Scanners – Ihre Gedanken können töten

Cameron hat eine besondere Fähigkeit: Er hört Stimmen in seinem Kopf. Keine Phantasiestimmen, sondern Stimmen von Menschen aus seiner Umgebung. Als er eines Tages zwei Nachbarsfrauen über sich lästern hört, bricht diese kurz darauf mit Schmerzen zusammen. Cameron wird daraufhin von Sicherheitsbeamten zu Dr. Ruth gebracht, der ihm die Wahrheit über sich erzählt: Er ist ein Scanner, und kann Gespräche anderer nicht nur hören, sondern sogar ihre Gedanken beeinflussen. Dr. Ruth will, dass Cameron seine Fähigkeiten zu einem guten Zweck einsetzt – aber in Wirklichkeit hat er ganz andere Absichten! (Wicked-Vision Media)

David Cronenberg gelang es stets Kollaborateure von gehobener Qualität anzuziehen, obwohl er als Macher von „gynäkologischem Horror“ bezeichnet wurde. Parasiten-Mörder (Shivers, 1975) brachte Barbara Steele auf die Leinwand zurück, als viele Fans bereits glaubten, sie hätte sich komplett aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Die Brut (The Brood, 1979) konnte Oliver Reed und Samantha Eggar bereitstellen. Sogar der relativ primitive Shivers hat eine tief gehende, intelligent ausgearbeitete Prämisse; Cronenbergs Filme beunruhigen das Publikum, weil sie die Tatsache, dass wir uns von unseren physischen Körpern entfremdet haben, nicht aussparen. Viele Menschen fühlen sich von ihren Körperfunktionen abgestoßen, da wir kulturell so erzogen werden uns als geistige Wesen zu sehen, die nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Gotischer Horror tangierte oftmals die Idee, dass wir Menschen eine bestialische Qualität besitzen, die unterdrückt werden muss. Cronenberg motiviert seine Schrecken mit außer Kontrolle geratener (oder absichtlich perverser) Wissenschaft. In einer Show verhält sich ein künstlich geschaffenes Organ wie eine Geschlechtskrankheit. Ein anderes „benutzerdefiniertes Anhängsel“ macht aus seinem Besitzer einen sexuellen Vampir. Ein Experiment, das psychologische Traumata externalisiert, lässt eine Frau monströse Kreaturen gebären, die ihre unterbewussten Wünsche erfüllen. Keine dieser Ideen fällt in die Kategorie des guten Geschmacks.

Scanners sollte 1981 zu Cronenbergs Durchbruch führen. Hier gelingt es ihm Science-Fiction-Ideen über mentale Telepathie erfolgreich auf die Leinwand zu übertragen und in einen Thriller über konkurrierende psychische Übermenschen zu integrieren. Brian De Palma hatte mit Carrie: Des Satans jüngste Tochter (1976), einem Film über einen telepathisch veranlagten Teenager, der sich gegen Mobbing verteidigen muss, einen kommerziellen Erfolg erzielt. Sein auffälliger, jedoch unorganisierter Nachfolger Teufelskreis Alpha (1978) trug dann nur noch wenig zu dem Konzept bei. Scanners knüpft an diese Grundlagen an, während sich der Film dann streng an seine eigene innere Logik hält. Der Streifen versteht es dabei wirklich zu beängstigen und stellt nicht nur eine Pflichtübung für ostentativen Gore dar. Die ersten Kinobesucher von Scanners kamen beim Betrachten des Films allerdings oft nicht über die wirkungsvollste und schockierendste Szene hinaus. Ein meisterhaftes Stück Grand Guignol, das in Trailern und TV-Spots groß aufgezogen wurde: In diesem Film explodiert der Kopf eines Mannes !!!

Der Plot handelt von zwielichtigen Experimenten moderner Forschungsunternehmen. Die ConSec Corporation entwickelt seit Jahren eine neue Art von Telepathen. Als „Scanner“ bezeichnet, wurden sie ursprünglich durch Ephemerol, einem Medikament für Schwangere, erschaffen. ConSec hat den Kontakt zu den meisten identifizierten Scannern verloren und Grund zur Annahme, dass ein konkurrierendes Unternehmen diese zu unbekannten, schändlichen Absichten zusammenbringt. Dr. Paul Ruth (Patrick McGoohan) hat ein schwerwiegendes Problem mit Darryl Revok (Michael Ironside), einem verrückten, abtrünnigen Scanner, der alle anderen Scanner ermordet, die er finden kann. Mit Hilfe seiner enormen psychischen Fähigkeiten durchdringt Revok ConSecs Sicherheitssystem mit Leichtigkeit und tötet einen Mitarbeiter (Louis Del Grande) des Unternehmens, der als Scanner-Forscher fungiert. Dr. Ruth lässt den „herrenlosen“ Scanner Cameron Vale (Stephen Lack) entführen und bringt ihn zu seiner eigenen Sicherheit bei ConSec unter. Dem obdachlosen Vale wird geholfen sein „Talent“ zu kontrollieren und das von normalen Menschen ausgelöste, ungewollte telepathische Chaos in seinem Kopf zu beseitigen. Danach schickt Ruth seinen Schüler los, um Darryl Revok aufzuspüren und dessen mörderischem Feldzug ein Ende zu setzen. Vale gelingt es Revoks Killertrupps zu entwischen und sich mit dem ebenfalls von Revok bedrohten Scanner Kim Obrist (Jennifer O’Neill) zusammen zu schließen. Doch die Opposition scheint bei jeder ihrer Aktionen bereits im Hinterhalt zu lauern. Könnte es bei ConSec eine Art Doppelagent geben, der im Sinne Revoks handelt?

