Der Satan mit den langen Wimpern / Nightmare

Im Mittelpunkt steht Janet, eine seelisch verwirrte Internatsschülerin, die von Geistererscheinungen und sich ständig wiederholenden Alpträumen in den Wahnsinn getrieben wird, bis sie nicht mehr weiß, wo Traum und Wirklichkeit sich mischen. Sie sieht sich durch die dunklen Gänge einer Irrenanstalt geistern, getrieben von unsichtbaren Stimmen. Sie ist die traumatisierte Tochter einer Mörderin – und vielleicht selbst eine? Doch dann nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. (Anolis)

Während Die Ausgekochten (Maniac, 1963) der dritte im Zyklus der von Hammers Jimmy Sangster geschriebenen Psychothrillern [oder der vierte, wenn man Der unsichtbare Schatten (Stop Me Before I Kill, 1960) mitzählt], kein richtigerer Horrorfilm war, ist Nightmare definitiv ein Chiller und vielleicht der beste der bisher genannten Filme. Die Handlung ist das übliche, von Die Teuflischen (Les Diaboliques, 1955) inspirierte, verdrehte Ding, doch im Gegensatz zu bestimmten Elementen in den früheren Filmen, vor allem Ein Toter spielt Klavier (Taste Of Fear, 1961), ist sie ziemlich luftdicht und macht auch noch Sinn, wenn man mal darüber nachgedacht hat. Außerdem präsentiert sich der Film in einigen Szenen wirklich gruselig, mit einer Intensität, von der sich selbst viele moderne Gruselfilme eine Scheibe abschneiden können. Was dabei überrascht ist, dass dieser Streifen nicht sehr bekannt zu sein scheint. Eventuell liegt das teilweise daran, dass diese Filme eher als Thriller, denn als Horror angesehen werden, obwohl sie Momente enthalten, die furchterregender sind, als man sie in den meisten Dracula- oder Frankenstein-Filmen findet. Ob heutzutage geschätzt oder nicht, machten diese Filme (die zum Teil durch die Schwarz-Weiß-Aufnahmen noch günstiger, als die traditionellen Hammer-Gothics waren) für gewöhnlich gutes Geld, so dass Sangster keine Probleme hatte, Hammer dazu zubringen sein nächstes Skript zu verfilmen (wenngleich nun ziemlich formelhaft), das unter dem dämlichen Arbeitstitel Here’s The Knife Dear, Now Use It gedreht wurde, bevor einige „klarere“ Köpfe darum baten, Sangster möge den Titel doch bitte ändern. Die Rolle des Regisseurs wurde von Freddie Francis übernommen, der erst vor kurzem Haus des Grauens (Paranoiac, 1963) gemacht hatte und mit Nightmare seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Kameramann John Wilcox begann. Ursprünglich war Julie Christie für die Hauptrolle vorgesehen, doch sie bat Hammer, sie gehen zu lassen, um Geliebter Spinner (Billy Liar, 1963) drehen zu können (was sie zum Stardom katapultierte), also musste mit dem Model Jennie Linden recht kurzfristig ein Ersatz gefunden werden. Ein Glücksgriff, denn man kann sich nicht sicher sein, ob Christie am Ende so gut gespielt hätte. Der Film wurde, wie üblich, in den Bray Studios und in der Nähe von Oakley Court in Windsor gedreht und bekam durch Universal eine sofortige Veröffentlichung in Großbritannien und den USA, die mit Frankensteins Ungeheuer (The Evil Of Frankenstein, 1964) in eine kommerziell erfolgreiche Doppelvorstellung gesteckt wurde.

Es wird nun nicht die ganze Geschichte verraten, doch der Film scheint seinen Höhepunkt zu erreichen, als Janet in einem Moment, der wirklich schockiert, Baxters Frau ersticht, die genauso aussieht wie die Person, die Jane Nachts zu verfolgen scheint. Nach dieser Tat ändert der Plot seine Perspektive, denn Janet wird in die Irrenanstalt gebracht, während nun Grace die Stelle der Hauptfigur übernimmt. Die „Krankenschwester“ beginnt zu vermuten, dass Baxter, ihr frisch angetrauter Ehemann, nach Janet jetzt versucht sie in den Wahnsinn zu treiben, oder zumindest einige Geheimnisse hat. Graces Stimmungswechsel von Gelassenheit zu Verzweiflung ist dabei nicht sonderlich überzeugend geraten, was auch über David Knights phlegmatische Vorstellung berichtet werden muss (stelle man sich vor, wie gut Oliver Reed in dieser Rolle gewesen wäre!?). Dennoch bleiben einige unheimliche Momente übrig, in denen Francis aus simplen Dingen wie einem Türgriff, der langsam von außen bewegt wird, große Wirkung erzielt. Die letzte Wendung wirkt ein wenig gehetzt, scheint jedoch plausibel, wenn man darüber nachdenkt. Schade nur, dass Janet praktisch aus den letzten drei Fünfteln des Films verschwindet, obwohl die Geschichte, die Sangster entworfen hat, ansonsten natürlich nicht so gut funktionieren würde. Wilcoxs Schwarz-Weiß-Kinematografie kann nicht hoch genug gelobt werden, die wirklich viel zur Atmosphäre des Streifens beiträgt, besonders mit der Menge an verwendeten Schwarztönen. Ein Toter spielt Klavier und Haus des Grauens sahen beide toll aus, doch Nightmare sieht noch besser aus und zeigt, wie großartig Bernard Robinsons in der Regel üppige Sets, die hier etwas spärlicher daherkommen, in Monochrome erscheinen. Das Hauptproblem des Films ist, dass er Plot-technisch eine leicht mechanische Qualität aufweist, doch letztendlich handelt es sich dabei um ein typisches Merkmal dieser Sangster-gescripteten Thriller, weswegen man dies eben einfach hinnehmen muss.

