Ein schwarzer Tag für den Widder / Giornata nera per l’ariete / The Fifth Cord

Andrea Bild ist ein Reporter, dessen Leben in Selbsthass und Alkoholismus abgedriftet ist. Während er versucht, seine Beziehung zu seiner entfremdeten Frau Hélène wiederherzustellen, wird er in eine Reihe von Morden verwickelt. Andrea beginnt damit Amateurdetektiv zu spielen, wobei er die Polizei übertreffen will, um seine Karriere zu retten. Der geistesgestörte Mörder setzt sich mit ihm in Verbindung und warnt ihn vor Schnüffelei, doch der unerschrockene Reporter lässt sich nicht davon abhalten. Andrea muss dann allerdings feststellen, dass die Sicherheit seiner Frau und seines kleinen Sohnes auf dem Spiel steht.

Giornata nera per l’ariete ist einer der stilvollsten und am schönsten umgesetzten Gialli, die man sich nur wünschen kann. Während die Geschichte, die einem Buch von David McDonald Devine nachempfunden ist, eine Trifle-Routine zu sein scheint, handelt es sich bei ihrer Adaption nicht im Geringsten um eine Routine. Die Verwendung von Farbe und Dekor ist durchweg als atemberaubend zu bezeichnen, wobei einige der Bilder wirklich schön genug sind, um sie zu rahmen und an die Wand zu hängen. Der Plot wird von einem Klischeecharakter getragen, dem alkoholkranken Journalisten, der versucht seine Karriere wiederzubeleben. Es handelt sich dabei um die Art von Figur, die Schriftsteller regelmäßig aus der Mottenkiste hervorholen, um ähnlich banale und abgedroschene Szenarien zu kreieren – aber dank der aufrichtigen Vorstellung und des natürlichen Charismas des Schauspielers Franco Nero wird aus Andrea ein Charakter, der es wert ist, ein bisschen Zeit und Interesse in ihn zu investieren. Von dem Moment an, in dem man zusieht, wie er von einer Neujahrsfeier mit dem Auto nach Hause rast und ein bisschen J&B trinkt, weiß man, dass man es mit einem Mann zu tun hat, dessen Zeit nur geliehen ist. Alle erwarteten Elemente sind vorhanden: seine Karriere geht bergab; seine Ehe ist ein einziges Durcheinander; er liebt seinen kleinen Sohn, spielt in dessen Leben allerdings keine Rolle. Dennoch gerät der Charakter dank des sensiblen Umgangs von Regisseur Luigi Bazzoni und dem Star Franco Nero überzeugend und glaubwürdig. Beiden gelingt es, aus einem gewöhnlichen Giallo etwas ganz Besonderes zu machen.

Die beiden hatten bereits an einer Italo-Western-Interpretation von Prosper Mérimées Carmen mit dem Titel L’uomo, l’orgoglio, la vendetta (Mit Django kam der Tod, 1968) mit Klaus Kinski zusammengearbeitet. Die psychosexuelle Motivation des Mörders wird für einen Großteil der Erzählung kunstvoll verborgen, obwohl erfahrene Fans des filone dies eventuell schon früh erraten können. Die verschiedenen Mordszenen bieten keine spritzigen Gore-Effekte à la Dario Argento, doch Bazzoni gelingt es Aufregung und Spannung durch den kunstvollen Einsatz von Komposition und Schnitt zu erzeugen. Die finale Enthüllung mag ein bisschen vorhersehbar sein, worunter der Streifen jedoch nicht leidet. Hier handelt es sich wirklich um einen Film, in dem die positiven Aspekte, die negativen bei weitem überwiegen. Es wird zwar gemunkelt, dass Regisseur Luigi Bazzoni den Film nur aus kommerziellen Gründen übernahm, sein beachtliches künstlerisches Talent brachte er allerdings trotzdem in den Streifen ein. Ein schwarzer Tag für den Widder bewegt sich in gutem Tempo und ist durchweg interessant anzusehen. Kameramann Vittorio Storaros Einsatz von Licht, Schatten und Farbe ist von unschätzbarem Wert, um sicherzustellen, dass auch die vielen Dialogszenen mit Gefühl und Stil umgesetzt werden. Viele Gialli kommen in ihren „handlungsgetriebenen“ Momenten etwas flach und funktionell rüber, nur um während der Schock- und Spannungs-set pieces zum Leben zu erwachen. Bei The Fifth Cord ist dies glücklicherweise nicht der Fall.

