Gefühl und Verführung (Stealing Beauty)

Gefühl und Verführung (Stealing Beauty)

Gefühl und Verführung (Stealing Beauty) ist ein Coming-of-Age Drama von Bernardo Bertolucci (1900, Die Träumer) von 1996.

Die junge Amerikanerin Lucy (Liv Tyler) wird nach dem Tod ihrer Mutter Sarah von ihrem Vater auf eine Reise in die Toskana geschickt um sich von seinem alten Freund Ian (Donal McCann) zeichnen zu lassen. Der lebt dort zusammen mit seiner Frau Diana (Sinead Cusack) und anderen Künstlern, unter anderem der alte M. Guillaume (Jean Marais) und der kranke Autor Alex Parish (Jeremy Irons) leben dort als permanente Gäste. Auch Richard (D.W. Moffett) und Dianas Tochter Miranda (Rachel Weisz) sind zu Besuch, sie erinnert sich noch an Lucy, die vier Jahre vorher schon einmal zu Besuch war. In ihrer Trauer an die Mutter ein wenig alleingelassen freundet sie sich mit Alex an und versucht diese ihr unvertraute Welt quasi im exil lebender Künstler zu navigieren, gleichsam auf der Suche nach Ablenkung und Erfüllung in ihrem Leben….

Gefühl und Verführung (Stealing Beauty)

Von Beginn an merkt Lucy, dass die kleine „Künstlerkommune“ einen etwas schrägen, aber auch entspannten und romantischen, Vibe abgibt. Während Sie noch mit dem Verlust ihrer Mutter kämpft, versucht sie die Spannungen unter den allesamt weitaus älteren reiferen MItbewohnern zu navigieren. Hier fährt Bertollucci noch eine ganze Reihe weiterer Charakter auf, z.B. Christopher (Joseph Fiennes) und seine zweit Kumpels, von denen Lucy sich in den extrovertierteren auch verguckt (nicht zuletzt weil Sie sich erinnert ihn vor vielen Jahren schon mal geküsst zu haben, er erinnert sich aber nicht an sie), während der etwas schüchterne des Trios mit ihr nicht viel anfangen kann. Und dann ist da beispielsweise noch Noemi (Stefania Sandrelli), die eine Art Herzschmerz/Dr. Sommer Zeitungskolumne schreibt, sowie andere ehemalige Freundinnen und Freunde ihrer Mutter, die diese in Lucy sehr wohl wieder erkennen. Ohne von der Story zu viel zu verraten, entwickelt sich die Geschichte ein wenig in die Richtung, dass sie als unreifes junges Ding in Mitten al dieser Erwachsenen etwas verloren ist, sie selbst aber auch eine Chance sieht, hier Lebenserfahrungen zu sammeln – in der Welt ihrer Eltern zu Jungendzeiten. Sich zeichnen lassen ist plötzlich nicht mehr das alleinige Ziel ihres Aufenthalts.

Gefühl und Verführung (Stealing Beauty)

Bertolucci währe nicht Bertolucci, wenn er sich nicht auch hier mal wieder neben Familiengeschichten und Epochen mit dem Erwachsenwerden und verklemmter Sexualität beschäftigen würde. Schöne Aufnahmen, ein solider Soundtrack und recht interessante Darbietungen umrahmen einen Film, der in Bertoluccis typischer Facon sich sensiblen Gesellschafts- und Beziehungsthemen widmet. Dabei kommt ihm als Regisseur das etwas Lolita-hafte von Tyler zu Gute (die sich nicht so viel später One Night at McCool’s zu einer richtigen Femme Fatale entwickelte nur um dann von der Schauspielerei gefühlt jedenfalls wieder etwas Abstand zu nehmen, um dann in Herr der Ringe und dann in dem feinen Jersey Girl aber recht nett Auftritte zu haben). Doch die Figur der Lucy ist vielschichtig, und das passt sehr gut zum Film: einerseits ist sie etwas orientierungslos, unerfahren und zurückhaltend, andererseits ist sie erwachsen genug um sich nichts vormachen zu lassen und sich behaupten zu wissen. Dennoch verspürt sie den Drang, „den richtigen“ zu finden, und das gelingt ihr nicht so einfach. Hinzu kommt ein Verdacht, dass sie vielleicht in Italien gezeugt wurde. Selbst das Objekt der Begierde diverser älterer Männer auf dem Hof muss sie lernen sich als junges Ding in kurzen Röcken nicht objektifizieren zu lassen, aber sich gleichzeitig als attraktive Frau um ihre eigenen Gefühle und Sehnsüchte zu kümmern – nicht gerade ein konventionelles Setting für ein beschleunigtes Erwachsenwerden, aber für Bertollucci genau das richtige: Frivolitäten, Drogen, etwas nackte Haut, laue Sommernächte und Kunst.

