Godzilla und die Urweltraupen / Mosura tai Gojira

Als nach einem Sturm das Riesenei der Schmetterlingsgottheit Mothra an die japanische Küste gespült wird, ruft das sogleich windige Geschäftsleute auf den Plan. Obwohl einige Journalisten versuchen, den zwergenhaften Mädchen von Mothras Heimatinsel zu helfen, das Ei zurück zu bekommen, wird Mothras Nachwuchs zum Spekulationsobjekt. Als dann plötzlich Godzilla auftaucht, ist das Chaos perfekt. Schon bald greift die erwachsene Mothra ein, um ihr Ei zu schützen, doch sie ist schon alt und hat der radioaktiven Echse nicht viel entgegen zu setzen. Doch dann schlüpfen aus dem Ei gleich zwei Raupen und der Monsterkampf geht in die Endrunde, nachdem die Armee erfolglos versucht hat, Godzilla zu stoppen. Doch sind die Raupen der Urmacht Godzillas gewachsen? (Anolis Entertainment)

Liebhabern der Godzilla-Reihe ist bekannt, dass Godzilla und die Urweltraupen, nach Godzilla, als Höhepunkt der Serie gehandelt wird. Mit Sicherheit stellt der Streifen einen sehr guten Kandidaten dar, der seine märchenhafte Geschichte ernst nimmt (er ist tatsächlich düsterer als Mothra bedroht die Welt) und sie mit Überzeugung erzählt. Dennoch ist der Film mit einer kleinen Brise an Humor gewürzt und vergisst nie spaßige Familienunterhaltung zu sein. Natürlich ist Mosura tai Gojira mit Kommentaren zu Hondas Lieblingsthemen wie Kapitalismus und Umweltverschmutzung gespickt, arbeitet sich jedoch nicht daran ab, hat zumeist exzellente Spezialeffekte und gute menschliche Charaktere zu bieten, die das Publikum in der ersten halben Stunde von Anfang an begleiten, bevor der Plot beginnt sich richtig zu entfalten. Die Kürze der Monsterschlachtszenen lässt den Zuschauer allerdings ein wenig enttäuscht zurück, obwohl sie sehr gut inszeniert sind. Zusätzlich stellt sich das Gefühl ein, dass der Höhepunkt nicht ganz richtig funktioniert. Es existieren vier oder fünf Godzilla-Filme, die man als besser gelungen einstufen könnte, einschließlich Frankensteins Monster im Kampf gegen Ghidorah, doch das bedeutet keineswegs das vorliegende Exemplar nicht loben zu können.

Der frühe Teil des Films handelt mehr von Mothra, oder vielmehr ihrem Ei, was Regisseur Ishiro Honda die Möglichkeit eröffnet, seinen Angriff auf skrupellosen Kapitalismus fortzusetzen. Hier kritisiert er sogar die Regierung, weil sie bestimmte Praktiken einfach ignoriert. Die drei menschlichen Hauptprotagonisten sind Variationen von denen aus Mosura, wobei Hiroshi Koizumi diesmal in einer der anderen Rollen zu sehen ist. Die Shobijin erscheinen recht früh im Film und halten dieses Mal ein breiteres Spektrum an Emotionen bereit, bleiben allerdings, wie bereits gewohnt, auch nach dem Versuch sie einzufangen, stets höflich und liebenswert. Nach einer halben Stunde erinnert sich der Film dann daran, dass er sich auch noch um etwas anderes dreht, während das Publikum mit einem der besten Einstiege Godzillas verwöhnt wird. In einer Reihe von gut inszenierten und cleveren Sequenzen (in denen die Methoden zur Zerstörung von Godzilla beinahe glaubwürdig geraten sind und Ausnahmsweise mal keine aufwändigen und hochtechnologischen Waffen beinhalten) kämpft er gegen das Militär sowie selbstverständlich gegen Mothra … und zwar gleich zweimal.

