Katanga – Einmal Hölle und zurück / Dark of the Sun / The Mercenaries

Söldnerfilme

In den Wirren des Kongokriegs soll der Söldneroffizier Captain Krüger Menschen und Diamanten aus einem Rebellengebiet in Sicherheit bringen. Mit einem Eisenbahnzug und 40 Mann stößt er 500 Kilometer weit ins Hinterland vor. Dabei entwickelt sich das gefährliche Unternehmen mehr und mehr zu einem Himmelfahrtskommando.

Das dynamische, aktionsorientierte Plakat und der starke Trailer zu Dark of the Sun aus dem Jahr 1968 ließ sein Publikum sofort wissen, dass es sich hier um den ersten Kriegsfilm handeln könnte, der Das dreckige Dutzend toppt. Dieses blutrünstige Stück Chaos-Eskapismus wurde vom britischen Regisseur Jack Cardiff (der für seine Dreharbeiten in feindlichen Umgebungen berühmt ist) gedreht und mischt eine Reihe kontroverser Elemente zusammen. In den 60er Jahren exportierten die Großmächte Kriege in die ganze Welt, obwohl ehemalige europäische Kolonien traumatische Bürgerkriege führten. Eine zynische Mission der Barmherzigkeit befördert einen Zug tief ins feindliche Gebiet des Kongo, wobei das Abenteuer jedoch nicht mit den klaren Linien einer WW2-Fantasie ausgestattet ist, wie zum Beispiel Von Ryan‘s Express (Colonel von Ryans Express, 1965). Die Helden werden hier von gewinnorientierten Söldnern repräsentiert, die für eine Regierung arbeiten, die eng mit den Interessen des europäischen Bergbaus verbunden ist. Angeblich zur Rettung von „Weißen“ geschickt, die in einem abgelegenen Außenposten gefangen sind, wird der wahre Zweck ihrer Mission nur allzu klar – der wahre Preis sind Diamanten im Wert von Millionen von Dollars, um noch mehr Krieg finanzieren zu können.

Dem berühmten Kameramann Jack Cardiff (Schwarze Narzisse, 1947) war auch eine kurze, allerdings erfolgreiche Karriere als Regisseur beschieden. In Katanga verband er seine visuelle Kunst mit der Liebe zu groben Abenteuern, die ihm bei schwierigen Filmaufträgen in fernen Gegenden bereits gute Dienste geleistet hatten: Legend of the Lost / Die Stadt der Verlorenen, Die Wikinger, African Queen. Cardiff verkörperte einen Briten, der nie krank wurde, wenn andere an schmerzhaften Magenkrämpfen litten; während ihn seine Hauptdarstellerinnen so schneidig fanden, sodass sich Sophia Lorens Ehemann sogar gezwungen sah, sich vor Ort aufzuhalten, wenn seine Frau mit Cardiff drehte. Dark of the Sun ist insofern als kompromisslos zu bezeichnen, indem er nichts von dem zurückhält, was tatsächlich in den Turbulenzen des postkolonialen Afrikas passiert ist. Warum Ranald MacDougall das Drehbuch unter einem Pseudonym (Quentin Werty) geschrieben hat, bleibt unklar, wobei das gesamte Projekt in sadistischer Ausbeutung und brutalen Szenen von Zerstückelung, Gemetzel und Vergewaltigung schwelgt. Bei seiner Veröffentlichung trug der Film ein ausgeprägtes Tabugefühl mit sich herum, wie es in schmuddeligen Magazinen zu finden war, in denen Bilder von enthaupteten Hinrichtungsopfern aus abgelegenen, gesetzlosen Ländern gezeigt wurden.