Bazzoni und Storaro arbeiten exzellent zusammen, um selbst die dialogintensivsten Sequenzen zum Leben zu erwecken, wovon der Film auf jeden Fall profitiert. Die Spannungs-Sequenzen wurden mit einer gewissen Wucht inszeniert, während die dramatischen Abschnitte, die zugegebenermaßen mit mehr als einem angemessenen Anteil an Klischees umgesetzt worden sind, mit echter Gefühlstiefe aufwarten. Die herausragenden technischen Verdienste reichen bis zum hervorragenden Score von Ennio Morricone, der von groovendem Easy-Listening bis hin zu wunderbar diskordanten Suspense-Cues schwankt. Morricone war in dieser Zeit mit seinen Partituren für Gialli schwer beschäftigt, doch er war keineswegs nur auf dieses „Genre“ beschränkt: er sollte auch weiterhin alles von Italo-Western und politziotteschi bis hin zu mehr Mainstream-Material und Arthouse-Aufträgen komponieren. Bazzoni und Storaro verstehen es wunderbar die vielen auffälligen Schauplätze auf hervorragende Art und Weise zum Einsatz zu bringen, wodurch sich das Gefühl für Entfaltungsmöglichkeiten und Produktionswerte erheblich steigert. Nero spielt großartig als der zynische sowie glücklose Andrea. Der 1941 geborene Schauspieler begann seine Karriere in italienischen Fotoromanen, bevor er Anfang der 60er Jahre sein Debüt als Filmschauspieler gab. Der gutaussehende aber urwüchsige Darsteller gelangte mit der Titelrolle in Sergio Corbuccis wegweisendem Italo-Western Django (1966) schnell zu Berühmtheit. Nero spielte in zahlreichen Italo-Western mit und trat auch in ausgefallenen „internationalen“ Produktionen wie John Hustons Die Bibel (1966) und Joshua Logans Camelot – Am Hofe König Arthurs (1967) sowie in weiteren „Arthouse“ -Produktionen wie Elio Petris Un tranquillo posto di campagna (Das verfluchte Haus, 1968) und Luis Buñuels Tristana (1970) auf. Franco Nero versuchte sich in vielen Genres, wurde jedoch in den turbulenten 70er Jahren enger mit den sogenannten poliziotteschi verbunden. Seine Bereitschaft, eine weiche, zarte Seite zu zeigen, kontrastierte mit seinem Macho-Äußeren, was ihn zu einem beliebten Star in Italien sowie im Ausland machte. Er ist bis heute aktiv und tauchte 2012 in einem Cameo-Auftritt in Quentin Tarantinos Spaghetti-Western Hommage/Pastiche Django Unchained auf.

Einige Nachschlagewerke bestehen darauf, dass Neros erster Giallo Il terzo occhio (Das dritte Auge, 1966) von Mino Guerrini war, doch der Film ist genauso wenig ein Giallo, wie sein Farb-Remake Buio Omega (Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf, 1979) von Aristide Massaccessi. Andere Referenzwerke verweisen auch darauf Romolo Guerrieris Un detective (Die Klette, 1969) in diese Kategorie aufzunehmen, aber dabei handelt es sich eher um einen proto-poliziottesco mit nur geringen Thriller-Elementen. In ähnlicher Weise steht der bereits erwähnte Das verfluchte Haus für viele Genre-Enthusiasten auf ihrer Liste der Lieblings-gialli ganz oben, doch der Film repräsentiert eher einen psychologischen Horrorfilm, als einen richtigen Giallo. In jedem Fall würde Nero erst Anfang der 2000er Jahre mit einem Cameo-Auftritt in Cattive inclinazioni (Bad Inclination, 2003) zum filone zurückkehren. Die Nebenbesetzung besteht aus vielen bekannten Gesichtern, von denen einige auch in anderen Gialli auftraten: Ira von Fürstenberg war in Mario Bavas 5 bambole per la luna d’agosto (Five Dolls for an August Moon, 1970) zu sehen, während Silvia Monti in Lucio Fulcis Una lucertola con la pelle di donna (A Lizard in a Woman’s Skin, 1971) auftreten sollte. Renato Romano ist in Dario Argentos L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) zu sehen, so wie Rossella Falk in Brunello Rondis Più tardi Claire, più tardi… (Run, Psycho, Run, 1968) und Wolfgang Preiss trat in Duccio Tessaris Una farfalla con le ali insanguinate (Blutspur im Park, 1971) auf. Voyeure werden sich freuen, einige Nacktszenen von der US-amerikanischen Schauspielerin Pamela Tiffin (bekannt als James Cagneys eigensinnige Tochter in Billy Wilders klassischer Kalter Krieg Komödie Eins, zwei, drei, 1961) und einer jungen Agostina Belli zu sehen zu bekommen, die später in größeren, lohnenderen Rollen zu sehen sein würde, wie in Lina Wertmüllers Mimì metallurgico ferito nell’onore (Mimi – in seiner Ehre gekränkt, 1972), Sergio Sollimas Die perfekte Erpressung (Revolver, 1973) und Dino Risis Profumo di donna (Der Duft der Frauen, 1974; später mit Al Pacino in seiner Oscar-Gewinner-Rolle neu aufgelegt); sie war auch Co-Star im Grenzgänger Giallo Doppio delitto (Vom Blitz getroffen, 1977) mit Marcello Mastroianni. Regisseur Luigi Bazzoni hatte zuvor bei La donna del lago mitgewirkt und führte Regie beim trippigen Psychothriller Le orme (Spuren auf dem Mond, 1975) mit Florinda Bolkan und Klaus Kinski, der oft als Giallo aufgeführt wird, sich allerdings nicht richtig als solcher qualifizieren kann.

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Darsteller: Franco Nero, Silvia Monti, Edmund Purdom
Regisseur(e): Luigi Bazzoni
Format: PAL
Region: Region B/2
Anzahl Disks: 1
FSK: Nicht geprüft
Studio: Arrow Video
Spieldauer: 93 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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3 Antworten

  1. 4. März 2020

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  2. 7. März 2020

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  3. 25. Juni 2020

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