Geschichten, die zum Wahnsinn führen / Tales That Witness Madness

In der psychiatrischen Klinik von Doktor Tremayne verwischen die Grenzen zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit auf erschreckende Weise. Tremayne „weiß“ um die meist blutigen Geheimnisse seiner vier besonders zu beobachtenden Patienten und schildert deren Geschichten dem eben eingetroffenen Klinik-Inspekteur. Da ist das zähnefletschende Trauma eines kleinen Jungen: ein Tiger, der dessen ewig streitende Eltern schließlich zerfetzt und sehr reale Spuren seines blutigen Tuns hinterlässt. Und da ist der seltsame Tod von Onkel Albert, dessen Blicke aus dem vergilbten Rahmen Feuer, Tod und Zeit zu bestimmen scheinen. Oder die Geschichte von Brian: Er liebt einen morschen alten Baum voller Geheimnisse mehr als seine attraktive Frau. Und schließlich Kimo: Der Hawaiianer zelebriert in aller Öffentlichkeit ein menschliches Blutopfer … (Wicked-Vision)

Dr. Nicholas (Jack Hawkins) fährt eines Nachts vor die Tore eines High-Tech-Asylums mitten auf dem englischen Land und wird hineingelassen. Als er das Gebäude betritt, scheint niemand anwesend zu sein, bis er vom dortigen Chefpsychiater, Professor Tremayne (Donald Pleasence), begrüßt wird, der außerdem aufregende Neuigkeiten für seinen Gast hat. Er berichtet von vier Fällen, an denen er gearbeitet und seiner Meinung nach endlich jeden einzelnen geknackt hat. Dr. Nicholas lernt danach die besagten Patienten kennen und bekommt deren Geschichten zu hören, die allesamt recht unsinnig klingen…

Wenn es wie eine Amicus-Anthologie aussieht, wie eine Amicus-Anthologie klingt und nach allem, was man so weiß, auch nach einer Amicus-Anthologie riecht, was könnte es dann anderes sein, als eine … World Film Services-Anthologie!? Um wen oder was handelt es sich dabei denn eigentlich? Die Firma hatte vom Ende der sechziger bis Mitte der achtziger Jahre einige Titel am Start, eine seltsame Mischung aus Prestigeproduktionen und Genre-Kost, die darauf hindeuteten, dass sie nicht allzu diskriminierend waren, doch als der britische Horrorboom in den siebziger Jahren zu Ende ging, hatten sie keine Bedenken über die Einführung eines eigenen Portmanteau-Chillers in der Hoffnung, dass niemand merkt, dass es sich um ein von Milton Subotsky geschriebenes Werk handelt.

Eigentlich basiert das Ganze hier nicht auf amerikanischen Schock-Comics, sondern entsprang der Feder der britischen Schauspielerin Jennifer Jayne, die hier ein Pseudonym und vermutlich ihre Erfahrung aus ihren Auftritten in original Amicus-Filmen verwendete, einschließlich der ersten und einer derer beliebtesten Anthologien, Doctor Terror’s House of Horrors (Die Todeskarten des Dr. Schreck, 1965), ebenfalls unter der Regie von Freddie Francis. Ihre Ideen reichen von nichts Spektakulärem bis geradezu bizarr, doch mit einer weiblichen Perspektive auf das, was bis zu diesem Zeitpunkt größtenteils ein männliches Gebiet gewesen war. So gab es hier starke Bedenken hinsichtlich weiblicher Charaktere, nicht dass ihre seltsamsten Prämissen überhaupt weniger Outré machten.