Gefühl und Verführung (Stealing Beauty)

Liv Tyler spielt diese herausfordernde Rolle meines Erachtens großartig. Bertolucci hat sie außerdem mit einigen großartigen Schauspielerinnen und – Schauspielern umgeben, die sich sicher darum gerissen haben in einem Bertoclucci Film mitzuspielen, zwischen denen sie aber keinesfalls untergeht. Für sie war es schon ein gewisser Durchbruch, und es handelt sich um eine sehr tiefgründige Rolle, bei der Sie, trotz des Marketings als ein vielleicht eher erotisch angehauchter Film, zeigen kann was sie drauf hat als ernsthafte Schauchspielerin mit einer sehr erwachsenen Materie. Es ist schon so, dass man bei den Marketingmotiven und auch bei Bertolucci, sich einen deutlich ausbeuterischen, clichehaften und auch etwas anrüchigeren Film hätte erwarten können. Dass es sich bei weiten nicht um so einen, sondern um einen eher poetischen, sommerlich angehauchten literarischen Film handelt, spricht für diesen Film der somit weit besser ist als sein Ruf, und ich finde er ist eine überraschend gemächliche und facettenreiche Erzählung. Ich hoffe mit dieser BluRay wird der Film wieder etwas bekannter und vielleicht von vielen auch neu entdeckt.

Der Soundtrack ist ein Mix aus toskanischen Klängen, die auch von Morricone hätten sein können, und kontemporären 90er Hits. Für Bertolucci, der damit nach etwa 10 Jahren wieder einen Film in Italien drehte ist der fast zweistündige Arthouse-Film sicherlich auch, wie das in den Making-Ofs anklingt, eine nette Abwechslung gewesen, nach diversen schwierigen und größeren Epen.

Gefühl und Verführung (Stealing Beauty)

Die BluRay erscheint jetzt neu bei Koch Films (auch der deutlich bekanntere Bertolucci Film Die Träumer erscheint gleichzeitig, unsere Kritik dazu folgt in Kürze). Es gibt zwei Tonoptionen hier für den Film. Die Deutsche Synchronfassung ist als DTS-HD MA 2.0 „Surround“ im Menü angegeben, etwas verwirrtend. Ich interpretiere das als Surround-kompatible Stereo-Spur, denn entweder es sind mehre Kanäle diskret encodiert oder halt nicht, 2.0 heißt eben zwei Kanäle. Aber wir erinnern uns an die Anfangszeit von Dolby Surround bevor es Dolby Digital gab: auch hier waren es zwei Kanäle, die aber so encodiert waren dass entsprechende Anlagen das korrekt zu Raumklang aufpeppen konnten. Und natürlich gibt es die englische Originalversion, die liegt hier als DTS-HD MA 5.1 vor (und die habe ich getestet). Es gibt optional deutsche Untertitel zur Auswahl (übrigens alles auch für die Open-Matte Version, dann aber über die Fernbedienung oder das Pop-up Menü). Im Film wird auch sehr viel italienisch gesprochen, dafür sind englische Untertitel eingebrannt, ich habe nicht nachgeprüft ob in der deutschen Synchronfassung das alles eingedeutscht ist (zuzutrauen ist es der ganzen Synchronisierbande ja).

Als Extras gibt es eine besagte Open-Matte Fassung (kein wirklicher Mehrwert), sow ein internationales und ein US-fokusiertes Promo Featurette (je circa 7 Minuten, mit deutschen Untertiteln, enthält einige Aufnahmen vom Dreh und Interview-Auszüge). Hinzu kommt ein Interview mit Bernardo Bertcolucci (5 Minuten, mit deutschen Untertiteln, er spricht aber Englisch, nicht Italienisch), ein Blick hinter die Kulissen (6 Minuten), ein Lucy Harmon Video (2 Minuten, eigentlich der Vorspann ohne Text – aber im Film wird kurz angedeutet dass jemand sie heimlich gefilmt hatte, und das wäre diese Aufnahme), sowie diverse Trailer und Spots und eine Bildergalerie. Insgesamt hat man sich für diese BluRay viel Mühe gegeben, aber interessant wäre ein Audiokommentar mit Bertolucci und Tyler gewesen bei speziell diesem Film.

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Die BluRay wurde uns zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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