Der Hauptmann

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs findet der junge Gefreite Willi Herold auf der Flucht eine Hauptmannsuniform. Ohne zu überlegen streift er die ranghohe Verkleidung und die damit verbundene Rolle über. Schnell sammeln sich versprengte Soldaten um ihn – froh, wieder einen Befehlsgeber gefunden zu haben. Aus Angst enttarnt zu werden, steigert sich Herold nach und nach in die Rolle des skrupellosen Hauptmanns und verfällt dem Rausch der Macht. (Weltkino)

Deutschland, 1945, zwei Wochen vor Kriegsende. Ein junger Gefreiter, Willi Herold (Max Hubacher), läuft um sein Leben, während Feldjäger (u.a. Alexander Fehling) versuchen den mutmaßlichen Deserteur niederzuschießen. Nachdem sich Willi vor seinen Verfolgern im Wald verstecken konnte und eine heftige Auseinandersetzung mit einem anderen Deserteur und den Bewohnern eines nahegelegenen Bauernhauses hinter sich hat, entdeckt er auf einer Straße ein verlassenes Militärfahrzeug, in dem sich die Uniform eines Hauptmanns der deutschen Luftwaffe befindet. Da seine eigene Uniform zerrissen sowie stark abgenutzt und es bitter kalt ist, zieht er die Uniform an – zunächst aus Selbsterhaltungstrieb heraus, doch sehr schnell beginnt er zu fantasieren, wie es wohl wäre, als Hauptmann der Luftwaffe durch das aufgeriebene Nazideutschland zu „streifen“. Schon bald trifft der falsche Hauptmann auf den einfachen Soldaten Freytag (Milan Peschel), der annimmt Willi sei ein echter Offizier. Der vermutlich von seiner Einheit getrennte Soldat bittet den Hauptmann dessen Fahrer sein zu dürfen, weswegen die beiden von nun an zu zweit unterwegs sind.

Von diesem Moment an gibt es den Gefreiten Willi Herold nicht mehr und die Rolle von Hauptmann Herold ist geboren. So beginnt Robert Schwentkes rauer, wunderbarer und verstörender Film Der Hauptmann. In den ersten 24 Minuten wird der Grundstein für diese unglaubliche wahre Geschichte gelegt und erst dann der Titelschriftzug in altdeutscher Schrift eingeblendet. Willi Herold ist ein faszinierender Charakter, bei dem man sich nie sicher sein kann, welche Art von Person wirklich hinter der Fassade steckt. Zuerst ist er nur ein Feigling, der alles in seiner Macht stehende tut, um die schlimme Situation, in der er sich befindet, überleben zu können. Sobald er jedoch die Uniform am Leib trägt, verwandelt er sich in einen Meister der Manipulation, dessen Absichten immer finsterer werden.

Ob er nun aufgrund der Uniform machttrunken oder schon immer ein Soziopath gewesen ist, lässt sich nur schwer entziffern. Er repräsentiert die Lehrbuchdefinition des Lügners und Betrügers, die sogar ranghöchste Beamte der Gestapo davon überzeugen kann, dass dieser 20 Jahre alte Gefreite tatsächlich ein Hauptmann sei. Noch verrückter sind einige seiner wahnsinnigen Befehle, die seine Untergebenen doch tatsächlich blindlinks ausführen. Auf seinem Weg gelingt es ihm nämlich neben Milan Peschel auch noch ein paar weitere versprengte Soldaten (u.a. Frederick Lau) zu rekrutieren, die allesamt beklagenswerte Soldaten darstellen, die höchstwahrscheinlich opportunistische Deserteure sind, wie er selbst.

Herold und seine ramponierte Mannschaft werden auf ihrem Weg durch die karge Landschaft von der Militärpolizei angehalten und, nachdem der vorgebliche Hauptmann der Luftwaffe dem Hauptmann der Feldjäger von seiner angeblichen „Mission“ berichtet hat, werden sie zum letzten Gefangenenlager in Deutschland gebracht, das deutsche Deserteure und Kriminelle beherbergt. Hier kann Willi mit seinen schlauen Lügen die Macht über das Lager erschleichen und alle Befehlshaber davon überzeugen, dass er sich auf einer von Hitler höchstpersönlich autorisierten Sondermission befindet, um über die Situation an der Front zu berichten. Proportional zur Macht, wächst auch Herolds Wahnsinn stetig an, was letztendlich in reinem Chaos mündet.

In passendem Schwarz/Weiß aufgenommen, schlägt Schwentke mit Der Hauptmann einen beinahe düster komödiantischen Ton an, der die surreale Natur der Geschichte vollkommen ausnutzt, dabei allerdings niemals die Grausamkeiten herunterspielt, die dem Publikum teilweise recht deftig um die Ohren gehauen werden. Es handelt sich um einen schockierenden Film mit „Menschen“, die absolut verabscheuungswürdige Handlungen ausführen. Die wenigen Atempausen, welche man sich als Zuschauer wirklich verdient, tragen allerdings zusätzlich zum pietätlosen Stil des Films bei. Von der ersten Minute an faszinierend, repräsentiert Der Hauptmann einen fürchterlich wilden Ritt inklusive einer unglaublich hinreißenden End-Credit-Sequenz. Obwohl recht schwer verdaulich, unbedingt einen Blick wert.

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Darsteller: Max Hubacher, Frederick Lau, Milan Peschel, Alexander Fehling, Bernd Hölscher
Regisseur: Robert Schwentke
Format: Widescreen
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.40:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Universum Film GmbH / Weltkino
Erscheinungstermin: 7. September 2018
Produktionsjahr: 2017
Spieldauer: 119 Minuten

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Weltkino zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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