Der schöne Körper der Deborah

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Die kürzlich Vermählten Deborah (Caroll Baker) und Marcel (Jean Sorel) sind auf dem Weg nach Genua. Dort begegnen sie Philip (Luigi Pistilli), der ein alter Bekannter von Marcel ist. Weil Marcel angeblich eine gewisse Suzanne (Ida Galli) im Stich gelassen hat, was diese in den Selbstmord trieb, wird Marcel von Philip als Mörder beschimpft. Wenig später versucht Philip sogar Deborah zu töten und wird scheinbar von Marcel ermordet…

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Im Jahr 1968 entstand ein äußerst interessanter Beitrag im Bereich des Giallo, nämlich Romolo Guerrieris Il Dolce Corpo Di Deborah aka Der schöne Körper der Deborah mit Caroll Baker, Jean Sorel, Luigi Pistilli, Ida Galli und George Hilton. Guerrieri drehte mit diesem Giallo einen eher unkonventionellen Vertreter des Genres in der sogenannten „Prä-Argento-Phase“, also bevor Dario Argento durch seinen Film Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe aka L’uccello dalle piume di cristallo (1969) das Genre maßgeblich prägte und somit seinen ganz speziellen Stempel aufdrückte. Vorher hatte Guerrieri bereits einige Western (Sette magnifiche pistole aka Sancho, Dich küßt der Tod, Johnny Yuma und seinen wahrscheinlich besten 10.000 dollari per un massacro aka 10.000 blutige Dollar mit Gianni Garko und Claudio Camaso) gedreht, in den Siebzigern mit Love Inferno einen weiteren Giallo kreiert und steuerte später noch einige Euro-Crime Filme bei. Insgesamt brachte er es auf 14 Filme.

Die Story zu Deborah lieferte der italienische Drehbuchautor Ernesto Gastaldi ab, dessen Handschrift den ganzen Film über zu erkennen ist. Die vielen falschen Fährten und dramaturgischen Kniffe, die den Zuschauer auch inszenatorisch geschickt an der Nase herumführen, sind die typischen Merkmale für Gastaldis ausgeklügelte Drehbücher, die bei näherer Betrachtung zwar einige Logiklöcher in Sachen Stringenz und Kontinuität aufweisen aber trotzdem glänzend zu unterhalten wissen. Gastaldi perfektionierte später seine Drehbücher und erschuf mit Der Killer von Wien (Lo strano vizio della Signora Wardh) und Alle Farben der Nacht (Tutti i colori del buio), bei denen Sergio Martino Regie führte, im Jahre 1971 sogenannte Giallo Referenzwerke.

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Die Figur der Deborah wird von der amerikanischen Schauspielerin Caroll Baker verkörpert, die u.a. aus einigen Umberto Lenzi Gialli bekannt ist. Diese Filme waren allerdings eher auf Thriller bzw. Mysterythriller-Ebene angelegt und deswegen keine typischen Vertreter des Genres wie z.B. Lenzis Paranoia. Jean Sorel, den man aus Aldo Lados wunderbarem La corta notte delle bambole di vetro aka Malastrana (1972) kennen sollte, spielt ihren Ehemann. Der Cast wird originell und prominent von Luigi Pistilli, George Hilton und der schönen Ida Galli ergänzt. Die von ihnen dargestellten Charaktere spielen innerhalb des Plots jedoch eher eine untergeordnete Rolle, denn die Geschichte konzentriert sich ganz auf die Beziehung von Marcel und Deborah, die sich nach und nach immer mehr in einem Netz aus Intrigen verstricken. Die ganze Sache scheint mit Marcels Vergangenheit zusammenzuhängen, denn seine frühere Freundin Suzanne soll sich wegen ihm umgebracht haben…

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Mehr sollte man von der Story erstmal nicht wissen, ist diese doch ziemlich kompliziert angelegt. Der Film nimmt sich Zeit für viele inszenatorische Einfälle und bringt uns dabei stellenweise die „Swingin‘ 60s“, im Gegensatz aber auch die Welt der „Reichen und Schönen“, in der nur Geld und Macht etwas zählen, näher. Die Porträtierung von Dekadenz spielt in diesem Film eine große Rolle, das wird in beinahe jeder Szene klar. Das Verhältnis von Deborah und Marcel ist dementsprechend nicht das eines Liebespaares, sondern viel mehr eine Art „Zweckbündnis“ zweier Menschen, denen es mehr auf Aussehen und Karriere ankommt als auf wirkliche Liebe und guten Charakter (Deborah wechselt z.B. viermal am Tag ihre Kleidung). Fallen die Hüllen zwischen den beiden dann sind es doch nur die Körper die sich lieben, die sich begehren und nicht die Seelen. Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten werden durch einen Kuss für nichtig erklärt und ist man angespannt legt man sich bei einem guten Glas Champagner zu Bette. Natürlich nur in eleganten Hotels mit exquisiter Ausstattung, die vor Schwere und Dekadenz nur so strotzt. Deborah zieht Marcel mit sich, oder ist es doch umgekehrt!? Wer folgt wem? Wer behält dabei die Nerven? Ein ständiges Ungleichgewicht durchzieht das Beziehungsleben der beiden, welches eigentlich nur von Körperlichkeiten geprägt ist. Die nach Aussen getragene Fröhlichkeit ist nur gespielt, die Lust und Leidenschaft nur ein Traum, in den sich die zwei zu flüchten versuchen. Gute Fluchthelfer sind dabei Champagner oder vielleicht doch lieber ein guter Whiskey, dazu Beruhigungstabletten und die Welt ist wieder in Ordnung.

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Das Ende gleicht einem Knalleffekt und dem Zuschauer werden die Augen geöffnet. In äußerst makaberer Weise und viel zu dicke, gar überspitzt, wird die Auflösung präsentiert und die gesamte Bandbreite der Geschehnisse bewusst gemacht. Doch aufgrund der „Wahrheit“, die uns da irgendwie auf eine interessante Art und Weise auf dem Silbertablett serviert wird, zeigt sich wie konfus das Gesamtwerk doch eigentlich ist. Ich nenne es mal reizvoll inszenierten „Wahnsinn“, der uns letztendlich zu einem Schmunzeln verleitet und wir uns fragen warum wir das Verwirrspiel nicht schon viel früher durchschaut haben. Doch gerade das ist es, was den Giallo Film interessant und SEHENSWERT macht. Nora Orlandis Easy Listening Soundtrack trägt maßgeblich dazu bei diesen eleganten aber etwas gemächlichen Kriminalfilm italienischer Machart genießen zu können. Die Story an sich und die Charakterzeichnung der Personen bleibt dabei zwar zumeist recht eindimensional aber das gute Schauspiel, gerade das der beiden Hauptakteure, kann angemessen darüberhinweg trösten.

edition-tonfilm-deborah-1Der schöne Körper der Deborah
ist beim Label Edition Tonfilm als ungekürzte Fassung erschienen und die Erstauflage im Schuber auf 500 Exemplare limitiert. Die DVD bietet kein „Superbild“, brauchbar ist es aber auf jeden Fall. Beim Ton (deutsch und italienisch mit deutschen Untertiteln) verhält es sich genauso.

Dieser Text wurde von Janek Rekos verfasst und mit einigen wenigen Details durch Bluntwolf ergänzt.

Nischenkino bedankt sich recht herzlich bei Janek  für diesen Gastbeitrag !!!

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