Der Plot versucht unpolitisch zu sein, doch seine Botschaft ist ganz eindeutig: Afrika und Grausamkeit sind austauschbare Worte. Der harte Söldnerführer Bruce Curry (Rod Taylor, perfekt besetzt) stellt mit seinem Partner Ruffo (Jim Brown, frisch aus Das dreckige Dutzend), einem Kongolesen, der aus patriotischen und nicht aus finanziellen Gründen kämpft, einen Hilfszug zusammen. Sie nehmen auch den nicht gerade sehr vertrauenswürdigen Captain Henlein (Peter Carsten, Das Quiller Memorandum – Gefahr aus dem Dunkel, 1966) mit, einen Fanatiker, der noch immer ein Hakenkreuz trägt. Trotz einer offiziellen Erlaubnis ein bestimmtes Gebiet durchqueren zu dürfen, wird der bewaffnete Zug auf seinem Weg von einem Kampfflugzeug der United Nations angegriffen. Curry nimmt die verzweifelte Claire (Yvette Mimieux, Die Zeitmaschine, 1960) auf, die einzige Überlebende eines Massakers auf einer Plantage. Sie wird von Doktor Wreid (Kenneth More, Der längste Tag, 1962) getröstet, einem alkoholischen Wrack, das in der gegenwärtigen Krise schnell nüchtern wird. Sie erreichen zwar den abgelegenen Außenposten, jedoch nur um sich mit Zeitproblemen konfrontiert zu sehen: zweiundsechzig ängstliche Flüchtlinge sind bereit an Bord zu gehen und zu fliehen, doch der örtliche „Bürgermeister“ Bussier (André Morell, Der Hund von Baskerville, 1959) hat die kostbaren Diamanten in einem Safe mit Zeitschloss gesichert. Es wird sich drei Stunden lang nicht öffnen lassen … was ungefähr den Zeitpunkt darstellt, zu dem die mörderische Armee der Simba erwartet wird.

Dark of the Sun gelingt es sehr gut eine völlig amoralische Situation zu präsentieren, da die festsitzenden „weißen“ Flüchtlinge vollkommen ignoriert werden würden, wenn es keine Diamanten gäbe, was die Atmosphäre von Rücksichtslosigkeit und Korruption vervollständigt. Die Drehbuchautoren Ranald MacDougall und Adrian Spies sowie Regisseur Cardiff schienen sehr darauf bedacht zu sein, das volle Ausmaß des Schreckens der heftigen Simba-Attacke zu zeigen, so als ob sie dem Publikum mitteilen wollten: „Seht her, gefällt Euch das etwa besser als eine zivilisierte Kolonialherrschaft!?“ Durch ein Fernglas werden zerstückelte Leichen gezeigt und Claire berichtet davon, wie ihr Vater in Stücke gehackt wurde. Wenn die Simbas angreifen und eine Reihe von „Weißen“ in ihre Hände fallen, gibt es keine Hoffnung auf Rettung – ausnahmsweise muss der koloniale Patriarch sein Versprechen einhalten, seiner Frau in den Kopf zu schießen, um ihr ein „Schicksal zu ersparen, das schlimmer ist als der Tod“. Die Simbas repräsentieren das Äquivalent zu den Apachen aus John Fords Stagecoach (Höllenfahrt nach Santa Fé, 1939), aus dem auch die Figur des betrunkenen Arztes entlehnt worden ist. Die europäische Zivilisation wird weiterhin hochgehalten, als Doc Wreid sich dazu inspiriert sieht, sich seiner beruflichen Pflicht zu opfern. Die Simbas schlachten alles und jeden ab, vergewaltigen Männer und implizit auch Nonnen. Einige Zuschauer behaupten, alternative Schnitte gesehen zu haben, die explizitere Angriffe auf die Krankenschwestern des Arztes und andere Opfer zeigen. Wenn Dark of the Sun nicht einer der ersten Filme gewesen wäre, die unter dem neuen Bewertungssystem veröffentlicht wurden, zeigte dies sicherlich, dass „Unterhaltung für Erwachsene“ nicht eingeschränkt werden konnte.

Cardiffs stilvolle Regieführung weist den Weg zu immer größeren Comicbuch-ähnlichen Darstellungen bewaffneter Gewalt. Der muskulöse Rod Taylor kommt als Actionstar absolut überzeugend rüber und scheint viele seiner Stunts selbst durchzuführen. Er springt zwischen den Zugdächern hin und her, während sich das Vehikel in Bewegung befindet und schmeißt sich in Kämpfe sowie Action-Konfrontationen, als wüsste er doch tatsächlich, was er da tut. Seine angespannte Kumpel Beziehung zu Jim Browns Ruffo funktioniert ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass ihre Gespräche die Last „verantwortungsbewusster“ Einstellungen zur afrikanischen Unabhängigkeit tragen müssen. Für den Rest seiner Laufzeit repräsentiert Dark of the Sun unverfälschtes Pulp-Chaos. Zehn Jahre zuvor wäre Peter Carstens arischer Übermensch wohl von Peter van Eyck gespielt worden. Carstens sowieso bereits enorm stereotype Charakterisierung wird durch Paul Frees‘ seltsame Synchronisation noch weiter kompromittiert, der ihn wie einen generischen Niemand klingen lässt (man beachte: es handelt sich um eine Regionalcode freie Veröffentlichung mit ausschließlich englischer Tonspur). Ein starker deutscher Akzent wäre hier viel angebrachter und glaubwürdiger gewesen.

Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, wenn Dark of the Sun zu Inhalten übergeht, die andere Actionfilme nicht behandeln würden. Zum Beispiel schießt der verabscheuungswürdige Henlein zwei kleine afrikanische Kinder nieder, die nur einen Moment zuvor als putzig niedliche Kids vorgestellt wurden. Henlein entschuldigt seine schändliche Tat damit, dass es sich bei den Kindern mit Sicherheit um Spione der Simbas gehandelt hätte. Zudem wird die Hälfte aller Flüchtlinge von den Simbas brutal vergewaltigt und abgeschlachtet. Nach all diesem Horror erhöht der Film sogar noch den Einsatz von Gewalt. Curry muss einen Kettensägen-Angriff des herumtobenden Henlein abwehren und drückt dessen Kopf daraufhin auf die Schienen, sodass er vom Zug zerquetscht werden könnte. Der finale Showdown zwischen diesen beiden Killern findet dann in einem Flussbett statt und fühlt sich wie ein verlängerter Werbespot für den Toyota Land Cruiser mit Allradantrieb an. Das Fahrzeug rast dabei wie wild über das Gelände und springt über große Felsen, was niemand in Wirklichkeit wagen würde. Wahrscheinlich wurden vier oder fünf Exemplare des Cruisers zu Schrott gefahren, bis die Szene endlich im Kasten war.

Was wirklich überrascht ist, dass … der Film in Westindien und nicht in Afrika gedreht wurde … Rod Taylor und Yvette Mimieux schon in Die Zeitmaschine (1960) zusammen gearbeitet hatten … sich Cardiff und Taylor bei den Dreharbeiten zu Young Cassidy (Cassidy, der Rebell, 1965) kennenlernten und auch The Liquidator (L – Der Lautlose, 1965) gemeinsam drehten … Kenneth More nur wenige Jahre zuvor ein englischer Top-Name gewesen war und in North West Frontier (Brennendes Indien, 1959) mitgespielt hatte … der Kontrast zu Dark of the Sun sehr stark ist, da sich Brennendes Indien an den gesamten Spielplan des edlen kolonialen Spielzeugsoldaten hält … es sich hier um eine Stagecoach-ähnliche Geschichte über einen Zug handelt, der durch feindliches Rebellengebiet rast … sich Dark of the Sun für ein „moralisches“ Ende entscheidet, in dem Curry sein Freundschaftsversprechen Ruffo gegenüber einhält und sich wegen Mordes vor ein Kriegsgericht stellen lassen will. Abgesehen davon, dass diese Aktion einen Vorläufer eines großartigen Erzählstrangs aus Apocalypse Now darstellt, scheint sie wenig Sinn zu machen – es handelt sich hier um keine offizielle Armee, während Curry sowieso ihr ultimativer Kommandeur ist, der damit beauftragt wurde alles Notwendige zu tun, um die Mission erfolgreich beenden zu können. Dies alles lenkt sowieso die Aufmerksamkeit von der „unsichtbaren“ Schlussfolgerung des Films ab, in der Curry das Diamantenvermögen vermutlich an Präsident Ubi (Calvin Lockhart) übergibt, der damit größter Wahrscheinlichkeit nach eine weitere Armee von Mördern aufstellen wird. Jacques Loussiers außerordentliches musikalisches Hauptthema wurde von Quentin Tarantino für Inglourious Basterds (2009) wiederentdeckt.

Bei Amazon bestellen

Regionalcode-frei
Achtung: Nur englische Tonspur !!!

Beim Film-Retro-Shop bestellen

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.