Mothra bedroht die Welt / Mosura

Auf einer durch radioaktive Verseuchung als unbewohnbar geltenden Insel werden einzigartige Pflanzen und zwei zwergenhafte Mädchen entdeckt. Als die Mädchen von dem Geschäftsmann Nelson entführt werden, stellt sich dies als fataler Fehler heraus, denn die Insel besitzt einen mächtigen Schutzgott. Schon bald schlüpft aus einem Riesenei eine Raupe, die sich auf den Weg macht, die Entführten zurück zu holen. Auf ihrem Weg der Zerstörung gelangt das Tier nach Tokio, wo es sich verpuppt und als Schmetterlingsgottheit Mothra in die Lüfte steigt, um die Mädchen zu befreien, auch wenn dies die Zerstörung von Großstädten und den Verlust von Menschenleben bedeutet. Nelson aber ahnt noch nicht, was auf ihn zukommt und treibt weiter sein Spiel. Mothra ihrerseits ist nicht aufzuhalten… (Anolis Entertainment)

Bei Mothra bedroht die Welt handelt es sich um einen der besten von Tohos Monsterfilmen. Der Film stellt eine unglaublich phantasievolle Verschmelzung von Science-Fiction mit Märchenelementen dar und schafft es gleichzeitig noch heute aktuelle Problem-Themen wie Großkapital, Kapitalismus, Rassismus, Naturverschmutzung und Ausbeutung von Mensch sowie Tier mit einzubauen, ohne dabei jedoch den Fokus auf die faszinierende Geschichte zu verlieren. Mothra war der erste kaiju eiga, der sich an ein Familienpublikum richtete, der erste, der ein einigermaßen sympathisches Monster bereithielt und glücklicherweise nicht mit den dämlichen aber ansteckenden Albernheiten der späteren Filme „gewürzt“ wurde. Überraschend japanisch in seiner Art und Weise (frühere Filme versuchten das nicht zu sein) präsentiert der Film eine Geschichte, deren Moral universeller Natur ist. Mothra repräsentiert alles, was man an den meisten Toho-Fantasy-Filmen der späten 50er Jahre und der ersten Hälfte der 60er Jahre großartig finden kann. Während des goldenen Zeitalters des Studios, in der Regel mit Ishiro Honda als Regisseur, gelang es Toho beinahe fortwährend lebendige, spannende und einzigartige Filme hervorzubringen, die die meisten amerikanischen Bemühungen ähnlicher Art im Vergleich recht dumpf erscheinen ließen. Mothra ist originell, aufregend und natürlich spektakulär!

Die Geschichte, die auf der Idee einer riesigen Motte basierte, sollte vom Romanautoren Shinichiro Nakumura geschrieben werden, der die beiden anderen Autoren Takehiko Fukunaga und Yoshie Hotta damit beauftragte, ihm zu helfen. Jeder von ihnen schrieb ein Drittel der Abhandlung, die in einer Zeitschrift als The Luminous Fairies And Mothra serialisiert wurde. Drehbuchautor Shinichi Sekizawa simplifizierte diese dann zu einem vollständigen Skript, das den christlich geprägten Hintergrund von Infant Island beseitigte, viel Politik um Japan und Rosilica aussparte sowie die Anzahl der Shobijin von vier auf zwei reduzierte, sobald feststand, dass die beiden Popsängerinnen Yumi und Emi Ito für den Film rekrutiert werden konnten. Der Höhepunkt fand ursprünglich in Kyushu statt und beinhaltete einen Flugzeugabsturz, die Verfolgung der Bösewichte, die den Jungen Shinji kidnappen und natürlich Mothra, die angeflogen kommt, um die Shobijin zu retten. Es war Columbia Pictures (die bestrebt war, die neuesten und sehr gewinnbringenden Filme von Toho in den USA zu vertreiben) vorbehalten das Ende nach Rolisica verlagern und erneut drehen zu lassen, um dem Film eine „internationalere“ Atmosphäre zu verpassen. Mothra geriet zu einem großen Hit, der die kommerzielle Enttäuschung von Hondas vorherigem Spektakel Krieg im Weltenraum (1959) wettmachte und folgerichtig für seine recht erfolgreiche Veröffentlichung in den USA von Columbia übernommen wurde. Hierfür musste Mothra etwas gekürzt werden, was dem Streifen erfreulicherweise jedoch nicht schadete. In diesem Zusammenhang scheint es erwähnenswert, dass beinahe gleichzeitig ein britischer Monsterfilm Namens Gorgo mit ähnlicher Geschichte auf sich Aufmerksam machte, in dem das Titelmonster London ausradiert, um sein Baby zu retten. Doch das nur am Rande. Mothra entwickelte sich, nach Godzilla, schnell zum beliebtesten Toho-Monster, welches außerdem auch am häufigsten wieder auftauchen sollte.