Das bewährte paranoide Verschwörer-Thriller-Format versorgt Scanners mit genügend Action und Chaos, um Fans befriedigen zu können und einen ausbeuterischen Trailer ausfüllen zu lassen. Erstaunlich ist, dass Autor und Regisseur Cronenberg sein ziemlich zerebrales Story-Konzept nicht kompromittiert. Teufelskreis Alpha zerfiel in eine Reihe immer albern werdender telepathischer Angriffe und stilvoller Set-pieces. Ein Jahrzehnt davor war George Pals peinlicher Die sechs Verdächtigen (The Power, 1968) ein verfrühter Versuch einer ähnlichen Geschichte gewesen, die sich in Nebenhandlungen und verwirrend „surrealen“ Bildern verlor. Der Fluss von Cronenbergs Ideen bricht dagegen nie ab, während er den Surrealismus in direkterer Form präsentiert. In einer Szene lässt er ein wichtiges Gespräch in einem riesigen Kunstwerk, das einen menschlichen Kopf darstellt, stattfinden. Der Film zeigt eine wirklich bedenkliche Charakteristik in Darryl Revok, einem unglaublich gefährlichen Mann, der in der Lage ist, die Gedanken der Menschen zu vernebeln und ihren Handlungen seinen Willen aufzuzwingen. Revok ist, so wie ihn Michael Ironside (Starship Troopers) auf fesselnde Art und Weise spielt, ganz schlicht und einfach ein unangenehmer und angsteinflößender Zeitgenosse mit ganz eigenen Zukunftsplänen.

Cronenberg spielt mit seiner zentralen Idee und fügt die Konzeptionen klassischer Science-Fiction brillant hinzu. Wenn man erfährt, dass Revok eine neue Rasse von Scannern heranzüchten will, kommt einem die Heimsuchung von telepathischen Kindern in den Sinn, die der aus Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) ähnelt. Die Welt könnte über Nacht von einer durch Drogen modifizierten neuen Rasse von Menschen erobert werden, ein Gedanke, der an H. G. Wells‘ originellen Roman Die Riesen kommen! (The Food of the Gods and How It Came to Earth, 1904) erinnern lässt. „Besseres Leben durch Drogen“ war ein optimistischer Slogan, der die allgemeine Bevölkerung allzu oft zu einem Testfeld für moderne verrückte Wissenschaftler machte. Die Parallele von Cronenbergs fiktivem „Ephemerol“ zu der wirklichen Droge Thalidomid ist genau die Art von geschmacklich herausforderndem Inhalt, der Scanners in ein Territorium von „Gefährlichen Ideen“ führt. Die meisten Science-Fiction- und Action-Thriller geben ihre Konzeptionen schnell zu Gunsten von spannenden Verfolgungsjagden und wilden Schießereien auf. Scanners erhebt sich stattdessen auf eine neue Ebene von konzeptioneller Bedrohung. Als Jennifer O’Neill (Sette note in nero / Die sieben schwarzen Noten, 1977) in einer Arztpraxis wartet, erkennt sie plötzlich, dass sie vom ungeborenen Fötus einer werdenden Mutter gescannt wird. Die Angst vor der Zukunft ist die Angst vor Veränderungen, vor dem Fortschritt, die Angst, dass uns die Technologie eines Tages überflüssig machen wird. Cronenbergs ziemlich genügsame Produktion strotzt nur so vor Ideenreichtum und stellt selbstverständlich einen zentralen Titel gefilmter Science-Fiction dar.

Wicked-Vision Media veröffentlicht die Scanners Trilogy als Nummer 20 ihrer Collector’s Edition im Mediabook (CD + 2 BluRays), das auf 1222 Stück limitiert ist. Bild (1,85:1/1080p) und Ton (deutsch+englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / englisch DTS-HD Master Audio 5.1) bewegen sich auf hohem Niveau, da kann man überhaupt nicht meckern. Die Extras gestalten sich äußerst umfangreich und haben einige Highlights zu bieten: Isolierter Musik-Score • Audiokommentar von Prof. Dr. Markus Stiglegger • Audiokommentar von Prof. Dr. William Beard • Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Gerd Naumann • Inside Scan: Scanners • „The Emphenol Diaries“: Interview mit Stephen Lack • Vintage-Interview mit David Cronenberg und Howard Shore • „Monster Kid“ – Interview mit Chris Walas • „Mind Fragments“ – Interview mit Howard Shore • „Telepathic Visions“ – Interview mit Mark Irwin • „A Method in His Madness“ – Interview mit Michael Ironside • „Pierre David on … SCANNERS“ – Interview mit Pierre David • Deutscher Trailer • UK-Trailer • Originaltrailer • 4 Teaser • TV-Spots • Radio-Spots • Trailer from Hell mit Mick Garris • Bildergalerien mit Artworks, Aushangfotos und Promotionsmaterial. Insgesamt handelt es sich bei Scanners Trilogy um eine äußerst gelungene Mediabook-Edition, die bei Liebhabern und Freunden von David Cronenberg und SciFi-Horrorfilmen, nicht zuletzt aufgrund der üppigen Boni, enorm gut ankommen sollte und in keiner gut sortierten Sammlung fehlen darf.

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Region: Region B/2
FSK: Nicht geprüft
Studio: Wicked-Vision Media
Spieldauer: 311 Minuten

Diese Edition wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision Media zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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