El Puro / La taglia è tua… l’uomo l’ammazzo io / The Reward’s Yours… The Man’s Mine

Ein alkoholkranker Revolverheld, der von fünf erbarmungslosen Kopfgeldjägern gejagt wird, findet bei einer Saloon-Tänzerin Unterschlupf. Als seine Feinde das Mädchen töten, reißt sich der Outlaw zusammen, stellt sich seinen Widersachern und nimmt in einem finalen Showdown Rache.

Hin und wieder entdeckt man mal einen Film, den man noch nie gesehen hat und über den man nichts weiß. Das bedeutet immer eine mehr oder weniger große Freude, egal wie gut oder schlecht der Film letztendlich ausfällt. Sollte der Streifen jedoch ein Gewinner sein, so gestaltet sich die Freude umso größer. El Puro stellt solch ein Vergnügen dar und ein ziemlich überraschendes noch dazu. Edoardo Mulargias Ruf als Regisseur ist nicht gerade der allerbeste und auch bei Robert Woods kann man sich nicht immer sicher sein, da er in etlichen recht guten aber gleichzeitig auch in einigen der schlechtesten Italo-Western mitgespielt hat. Also kann man hier eigentlich erstmal nicht besonders viel erwarten, doch was man bekommt entpuppt sich als ein wirklich interessanter Film, der ein gemächliches Tempo an den Tag legt, sich an manchen Stellen als verstörend erweist und voller überraschender Wendungen gegenüber den Genrekonventionen ist, ohne sich allzu weit von dem zu entfernen, was man sich von einem Western wünscht. Der Schnitt gestaltet sich zwar stellenweise etwas holprig, doch im Großen und Ganzen handelt es sich um einen gut gemachten und überzeugenden Film.

Zunächst einmal wird Woods‘ namensgebender Charakter, als eine erbärmliche Figur dargestellt, obwohl er den zentralen Anti-Helden des Films repräsentiert. Chronisch alkoholkrank und ständig den Tod fürchtend, versteckt er sich in einer verschlafenen Grenzstadt und versucht dort den Kopfgeldjägern aus dem Weg zu gehen, die versuchen sich einen Namen zu machen, indem sie den einst gefürchteten Revolverhelden um die Ecke bringen. Er nimmt Demütigungen sowie Schläge in Kauf und säuft sich ins Delirium, anstatt endlich mal richtig auszunüchtern und sich zur Wehr zu setzen. Nur das Saloon-Mädchen Rosie lässt ihn so etwas wie Güte erfahren. Nachdem sie ihn als El Puro erkannt hat, nimmt sie ihn mit auf ihr Zimmer, kümmert sich um ihn und plant sogar eine gemeinsame Zukunft, sobald sie genug Geld gespart hat, um ihr Vorhaben verwirklichen zu können. Währenddessen kommt der entflohene Sträfling und bösartige Bandenführer Gypsy mit seiner Gang von Mördern, Kinderschändern und andersartig „Degenerierten“ in die Gegend, um El Puro aufzustöbern.

Ohne zu wissen, dass aus dem ehemaligen Revolverhelden ein erbärmlicher, betrunkener Einsiedler geworden ist, lässt sich Gypsy von dessen früherem Ruf anlocken und wird dabei von einem alles verzehrenden Verlangen angetrieben, seinen Gegner zu töten sowie das Kopfgeld von 10.000 Dollar zu kassieren und das Territorium für sich zu beanspruchen. Gypsy repräsentiert einen psychopathischen Charakter, der leicht an Indio aus Per qualche dollaro in più (Für ein paar Dollar mehr, 1965) erinnert, während sich seine Bande als ein richtig mieser sowie fieser Haufen erweist. Was schon sehr früh zu Tage tritt, als Tim (Mario Brega) ein junges Mädchen vergewaltigt und deren Großvater erwürgt, während die Gang auf ihrer Suche nach El Puro eine kurze Pause auf dem Anwesen des alten Mannes einlegt. Hier gibt es keinen Platz für Zweideutigkeiten. Das anschließende Drama folgt Gypsys Jagd nach seiner Beute; Rosies Opfer, um ihren Mann zu beschützen und El Puros Erlösung, als er sich der Bande stellt, um Rosies Tod zu rächen. Oberflächlich gesehen scheint es sich um eine unkomplizierte Geschichte zu handeln, doch man lasse sich nicht täuschen. El Puro hält einige echte inhaltliche Überraschungen bereit und schafft es trotz seines offensichtlich mageren Budgets das Interesse des Publikums durchweg aufrecht zu erhalten.