Mothra bekam sogar einen noch größeren Built-up als Godzilla, der beinahe bis zur Hälfte des Films andauert, bevor man sie zu sehen bekommt. Allerdings spielt das kaum eine Rolle, da der Film von Anfang an mit Intrigen und Rätseln gespickt ist, wobei auch die gesprächigeren Szenen kaum stören, da die Charaktere allesamt interessant gestaltet wurden. Michi, die Heldin, kennt keine Skrupel, wenn es darum geht Bilder für ihre Zeitung zu schießen, während Zenichiro übermäßig spaßig und optimistisch wirkt, später jedoch große Beharrlichkeit und sogar Geschicklichkeit im Kampf an den Tag legt. Obwohl die Kampf-Szene in Inszenierung und Ausführung lächerlich schlecht geraten ist und nicht im Film hätte bleiben dürfen (Honda verwendete aus irgendeinem Grund keine Stunt-Leute für Kämpfe, was sich hier zeigt!). Außerdem gibt es in einem Toho-Film mit Nelson endlich mal einen wirklich schleimigen Bösewicht. Der kommt nämlich wie eine fiesere Version von Carl Denham aus King Kong (1933) rüber und wird bald zum offensichtlichen Symbol des Kapitalismus. Das fiktive Land Rolisica soll eindeutig die USA repräsentieren, weswegen New Kirk City mit einer Manhattan-ähnlichen Skyline ausgestattet ist, obwohl auch russische Elemente eingebaut wurden. Die Zwillingsfeen, die Shobijin genannt werden, spiegeln das totale Gegenteil von Nelson wider, während ihre Szenen mit fast religiöser Ehrerbietung abgewickelt werden. Die Art und Weise, wie sie niemals ihre Beherrschung sowie ihren Mut verlieren, wirkt sich zusätzlich sehr positiv aus. Ihre frühen Auftritte finden auf Infant Island (klasse matte paintings) statt, insbesondere in einer farbenfrohen Grotte, die wunderschön ausgestaltet wurde.

Der „Moment“ bis zu Mothras Erscheinen gebärt sich langwierig und einigermaßen nervig, denn die Eingeborenen müssen natürlich erstmal in Gesang und Tanz ausbrechen, damit ein Steinbruch ein Ei enthüllt, dessen Inhalt scheinbar ewig braucht, um zu schlüpfen. Irgendwann entstehen Risse auf der Schale, woraufhin eine riesige Raupe aus dem Ei herausplatzt und das Publikum mit einem Toho-Spektakel vom Feinsten verwöhnt wird. Die Kreatur macht sich nun schwimmender weise auf nach Tokio, um die Shobijin zu retten und zerstört dabei wirklich alles was im Wege steht. Allerdings nicht aus bösem Willen, denn von den Zwillingsfeen erfährt man ja, dass Mothra weder Gut noch Böse kennt und einfach nur ihre Mission erfüllen möchte. Nachdem Mothra etwas später überraschend aus ihrem zerstörten Kokon am Tokio-Tower geschlüpft ist, fliegt sie nach New Kirk City of Rolisica, wobei Autos durch das Schlagen ihrer Flügel wie trockenes Laub durch die Luft geblasen werden. In der Zwischenzeit kommt es selbstverständlich auch noch zu anderen fachkundig ausgeführten Set-pieces, wie zum Beispiel die Zerstörung eines Dammes.