Das Eröffnungsgarn, das Dr. Nicholas zu hören bekommt (dies bedeutete Hawkins‘ letzte Rolle, die von Charles Gray synchronisiert wurde, da Hawkins‘ seine Stimme durch eine Krebserkrankung nicht mehr gebrauchen konnte), könnte von einem anderen Film beeinflusst worden sein. Oder zumindest einer Ray Bradbury Kurzgeschichte, in der ein Kind mit einem imaginären – aber eigentlich ziemlich wilden – Lieblingstiger, Erinnerungen an die jüngste Adaption von The Illustrated Man (Der Tätowierte, 1969) wachruft, zumal die beiden Erzählungen auf fast identische Weise abgerundet werden. Als nächstes kommt eine der erinnerungswürdigsten Geschichten dran, die mit dem Hochrad, zu dem sich der Erbe vieler viktorianischer Möbel, Peter McEnery, seltsam angezogen fühlt, als er ein Porträt seines längst verstorbenen Onkels Albert daneben aufhängt. Bevor er weiß, wie ihm geschieht, hat ihn eine übernatürliche Kraft bereits in den Sattel gezwungen und ihn in die Vergangenheit zurückgeschickt, um Alberts früheres Leben zu übernehmen. Jedoch nur einen sehr kleinen Teil davon, da sich die Handlung zu einem Teufelskreis entwickelt, der kaum Sinn macht. In dieser Episode ist auch die äußerst attraktive Suzy Kendall (Torso, 1973) zu sehen.

Als nächstes bringt Michael Jayston ein großes Stück von einem „Baum“ nach Hause und lässt es in seinem Wohnzimmer stehen, worüber sich seine Ehefrau Joan Collins verständlicherweise empört zeigt – nicht zuletzt, weil er sich nun in den Baum verliebt und seine Frau vernachlässigt. Oh ach ja, und der Baum ist irgendwie lebendig und äußerst manipulativ. Natürlich ist er das! Das Ende dieser Episode wirft alle möglichen Fragen auf, auf die man lieber keine Antworten haben möchte, doch man hat sowieso keine Zeit sich damit zu befassen, da Kim Novak im letzten Segment eine exotische Party plant, jedoch nicht merkt, dass ihr neuer Freund Michael Petrovich diese nur mit einem Hintergedanken für sie ausrichtet. In dieser Episode spielt die zukünftige Romana aus Doctor Who Mary Tamm als die Tochter mit, deren Zweck in der Geschichte schon von Anfang an zu erahnen ist. Diese Anthologie, mit der schon viele das zweifelhafte Vergnügen hatten sie spät in der Nacht im Fernsehen gesehen zu haben, gestaltet sich nicht großartig, aber dafür hartnäckig seltsam.

Wicked-Vision veröffentlicht Geschichten, die zum Wahnsinn führen als Nummer 34 ihrer Collector’s Edition im Mediabook mit drei verschiedenen Covermotiven, die alle streng auf 333 Stück limitiert sind und mit exklusiven Artworks aufwarten. Bild (1,85:1 /1080p) und Ton (deutsch + englisch DTS-HD Master Audio 2.0 / Dolby Digital 2.0) bewegen sich auf hohem Niveau, da kann man nicht meckern. Deutsche oder englische Untertitel können zugeschaltet werden.

Extras: 24-seitiges Booklet mit einem Essay von Dr. Rolf Giesen und Christoph N.Kellerbach; Bildergalerie, Originaltrailer; Deutscher VHS-Vorspann; Featurette: „Can I Play with Madness?“ – Erinnerungen an die Dreharbeiten mit Darsteller Leon Lissek und David Wood; Featurette: „What about Mel?“ und einem Audiokommentar mit Film-Historiker Dr. Rolf Giesen. Insgesamt handelt es sich bei Geschichten, die zum Wahnsinn führen um eine äußerst gelungene Mediabook-Edition, die in keinem Regal von Liebhabern und Freunden von Grusel-Anthologien fehlen sollte.

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  • Darsteller: Donald Pleasence, Joan Collins, Jack Hawkins, Russell Lewis
  • Regisseur(e): Freddie Francis
  • Untertitel: Deutsch, Englisch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Wicked-Vision
  • Produktionsjahr: 1973
  • Spieldauer: 90 Minuten

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Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Wicked-Vision zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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