Fahrt zur Hölle ihr Halunken / Gli Specialisti / The Specialists

Ein unverschämter Western mit kiffenden Hippies und einem Helden in kugelsicherer Weste mit dem französischen Rockstar Johnny Hallyday als Revolverheld auf der Suche nach den Verantwortlichen für den Tod seines Bruders.

Der wortkarge Revolvermann Brad kommt in das trostlose Provinznest Blackstone, um seinen Bruder Charly zu rächen. Aufgebrachte Bürger der Stadt hatten ihn beschuldigt, die Bank geplündert zu haben und ohne jeglichen Prozess kaltblütig gelyncht. Gemeinsam mit dem mexikanischen Bandenchef El Diablo, der sich außerordentlich für das verschwundene Geld interessiert, macht er sich auf die Suche nach dem Mörder und räumt in dem kleinen Kaff gründlich auf…

Fahrt zur Hölle ihr Halunken aus dem Jahr 1969 repräsentiert den am wenigsten populären einer Reihe von vier Western, die Sergio Corbucci Ende der sechziger Jahre drehte, nachdem ihm der Erfolg von Django (1966) internationalen Ruhm eingebracht hatte. Mit seinen kiffenden Hippies und dem Hauptprotagonisten mit kugelsicherer Weste stellt er auch gleichzeitig den empörendsten des Quartetts dar, wobei sich die Entstehungsgeschichte des Streifens eher obskur gestaltet. Laut Marco Giusti (Dizionario Del Western All’Italiana) wurde Gli Specialisti als Film über einen Spezialisten für Kriegsführung (unter dem Arbeitstitel Lo Specialiste a Mano Armata) angekündigt und Lee Van Cleef als Hauptdarsteller sowie Co-Autor der Originalgeschichte erwähnt (was Alex Cox im Audiokommentar der Edition von Eureka! auch zu bestätigen weiß).

Es wurde wohl ein Drehbuchentwurf ausgegraben, der sowohl von Corbucci als auch von Van Cleef unterzeichnet worden ist, allerdings einen alternativen und sehr suggestiven Titel trägt: Il Ritorno del Mercenario. Das Projekt wurde jedoch fallen gelassen und Corbucci beschloss einen anderen Film zu drehen, in dem er nur einige wenige Ideen des unvollendeten Projekts (zum Beispiel die kugelsichere Weste) zum Einsatz brachte. In der Eröffnungsszene werden vier junge Leute, die wie Hippies aussehen, nach einem Überfall auf eine Postkutsche von mexikanischen Banditen (im wahrsten Sinne des Wortes) durch den Dreck bzw. Schlamm gezogen. Einer der Mexikaner wirft eine Münze in eine große Pfütze voller Schlamm und verkündet, dass derjenige, dem es gelingt sie zu finden, gerettet sei (Enzo Barboni würde diese Idee in Continuavano a chiamarlo Trinità / Vier Fäuste für ein Halleluja wiederverwenden). Die Kamera folgt dem Anführer der Mexikaner in ein Haus, wo er von einem schwarz gekleideten Mann überrascht wird, der alle Banditen tötet und von den Passagieren der Postkutsche als der berühmte Revolverheld Brad Dixon (im Original Hud Dixon) identifiziert wird.

Die Passagiere der Postkutsche sehen ihn daraufhin als einen Freund an, doch Brad antwortet unbeeindruckt, er habe keinen einzigen Freund auf dieser Welt. Brad befindet sich auf dem Weg nach Blackstone, Nevada, um herauszufinden, warum sein Bruder von der Stadtbevölkerung gehängt wurde und was mit dem Geld passiert ist, das er veruntreut haben soll. Ein ehemaliger Freund, der jetzt als Anführer der Banditen El Diablo unterwegs ist, bringt ihn auf die Spur seiner alten „Flamme“ Virginia Pollicut (könnte sie etwa Henry Pollicuts Schwester sein?), der Witwe des Bankbesitzers. Sie kontrolliert praktisch die gesamte Stadt, indem sie alle möglichen Waffen einsetzt, einschließlich Sex. Laut Corbucci, soll Fahrt zur Hölle ihr Halunken ein politischer Film sein. Brad verkörpert dabei einen Rächer, der allerdings nicht nur gegen einen Gegner antritt, sondern gleich gegen eine ganze Gemeinde, welche die wohlhabende bürgerliche Gesellschaft repräsentiert. Das Ganze gipfelt in einer Szene, in der Halliday das Geld der Bewohner von Blackstone vor ihren Augen verbrennt.

El Diablo ist ein Ex-Revolutionär, der sich dem Banditentum zugewandt hat, doch seine Verachtung für Blackstones Bourgeoisie ist ungebrochen: Für ihn repräsentiert sie nur einen Haufen von Idioten, der sich von einer Frau (Virginia Pollycut) an der Nase herumführen lässt. Der Sheriff der Stadt stellt einen Dummkopf dar, der Virginias weiblichen Reizen hilflos ausgeliefert ist. Als die höhnischsten Charaktere von allen sind die vier Hippies zu bezeichnen. Sie belästigen die Besucher des Saloons und zwingen die Einwohner von Blackstone sich auszuziehen und im unerhörten Finale des Films die Hauptstraße der Stadt hinunterzukriechen. Wahrscheinlich sollten sie eine direkte Anspielung auf die Hippie-Bewegung sein, denn als Corbucci anfing an diesem Film zu arbeiten, war bereits klar, dass es keinen radikalen politischen Wandel in Europa geben würde.