Die schauspielerischen Leistungen gehen größtenteils auf, wobei Linden in ihrer ersten Rolle phänomenal aufspielt. Ihr leichtes Unbehagen am Set trägt tatsächlich zu den Gefühlen von Paranoia, Unsicherheit und Angst bei. Moira Redmond tut es ihr später gleich und kommt beinahe genauso gut rüber wie Linden. Don Banks‘ enormer Score mag eventuell sein bester für Hammer sein, mit einem spürbaren Gefühl psychischer Qual, die den gesamten Film hindurch anhält. Ähnlich wie James Bernard verwendete er gerne einige einfache, sehr kurze Themen, die sich durch den Film ziehen, wobei die Musik manchmal eine Intensität an den Tag legt, die selbst Bernard beeindruckt hätte. Außerdem werden einige der unheimlichen Sequenzen ohne Musik belassen, was für diese Szenen wirklich gut funktioniert. Was auf jeden Fall noch erwähnt werden muss ist, dass es hier eine Menge an Schreierei auszuhalten gibt. Gelegentlich überraschend, recht spannungsgeladen und manchmal sogar richtig unheimlich, ist Der Satan mit den langen Wimpern eine zu Unrecht weitestgehend unbeachtete Hammer-Produktion, die wirklich sehr gut unterhält. Francis würde sagen, dass er Horrorfilme nie wirklich mochte und hat es womöglich immer vorgezogen Kameramann zu sein, aber The Skull (Der Schädel des Marquis de Sade, 1965) und The Creeping Flesh (Nachts, wenn das Skelett erwacht, 1973) zeigen zumindest, dass er, wenn er sich ganz auf das Material einließ, ein wahres Talent für dieses Genre besaß.

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  • Darsteller: Jennie Linden, David Night, Moira Redmond
  • Regisseur: Freddie Francis
  • Format: Limited Edition, Widescreen
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Anolis Entertainment
  • Produktionsjahr: 1964
  • Spieldauer: 82 Minuten

Der Satan mit den langen Wimpern erscheint als Mediabook mit zwei unterschiedlichen Covern sowie als Softbox im Hause Anolis Entertainment, wobei man das Label zu dieser gelungenen Veröffentlichung wieder einmal nur beglückwünschen kann. Die Scheibe weiß nicht nur auf technischem Gebiet zu überzeugen, sondern hat wie immer auch wieder Einiges an interessanten Extras zu bieten. Das Bild wird in High Definition Widescreen (16:9; 2,35:1) 1920x1080p präsentiert und sieht wunderbar aus. Bei der Qualität der beiden angebotenen Tonspuren (Deutsch und Englisch DTS HD-MA 2.0 Mono) gibt es ebenfalls keine Beschwerde anzumelden. Wer den Film in der Originalsprache anschauen möchte, dem Englischen aber nicht mächtig ist, hat die Möglichkeit deutsche Untertitel zuzuschalten. Neben dem Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz, der wie gewohnt sehr informativ ist, weiß Jennie Linden in einem Ton-Interview über Fakten und Zahlen der Produktion zu berichten sowie sich an die Atmosphäre am Set und Anekdoten von den Dreharbeiten zu erinnern. Des Weiteren können zusätzlich noch die Featurettes „Nightmare in the Making“ und „Madhouse: Inside Hammer‘s Nightmare“ angeschaut werden. Darüber hinaus halten die Extras einen amerikanischen Kinotrailer, verschiedene Werberatschläge, ein Filmprogramm und eine Bildergalerie bereit. Das 28-seitige Booklet, geschrieben von Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Uwe Huber ist exklusiv nur im Mediabook enthalten. Wir freuen uns über die tolle Veröffentlichung eines vergessen geglaubten Films und sind bereits auf viele weitere Streifen aus dem Hause Hammer beziehungsweise Anolis gespannt!

 

Diese BluRay sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis Entertainment zur Verfügung gestellt.

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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