Der gesamten Mothra-Mythologie wohnen eine Reinheit und eine Anmut inne, die sie äußerst ansprechend erscheinen lässt. Der Film ist mit allen möglichen interessanten Elementen angereichert und wechselt manchmal sogar das Genre, indem er sich kurzzeitig in ein Musical verwandelt, dabei jedoch nie vergisst, dass sein Hauptauftrag darin besteht, ein aufregender Monsterfilm zu sein, der es schafft einen Unterschied zu machen. Manche Zuschauer mögen die Nebenhandlung mit Shinji, der versucht die Shobijin zu befreien, als überflüssig ansehen, jedoch wird das Tempo des Films dadurch nicht ausgebremst. Die Spezialeffekte sind zumeist umwerfend gut gelungen, was Mothra bedroht die Welt alles in allem zu einem technischen Triumph macht, vor allem, wenn man bedenkt, wie viele Effekte hier genutzt wurden und zu welcher Zeit diese entstanden sind. Außerdem geht auch das menschliche Element in Mothra nie verloren, unterstützt von anständigem Schauspiel, vor allem von Komiker Frankie Sakai als Zenichiro, Hiroshi Koizumi aus Godzilla kehrt zurück (1955) als Prof. Shinicho Chujo und Jerry Eto als heimtückischer Nelson, der zwar sehr dick aufträgt aber dennoch als menschlicher Abschaum zu überzeugen weiß. Einzigartig, charmant und aufregend repräsentiert Mothra zweifellos einen Klassiker seiner Art und mit Abstand den besten japanischen Monster-Film, in dem Godzilla nicht vorkommt.

Anolis Entertainment veröffentlicht Mothra bedroht die Welt in einer wie üblich auf 1500 Stück limitierten 2-Disc-Futurepak-Edition auf BluRay und DVD. Das Bild (2,35:1/16:9) bietet auf beiden Scheiben wie bereits gewohnt anständiges Niveau und geht für das Alter des Films mehr als vollkommen in Ordnung. Beim Ton werden uns drei Spuren (deutsch, englisch und japanisch Mono 2.0) geboten, die insgesamt keinen Grund zur Beschwerde geben. Deutsche Untertitel sind auf Wunsch auch zuschaltbar. Die recht umfangreichen Extras bestehen aus einer Bildergalerie, dem US-Trailer, dem japanischen Trailer, der japanischen Super-8-Fassung und einem 20-seitigem Booklet mit interessantem Text von Ingo Strecker. Auch die Audiokommentare zur japanischen Kinofassung von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Ingo Strecker sowie von Florian Bahr und zur deutschen Kinofassung von Steve Ryfle und Ed Godziszewski sind wie immer sehr unterhaltsam und informativ. Insgesamt handelt es sich hier wieder um eine äußerst gelungene Veröffentlichung mit enorm viel Hintergrundinformationen über einen Film, der ein sehr schönes, unterhaltsames Exemplar des Genres darstellt.

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Regisseur(e): Ishirô Honda
Format: Breitbild
Sprache: Japanisch (Dolby Digital 2.0 Mono), Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: Deutsch
Region: Region B/2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Anolis Entertainment
Spieldauer: 100 Minuten

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis Entertainment zur Verfügung gestellt.

 

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 6. Juni 2019

    […] Kandidaten dar, der seine märchenhafte Geschichte ernst nimmt (er ist tatsächlich düsterer als Mothra bedroht die Welt) und sie mit Überzeugung erzählt. Dennoch ist der Film mit einer kleinen Brise an Humor gewürzt […]

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