Die Besetzung versteht es hervorragend aufzuspielen. Robert Woods stellt dabei zwar eine Sache für sich dar, da ein Großteil seiner Arbeit (wie bereits erwähnt) in die Kategorie der „minderwertigen“ Filme einzuordnen ist, doch in El Puro übertrifft er sich selbst und liefert eine wirklich überzeugende Darstellung des verlumpten Antihelden ab, der von Angst geplagt, seine Probleme im Alkohol ertränkt, um seine erbärmliche Existenz ertragen zu können. Wahrscheinlich handelt es sich hier um Woods‘ bestes Werk, was sein Ansehen beim Publikum auf einen Schlag ansteigen lässt. Marc Fiorini (hier skurrilerweise als Ashburn Hamilton Jr. gelistet) versteht es in seinem einzigen Italo-Western als Psycho-Bösewicht Gypsy schwer zu überzeugen. Er verkörpert genau die richtige Mischung aus emotionaler Kälte und Besessenheit, um den Charakter angemessen psychotisch rüberzubringen.

Rosalba Neri ist mal wieder exzellent in der tragischen Rolle der Rosie, indem sie den Part der „warmherzigen Hure“ genauso effektiv zu vermitteln vermag, wie in ihren üblichen Auftritten als (Männer mordender) „Vamp“. Ihre schonungslose sowie blutige Todesszene in diesem Film dürfte eine der verstörendsten sein, an die man sich erinnern kann. Sie gestaltet sich zwar nicht so blutrünstig, wie manch andere, doch in ihrer Brutalität ist diese Szene als wahrhaft anschaulich zu bezeichnen, die vor allem anderen die verdrehte Psyche von Gypsy und seinen Männern widerspiegelt. Hier bekommt man wirklich einen Film über gequälte Seelen präsentiert, der sich trotz seiner Gewalt und Schießereien stark auf die psychologischen Kämpfe seiner Protagonisten sowie auf deren daraus folgende Handlungen konzentriert. El Puros emotionale Ergüsse in Richtung Rosie zu Beginn des Films setzen seinen Standpunkt sehr deutlich fest und bleiben als Unterströmung für alles erhalten, was wir von ihm sehen, während sich die Geschichte entfaltet.

Ebenso sind es nicht nur Gypsys brutale Taten oder die widerlichen Taten seiner Kohorte, die ihn als vom Bösen ergriffen kennzeichnen, sondern vielmehr die Art und Weise, wie er auf diese Taten reagiert. Er rühmt sich ihrer Verderbtheit; zeigt sich stark davon begeistert. Eines ist sicher, in diesem Streifen gibt es nichts zu Lachen. Was es allerdings gibt ist ein schöner Soundtrack, der uns vom wunderbaren Alessandro Alessandroni spendiert wird. Die Musik stellt zwar eine klare Mischung aus Für eine Handvoll Dollar und Zwei glorreiche Halunken dar, funktioniert aber wunderbar und erweist sich als eingängig genug, sodass man sie noch Tage nach dem Anschauen des Films vor sich hin pfeift. Leider ist es nicht ganz so einfach an eine Kopie von El Puro heranzukommen, deren Sprache man auch verstehen kann.

Bei der einzigen aktuellen DVD-Veröffentlichung, die uns bekannt ist, handelt es sich um eine französische Ausgabe, jedoch ohne englische Sprachoption (geschweigen denn deutsche) oder Untertiteln. Es kursieren auch gebrannte Kopien einer alten VHS-Veröffentlichung (vermutlich aus den USA?) sowie eine Fan-Version, die auch die vormals gekürzten Passagen enthält (mit englischen Untertiteln) und somit die am längsten laufende (1 Stunde 42 Minuten) repräsentieren dürfte. Bild- und Tonqualität können als ok bezeichnet werden, ohne sehr gut zu sein. Wir können es jedem Italo-Western Liebhaber nur dringend ans Herz legen, zu versuchen an den Streifen heranzukommen. Er fällt definitiv in die Kategorie hidden gem und wird diejenigen belohnen, die ihn aufspüren können.

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  • Alterseinstufung:‎ Nicht geprüft
  • Medienformat:‎ Import
  • Studio:‎ Inconnu
  • Anzahl Disks:‎ 1

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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