. Warum gerade diese Aktion die Wut des Tieres auslösen sollte, wird nicht ausreichend erklärt (es könnte jedoch damit zusammenhängen, dass es den Kuma verboten ist bei Vollmond Geschlechtsverkehr zu vollziehen). Sollte man sich auf Richard Johnson (als verrückter Einsiedler) für eine Erklärung verlassen haben, stellt das dann auch kein Wunder dar.

Johnson ist allerdings nicht viel Bildschirmzeit beschieden, was dem Publikum mehr Raum gibt, um Barbara Bachs Reize würdigen zu können, während ihr Charakter von Claudio Cassinellis hofiert wird. Sie würde niemals die versierteste Schauspielerin in ihren Rollen repräsentieren, war allerdings dekorativ genug, um eine Fangemeinde aufzubauen, die nicht gerade großartiges Material (wie dieses) durchsitzen würde, nur um ihre Anwesenheit genießen zu können. Schließlich kommt es dann endlich zu dem Massaker, bei dem Kroona auf die Touristen trifft, eine äußerst lächerliche Sequenz, in der sich das Monster durch eine ganze Reihe von Statisten mampft (während einer vormals sehr heiteren Floßfahrt) und die Kuma mit brennenden Pfeilen auf sie schießen (weil sie die Touristen für das Erwachen Kroonas verantwortlich halten). Nach zehn Minuten, in denen immer wieder Dasselbe passiert (im Grunde genommen eine Nahaufnahme eines schreienden Gesichts, die unbewegliche Puppe, die sich auf ihr Opfer stürzt und ein halber Liter roten Farbstoffs im Wasser, um auf einen blutigen Tod hinzuweisen), dürfte man entweder von der „Komik“ zermürbt worden sein oder man schaut auf seine Uhr, um zu überprüfen, wie lange sich dieser Unsinn noch hinziehen wird. Es kommt eben überhaupt keine Spannung auf! Der Fluss der Mörderkrokodile gestaltet sich längst nicht so unterhaltsam, wie es sich eventuell in der Inhaltsangabe lesen mag und wurde ganz schön in die Länge gezogen, doch letztendlich repräsentiert der Streifen einen gerade noch mittelmäßigen Jaws Nachahmer, auf den man aufgrund von Barbara Bach (und den übrigen Schauspielern) ruhig mal einen Blick riskieren kann. Der Soundtrack von Stelvio Cipriani präsentiert solide funky Easy-Listening-Musik. Den Audiokommentar von Troy Howarth sollte man sich auch zu Gemüte führen, da sehr unterhaltsam und (wie immer) äußerst informativ, letztendlich interessanter als der Film.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Regisseur: Sergio Martino
  • Medienformat: HiFi-Sound, PAL, Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 29 Minuten
  • Darsteller: Claudio Cassinelli, Barbara Bach, Richard Johnson, Mel Ferrer
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: VZ-Handelsgesellschaft mbH
  • Anzahl Disks : 1

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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