Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild / El hombre que mató a Billy el Niño / … E divenne il piu‘ spietato bandito del sud / The Man Who Killed Billy the Kid

Als die verwitwete Mutter des jungen Billy vergewaltigt wird, schreitet der ein und tötet den Vergewaltiger. Dessen Familie will nun Billy zur Strecke bringen, aber der weiß sich durchaus zu wehren. Billy muss fliehen, wird in neue gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt und schließlich zum gefürchteten Outlaw. Als Sheriff soll ihn sein früherer Freund Pat Garrett zur Strecke bringen. (Wild Coyote)

Der britische Titel The Man Who Killed Billy The Kid scheint ein Verweis auf John Fords The Man who shot Liberty Valence (Der Mann der Liberty Valance erschoss, 1962) zu sein, denn wie in Fords Film wird der titelgebende Bandit nicht von dem Mann erschossen, der anschließend dafür berühmt wurde. Die tödliche Kugel wurde von einem Dritten aus einem Hinterhalt abgefeuert (wieder genauso wie in Fords Film). Allerdings war das Motiv für die betreffende Person eine radikal andere. Der Film erzählt die Geschichte von William H. Bonney in Bezug auf dessen freudsche Mutter-Fixierung und seine Beziehung zu seinen Ersatzvätern. Billy wird ein Gesetzloser, nachdem ein Mann versucht, seine Mutter zu schänden: Er erdolcht zuerst den Vergewaltiger und später erschießt er zwei Brüder des Mannes, die Rache an ihm nehmen wollen.

Billy schlägt sich fortan als Vieh-Dieb durch bis er zufällig den britischen Einwanderer Frank Tunstill (Luis Prendes) kennenlernt, ein Rancher, der sich um zornige jungen Männer und Rebellen kümmert. Der stolze Brite avanciert zu Billies „Ziehvater“. Nachdem Tunstill in einem Krieg zwischen verfeindeten Ranchern (The Lincoln County War) ermordet wird, steigt Billy vorübergehend wieder auf Banditentum um, genießt das Abenteuer und das wilde Leben, entscheidet sich schließlich aber dazu seine Pistolen an den Nagel zu hängen, um ein neues Leben mit Tunstills Tochter Helen (Dyanik Zurakowska), in die er sich verliebt hat, zu beginnen. Doch er kann Pat Garrett und seiner eigenen gewalttätigen Vergangenheit nicht entfliehen…

Der am häufigsten verwendete internationale Titel The Man Who Killed Billy The Kid (in den USA A Few Bullets More) stellt eine Übersetzung des spanischen Titels dar, der italienische Titel bezieht sich auf den Charakter von Billy, der vom top-besetzten Peter Lee Lawrence aka Karl Otto Hyrenbach und Thieme gespielt wird: … e divenne il più bandito spietato del Sud (… und er wurde der rücksichtsloseste Bandit des Südens). Der Titel könnte jedoch ein wenig irreführend sein: Billy wird als eine Person porträtiert, die rücksichtsloser nicht sein könnte aber zur gleichen Zeit in der Lage ist Gefühle der Liebe zu empfinden und Reue zu zeigen. Es scheint keine Frage des „bösen Blutes“ zu sein, doch Gewalt ist zu Billies zweiter Natur geworden. Hier handelt es sich nicht um eine historisch korrekte Nacherzählung der Geschichte, jedenfalls nicht vollkommen.

Ein paar authentische Namen und Ereignisse wurden richtig übernommen – oder eben fast richtig: Billies Mentor Tunstill hieß in Wirklichkeit Tunstall, Fort Sumner war Fort Sommer und für die Annahme, dass Garrett und Billy enge Freunde waren und Garrett wie ein Vater zu dem jüngeren Mann gewesen sein soll, gibt es in Wirklichkeit keinerlei Hinweise. Im Film wird Garrett von dem 45 Jahre alten Fausto Tozzi gespielt; in Wirklichkeit war Garrett nur neun Jahre älter als The Kid. Tunstall (der zweite „Ersatzvater“) war kein Mann mittleren Alters, sondern nur sechs Jahre älter als Billy und erst 25, als er im Jahre 1878 erschossen wurde (da wäre es wohl schon ein Wunder gewesen, wenn er zu diesem Zeitpunkt eine 18-20 Jahre alte Tochter gehabt hätte).

Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild kann an und für sich als kein großer Film bezeichnet werden, versteht es jedoch gut zu unterhalten; die Präsentation des Billy als Opfer der Umstände scheint nun auch im Einklang mit einigen der neueren Theorien über sein Leben zu stehen. Peter Lee Lawrence repräsentiert die ideale Besetzung für The Kid: Er sieht der historischen Figur sogar ein bisschen ähnlich, die nach Aussage von Zeitzeugen ein dünner, anmutiger junger Mann mit blauen Augen, blonden Haaren und einem glatten Teint gewesen sein soll. Allerdings scheint es keinen Hinweis darauf zu geben, dass The Kid eine gestörte Persönlichkeit war, die mit inneren Dämonen zu kämpfen hatte; er wurde eher als humorvoll, lebenslustig und fröhlich beschrieben, als ein junger Kerl, der sich in Wort und Schrift zu artikulieren wusste.

Das Bild wird uns im Format 1:2,35 (anamorph) präsentiert und sieht dem Alter entsprechend noch sehr brauchbar aus. Bildschäden und Verschmutzungen konnten zwar nicht vollkommen entfernt werden und Farben sowie Kontrast sind auch nicht top-notch aber aus dem Ausgangsmaterial war wahrscheinlich ganz einfach nicht mehr herauszuholen. Beim Ton stehen gleich drei Spuren (deutsch, englisch und spanisch) in DD 2.0 zur Verfügung, die alle weitestgehend rauschfrei und angenehm zu hören sind. Leider können keine Untertitel zugeschaltet werden. Als Extras gibt‘s den deutschen Trailer und entfernte Szenen zu bestaunen. Ein Wendecover ist auch vorhanden. Wild Coyote beschert uns mit Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild eine anständige Veröffentlichung eines ehemals als selten geltenden Italo-Westerns. Der Film schafft es zwar nicht so ganz aus der breiten (grauen) Masse der Mittelmäßigkeit des Genres herauszustechen, unterhält aber anständig, wurde gut in Szene gesetzt und verfügt über interessante Schauspieler. Neben den o.g. Hauptdarstellern treten noch Frank Braña, Paco Sanz und Antonio Pica in kleinen Nebenrollen auf. Für Liebhaber unabdingbar, für andere Interessierte auf jeden Fall mehr als ein Blick wert. Nicht zuletzt, weil es sich hier um eine absolute Rarität handelt, die nun weltweit erstmalig auf DVD vorliegt!

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  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 2.35:1
  • Regisseur: Julio Buchs
  • Medienformat: Dolby, PAL, Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 25 Minuten
  • Darsteller: Peter Lee Lawrence, Fausto Tozzi, Dyanik Zurakowska, Gloria Milland, Carlos Casaravilla
  • Untertitel: ‎Deutsch, Englisch
  • Sprache: ‎Deutsch (Dolby Digital 2.0), Spanisch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: Wild Coyote
William H. Boney

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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