Der erste Kampf hat seine amüsanten Momente – zum Beispiel als Godzilla von Mothra am Schwanz über den Boden geschleift wird – doch es wurde viel Mühe darauf verwendet, das Ganze so real wie möglich aussehen zu lassen, eben als würden zwei Tiere bis zum Tod miteinander kämpfen. Nahaufnahmen bringen große Wirkung, obwohl der Kampf, wie bereits erwähnt, etwas länger hätte dauern können. Mothra, die im Vergleich zu ihrem ersten Film etwas verkleinert wurde, um sich Godzillas Größe anzupassen, kann jetzt gelben Giftstaub versprühen, was sie vorher nicht in ihrem Repertoire hatte. Andererseits wird Kontinuität in diesem Film oft ignoriert, da Infant Island ganz anders aussieht als zuvor. Nämlich ziemlich trostlos, öde, voller Skelette (einschließlich eines einer seltsamen Schildkröte) und mit nur einem kleinen Gebiet, auf dem Vegetation gedeihen kann, also weit entfernt von der tropischen Insel aus Mosura. Was an diesem Streifen vermutlich am unangenehmsten aufstößt ist der Höhepunkt, wo Godzilla von zwei Raupen besiegt wird. Honda und Eiji Tsuburaya gestalten die Sequenz so aufregend wie möglich, indem sie die vielen Felsen der Umgebung sehr gut zum Einsatz bringen, wobei man die heldenhaften Raupen anfeuern möchte. Bedenkt man allerdings, welche Naturgewalt Godzilla in diesem Film darstellt, die genauso unerbittlich, wie unaufhaltsam über die Lande stapft und selbst das Leben von Kindern gefährdet, die in einer Höhle gefangen sind, vor der das Monster tobt, kann der Endkampf nicht auf ganzer Linie überzeugen.

Godzillas Anzug ist wieder ein anderer, weniger Reptil-artig als der vorherige, weniger sperrig, mit kürzerer Schnauze, fleischigeren Wangen, unmenschlicherem Blick und etwas grünerem Panzer. Man mag den vorigen Anzug bevorzugen, doch das leichtere Kostüm ermöglichte es Haruo Nakajima mehr Beweglichkeit und somit mehr Persönlichkeit zu zeigen. Technisch gesehen repräsentiert Godzilla und die Urweltraupen ziemlichen Wahnsinn, bedenkt man die Entstehungszeit des Films. Mothra bewegt sich viel reibungsloser als während ihres ersten filmischen Auftritts und durch den Einsatz eines neuen optischen Druckers konnte Tsuburaya die Qualität seiner matte paintings deutlich verbessern. Es gibt weniger Modellarbeiten zu bestaunen, dafür aber mehr Aufnahmen von Godzilla, der sich inmitten realer Gebäude zu bewegen scheint. In einem leichtherzigen Moment rutscht das Monster in eine Pagode, als wäre es betrunken, während man in einer anderen Sequenz tatsächlich sehen kann, wie Godzillas Kopf mit echtem Feuer angesengt wird. Honda lässt sich in diesem Film wirklich gehen, vielleicht weil er eine Szene enthält, die ihm mehr bedeutet als jede andere in seinen Filmen. Sakai, Nakanishi und Muira reisen nach Infant Island, um Mothras Hilfe gegen Godzilla zu erbitten, wobei sich die Insulaner (die unter Atomtests gelitten haben) durch ein sehr herzliches Gespräch zur Hilfe verpflichtet fühlen sollen, weil sie doch auch zur „Bruderschaft der Menschheit“ gehören.