Corbucci hielt die Hippies für Parasiten und machte ihren Pazifismus für das Scheitern der Revolution verantwortlich. Halliday war ein bemerkenswert erfolgreicher französischer Rockmusiker, der über 80 Millionen Exemplare seiner Alben verkaufte. Mit seiner schlanken Statur und dem melancholischen Gesichtsausdruck passt er ziemlich gut in die Rolle des Einzelkämpfers. Brad mag zwar ein Revolverheld sein, aber er ist kein Söldner. Er stellt einen einsamen, freudlosen Typen dar, der näher an Silence herankommt, als an jeden anderen von Corbuccis Charakteren. Aufgrund Hallidays mitwirken war der Film in Frankreich sehr erfolgreich, wo er sogar einen Comicstrip hervorbrachte, doch in Italien nahm die Zensur so viele Kürzungen vor, sodass Corbuccis Intentionen vollständig ruiniert wurden. Gli Specialisti wurde im Sommer 1969 in der Voralpenregion der Dolomiten gedreht, während die Blackstone-Szenen in den Elios-Studios in Rom aufgenommen wurden.

Der Film wurde auf Französisch unter dem Titel Le Specialiste (Der Spezialist) gedreht. Corbucci „änderte“ den Titel der italienischen Sprachversion jedoch in Gli Specialisti (Die Spezialisten). Doch wer sollen diese Spezialisten denn eigentlich sein? Sollten etwa die Bürger Blackstones als Spezialisten für Lynchmorde angesehen werden? In der italienischen sowie deutschen Sprachversion gibt es jedenfalls einen kleinen Hinweis darauf, denn gegen Ende der Eröffnungssequenz mit dem Postkutschenüberfall bezeichnet Brad die Bürger als „Fachleute“ fürs Lynchen. Es ist allerdings auch möglich, dass alle Hauptfiguren Spezialisten auf ihrem eigenen Gebiet sein sollen. Sowohl Brad, als auch der Sheriff sprechen im Verlauf des Films von „Geheimnissen ihres Handwerks.“

Zu Beginn der Dreharbeiten soll die Atmosphäre am Set ausgezeichnet gewesen zu sein, doch irgendwann kam es zwischen der französischen und der italienischen Crew zu Problemen und Françoise Fabian beschwerte sich über sexuelle Belästigung während einiger ihrer Szenen. Letztendlich weist der Film zu viele Mängel auf, um ihn als großartig beschreiben zu können, denn es gibt einige recht uninspirierte Momente zu durchstehen, während die antibürgerliche, anti-hippie Botschaft ein wenig übertrieben rüberkommt. Das verschlungene Drehbuch scheint eher für einen Detektivfilm geeignet, als für einen Western. Laut Halliday wurde das Drehbuch – Szene für Szene – am Set geschrieben, was einige seiner Feinheiten und Anomalien gut erklären könnte. Dario Di Palmas Fotografie der alpinen Orte ist als hervorragend zu bezeichnen, wobei sich die Actionszenen als intensiv, unvermittelt sowie wunderschön erweisen und somit zu den besten innerhalb Corbuccis Karriere gezählt werden können. Unvergesslich gestaltet sich auch das ultra-skurrile Finale, das darin gipfelt, dass der schwer verwundete Brad den Hippies mit ungeladener Waffe gegenübersteht und sie aus der Stadt jagt.

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  • Alterseinstufung:‎ Nicht geprüft
  • Regisseur: ‎Sergio Corbucci
  • Laufzeit:‎ 1 Stunde und 44 Minuten
  • Darsteller: ‎Johnny Hallyday, Gastone Moschin, Francoise Fabian
  • Sprachen: Italienisch, Französisch, Englisch
  • Studio:‎ Eureka Entertainment

Alternativ gibt’s noch die alte DVD von Kinowelt / StudioCanal, mittlerweile leider recht überteuert

  • Seitenverhältnis:‎ 16:9 – 2.35:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung:‎ Freigegeben ab 16 Jahren
  • Medienformat:‎ Dolby, PAL, HiFi-Sound
  • Laufzeit:‎ 1 Stunde und 39 Minuten
  • Darsteller:‎ Johnny Hallyday, Mario Adorf, Gastone Moschin, Sylvie Fennec, Françoise Fabian
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Sprache: ‎Deutsch (Dolby Digital 1.0), Französisch (Dolby Digital 1.0)
  • Studio: ‎ Kinowelt / StudioCanal

Die Sergio Corbucci Western Edition von StudioCanal ist leider nicht mehr verfügbar !!!

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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