Inferno unter heißer Sonne / Al tropico del cancro

Auf Haiti hat der renommierte Wissenschaftler Dr. Williams ein geheimnisvolles Serum entwickelt, dessen Wirkung etliche halbseidene Interessenten auf den Plan ruft. Zuerst versucht man es mit Geld und guten Worten, doch als sich der Doktor verweigert, müssen überzeugendere Argumente herhalten: Eine mysteriöse Mordserie erschüttert das Inselparadies. Die Polizei tappt im Dunkeln, und dann erscheint auch noch ein alter Bekannter von Williams auf der Bildfläche, der mit seiner Ehefrau ein paar Urlaubstage in der Karibik verbringen will. Bald treiben alle Beteiligten in einem Strudel aus Voodoo, Mord und nackter Haut auf eine tödliche Konfrontation zu, die wie ein Hurrikan durch die Palmen fegt… (Camera Obscura)

1972 war offensichtlich ein großes Jahr für Gialli, weswegen es immer eine willkommene Überraschung bzw. Abwechslung darstellt, wenn ein Film mal versucht nicht nach den gewohnten Konventionen zu gehen, um nach etwas anderem zu suchen. Leider reichen gute Vorsätze nicht immer aus, denn Inferno unter heißer Sonne mag zwar anders sein, ist aber trotzdem nicht sehr gut geworden. Zuerst einmal muss man alle Gedanken an Henry Miller aus dem Kopf streichen, weil dieser Film überhaupt nichts mit dessen erotischem Literaturklassiker (Tropic of Cancer / Wendekreis des Krebses) zu tun hat. Es gibt natürlich einiges an nackter Haut und weiterem sleaze zu bestaunen, doch das macht den Streifen genauso wenig zu einer Variation von Millers Roman, wie Der schwarze Leib der Tarantel (1971) ein Stück über Jean-Paul Sartre ist.

Der Titel bezieht sich stattdessen auf die „exotische“ Kulisse des Films, was sehr interessante Ergebnisse hätte bringen können, wenn man es doch nur verstanden hätte etwas Vernünftiges damit anzufangen. Stattdessen bekommt man stark schwitzende Charaktere und viele zeremonielle Rituale der Eingeborenen vorgesetzt, was allerdings nicht viel zur lokalen Färbung oder Atmosphäre beiträgt. Die müde Geschichte basiert auf einer Variation von Industriespionage, wie man sie in Dario Argentos Il gatto a nove code (Die neunschwänzige Katze, 1971) finden kann. Im Grunde stellt der Plot nichts anderes als das übliche Giallo Arrangement einer Gruppe von intriganten Charakteren dar, die sich gegenseitig in den Rücken stechen, um an Reichtum, Sex oder sonst etwas zu gelangen. Insofern ist die Formel selbst als eine Art „MacGuffin“ zu bezeichnen, da sie dem Publikum nie überzeugend erklärt wird.

Was genauso gut auch egal sein kann, da die Droge (um die es eigentlich geht) fast zur Nebensache gerät. Alles was zählt ist, dass die Protagonisten sie haben wollen und bereit sind alles zu tun, um sie zu bekommen. Ausgefeilte Charakterisierung ist so gut wie nicht vorhanden. Dr. Williams (Anthony Steffen) soll rätselhaft erscheinen, ist aber nur langweilig. Bei Grace (Anita Strindberg) und Fred (Gabriele Tinti) spielt sich nicht gerade ein Melodrama ab, obwohl ihre ermüdenden Eheprobleme viel zu oft in Szene gesetzt werden. Dem Rest der Charaktere ergeht es diesbezüglich noch schlechter. Offensichtlich wurde nicht viel darüber nachgedacht, die Figuren auf irgendeine sinnvolle Art und Weise zu entwickeln. Dies ist in einem Giallo gar nicht mal so ungewöhnlich, doch wenn die Geschichte nicht einmal spannend ist und kaum Schockwerte zu bieten hat, kann dies zu einer sehr lahmen und einfallslosen Erfahrung führen. Die Regie wird Giampaolo Lomi und Edoardo Mulargia zugeschrieben, wobei es am wahrscheinlichsten erscheint, dass die Arbeit in erster Linie vom letzteren geleistet wurde.

Edoardo Mulargia (hier als Edward G. Muller) wurde 1925 auf Sardinien geboren, begann in den 50er Jahren als Drehbuchautor und gab 1962 sein Regiedebüt. Mit Titeln wie Cjamango (Django – Kreuze im blutigen Sand, 1967) und Non aspettare Django, spara (Django – Dein Henker wartet, 1967) spezialisierte er sich auf Italo-Western, allerdings gelang es ihm dabei nie seine Streifen als etwas Besonderes zu etablieren. Inferno unter heißer Sonne repräsentiert seinen einzigen Beitrag zum filone. Er starb 2005. Über seinen Co-Regisseur Giampaolo Lomi scheint nicht viel bekannt zu sein. Lomi wurde 1930 geboren und trat hauptsächlich als produzierende Kraft im Filmgeschäft auf.

Er kollaborierte an dem von Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi inszenierten „Mondo“ Schock-Dokumentarfilm Addio zio Tom (Addio Onkel Tom, 1971) und wurde später als alleiniger Regisseur für einen obskuren Film mit dem Titel I baroni (The Barons, 1975) mit den Giallo-Veteranen Ira von Fürstenberg (5 bambole per la luna d’agosto, Ein schwarzer Tag für den Widder) und Leopoldo Trieste (Im Blutrausch des Satans, Wenn die Gondeln Trauer tragen) aufgeführt. Über die 70er Jahre hinaus scheint er nicht sehr aktiv gewesen zu sein. Neben der trägen Regieführung und einem langweiligen Drehbuch wurde der Film außerdem noch mit lustlosen schauspielerischen Leistungen gestraft. Anthony Steffen verkörpert sein gewohnt hölzernes Selbst, während Anita Strindberg durch die Teilnahme an verschiedenen Nackt- und Sexszenen wenigstens eine gewisse Ablenkung von der allgemeinen Langeweile gewährleisten kann. Andere bekannte Gesichter sind Umberto Raho (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, Die neunschwänzige Katze, Die Grotte der vergessenen Leichen) und Gabriele Tinti (Der Flug des Phoenix, Das wilde Auge, Der aus dem Regen kam), doch auch ihnen gelingt es nicht richtig größeren Eindruck zu hinterlassen.

Darsteller: Gabriele Tinti, Anthony Steffen, Anita Strindberg, Stelio Candelli, Umberto Raho
Regisseur(e): Edoardo Mulargia, Gian Paolo Lomi
Format: Import
Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Region: Region 2
Bildseitenformat: 16:9
Anzahl Disks: 1
FSK: Nicht geprüft
Studio: Camera Obscura
Spieldauer: 94 Minuten

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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