Das Geplänkel mit Widerhaken zwischen Ichiro und seiner Fotografin Junko (die etwas weniger aufdringlich rüberkommt, als ihr ähnlicher Charakter in Mosura) bringt großen Spaß in einem Film, der mit viel Dialogwitz versehen ist, während ein lustiger Reporter, der ständig Eier verzehrt (wie Jeff Blynn als Kommissar Angelo De Pol in Giallo a Venezia), die beste Wahl für ein wenig comic relief darstellt. Akira Takarada, Yuriko Hoshi und Hiroshi Koizumi geben gute Hauptdarsteller ab und schaffen es, das übertriebene Schauspiel einiger anderer Akteure vergessen zu machen. Akira Ifukubes Musik ist repetitiver als die aus Die Rückkehr des King Kong (1962) und besteht hauptsächlich aus dem Godzilla-Thema sowie dem Mothra-Thema, die abwechselnd gespielt werden. Ifukube schrieb auch ein wirklich schönes Lied mit dem Titel Holy Fountain extra nur für die Shobijin. Godzilla und die Urweltraupen ist ein umwerfender Film, vielleicht nicht der beste Godzilla-Film, wahrscheinlich jedoch der am besten ausgewogene zwischen Angst und Staunen, Ernsthaftigkeit und einfach nur albernem Spaß.

Anolis Entertainment veröffentlicht Godzilla und die Urweltraupen in einer wie üblich auf 1500 Stück limitierten 2-Disc-Futurepak-Edition auf DVD. Das Bild (2,35:1/16:9) bietet auf beiden Scheiben wie bereits gewohnt anständiges Niveau und geht für das Alter des Films mehr als vollkommen in Ordnung. Beim Ton werden uns zwei Spuren (deutsch und japanisch, DD Mono 2.0) geboten, die insgesamt keinen Grund zur Beschwerde geben. Deutsche Untertitel sind auf Wunsch auch zuschaltbar. Die recht umfangreichen Extras bestehen u.a. aus einem 20-seitigen Booklet mit interessantem Text von Ingo Strecker und den Audiokommentaren zur japanischen Kinofassung von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer sowie von Florian Bahr, die wie immer sehr unterhaltsam und informativ ausgefallen sind. Insgesamt handelt es sich hier wieder um eine äußerst gelungene Veröffentlichung mit enorm viel Hintergrundinformationen über einen Film, der ein sehr schönes, unterhaltsames Exemplar der Kaiju-Classics darstellt.

GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN war der vorerst letzte Film, in dem Godzilla sich komplett von seiner bösartigen Seite zeigen durfte. Das bei Fans beliebteste Design der Riesenechse und das Zusammentreffen mit dem erfolgreichen Riesenschmetterling Mothra lassen das Herz von Monsterfreunden höher schlagen. So muss japanisches Monsterkino aussehen… (Anolis)

DVD 1:
– Japanische Kinofassung inkl. Audiokommentar von Jörg Buttgereit, Bodo Traber und Alexander Iffländer & Audiokommentar von Florian Bahr
– Japanischer Kinotrailer
– Japanisches Werbematerial

DVD 2:
– Deutsche Kinofassung
– Interview mit Akira Takarada
– Super-8-Fassung
– Deutsches Werbematerial

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Darsteller: Akira Takarada, Yuriki Hoshi, Hiroshi Koizumi, Emi Ito, Yumi Ito
Regisseur(e): Inoshiro Honda
Format: Breitbild
Sprache: Japanisch (Dolby Digital 2.0 Mono), Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono)
Untertitel: Deutsch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
Studio: Anolis Entertainment
Produktionsjahr: 1964
Spieldauer: 85 Minuten

Aufgrund vertraglicher Vorgaben dürfen wir bei Toho-Titeln Blu-rays nicht im Bundle mit DVDs veröffentlichen. Deshalb erschien – im Gegensatz zu MOTHRA BEDROHT DIE WELT – die Kaiju Classics VÖ von GODZILLA UND DIE URWELTRAUPEN ohne HD-Medium. Die entsprechende Blu-ray erscheint nun dafür am 13. Dezember. (Anolis Entertainment)

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis Entertainment zur Verfügung gestellt.

 

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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