Marighella – Berlinale Special

Mein zweiter und letzter Berlinale-Ausflug dieses Jahr ging in den grandiosen Friedrichstadtpalast. Das ist zwar auch nicht die ergonomischste Art und Weise den Abend zu verbringen, aber die größte Leinwand dies gibt – und natürlich war der Saal halb voller Brasilianer: Der Film war Marighella, das Regiedebut von Wagner Moura (zuletzt als Pablo Escobar in der Serie Narcos zu sehen). Moura konnte schon bei der Berlinale 2008 glänzen, als der Film Tropa de Elite mit dem Bären ausgezeichnet wurde. Darin spielt er die Hauptrolle, ebenso beim zweiten Teil des Filmes, der zur Berlinale 2010 erschien. Da konnte ich dann auch selbst dabei sein (Furious Cinema Kritik hier zu lesen). Marighella ist eine Biografie des linken brasilianischen Widerstandskämpfers, Autors und Politikers (siehe Wikipedia) – eine hochgradig kontroverse Materie, auch Jahrzehnte nach der Wiederherstellung der Demokratie in diesem schönen Land.

Der Film handelt von Carlos Marighella (Seu Jorge), der in Brasilien nach dem Militärputsch zusammen mit Mitgliedern linker Parteien, Studenten und ländlichen Guerilla gegen das Regime kämpft – und das mit zunehmend brutaleren Methoden. Das kostet ihn nicht nur Verbündete, die beispielsweise eher unbewaffnet Widerstand leisten möchten, sondern auch Freunde, denn vor allem die Geheimpolizei setzt den Revolutionären arg zu, nimmt Mitglieder seiner Gruppe gefangen, mordet und foltert. Seine Frau hat er deswegen auch verloren, und seinen Sohn schickt er in die Provinz unter falschem Namen auf eine Schule. Das Regime wird aufgrund der immer intensiveren Terrorattacken nervöser, und brandmarkt Marighella, kräftig unterstützt durch die Amerikaner, als Terroristen, und zieht die Schlinge immer enger. Er weiß, den Kampf kann er nur gewinnen, wenn er die Bevölkerung hinter sich bringt. Doch Zensur und Medienkontrolle sorgen dafür, dass die Message seiner Leute nicht die Massen erreicht… sie müssen untertauchen, die Geheimpolizei auf ihren Fersen… (kleiner Einschub zur Einordnung: die Militärdiktatur zementierte ihre Gewalt 1969 erst so richtig, dem letzten Jahr von Marighellas Aktivitäten. Erst in den frühen 80ern lockerte das Regime seine Macht und ließ ’85 nach 21 Jahren Diktatur wieder freie Wahlen zu.)

Schwierig ist es wie immer, zu bewerten, in wie weit die Heroisierung von Widerstandskämpfern, die sicherlich auch Menschenleben auf dem Gewissen haben, in so einem Film gerechtfertigt ist (des einen Terrorist ist des anderen Widerstandskämpfer, usw.). Bewaffneter Widerstand ist dann ein Aspekt, Ideologie ein anderer. Die Geschichtsschreibung ist mit Diktaturen in der Regel wenig gnädig, und ohne zum Historiker zu werden dürfte ebenso bekannt sein, dass nicht jeder Befreiungskampf in einem demokratischen Schlaraffenland mündet. Ich wohne nebenbei bemerkt in einer Gegend von Berlin, in der sehr viele Straßen nach linken Widerstandskämpferinnen und -Kämpfern benannt sind, darunter übrigens auch ein paar Straßen weiter eine nach Olga Benario-Prestes, die in Brasilien viele Jahre vor Carlos Marighella gegen die Diktatur gekämpft hatte. Auch über sie gibt es mehr als nur eine brasilianische Spielfilminterpretation.

Warum hole ich so aus? Wagner Moura unternimmt mit Marighella einen sehr mutigen Schritt, und noch dazu als sein Regiedebut. In Brasilien wurde vor kurzem ein Politiker vom rechten Rand zum Präsidenten gewählt, jemand der die Militärdiktatur öffentlich schön redet. In der brasilianischen Presse und auf Internetkanälen wie Twitter kann man über den Film derzeit die unterschiedlichsten krassen Dinge lesen, der Präsident selbst hatte sich gar zum Film geäußert, und Moura natürlich mutigerweise auch über den Präsidenten. Dass der Film mit seiner Kritik am an der faschistischen Militärdiktatur und seinen Methoden sehr aktuell ist, dürfte jedenfalls für alle außerhalb der „alt-right“ Filterbubble relativ klar sein. Darüber hinaus macht sich der erfolgreiche Schauspieler mit diesem Film aber endgültig zum Erzfeind der rechten Klatschpresse durch seine Hochstilisierung des linken „Terroristen“. Und das, nebenbei bemerkt, wo doch sein Karrierevater, der Regisseur Jose Padilha, mit dessen Filmen und Serien er zum Weltstar wurde, damals und regelmäßig eher vorgeworfen wurde, faschistische Tendenzen zu propagieren: die Spezialeinheit BOPE als „coole“ Tötungsmaschine in den Slums von Rio in den beiden Tropa de Elite Filme, ein Polizeiroboter im unterirdischen Remake von Robocop.

Politik und Geschichte beiseite, man kann davon ja letztlich dann halten was man will, ob man das nun für sich selbst als Lobhudelei über linke Bombenwerfer abtut oder als wichtige Mahnung zum Aufstehen gegen Autoritarismus – banalisieren sollte man es nicht, aber sachlich darüber sprechen – Marighellas Guerilla-Anleitungen standen u.a. auch im Handapparat der RAF. Der Film selbst schafft es, die Materie für das Festivalpublikum (und hoffentlich auch bald für das brasilianische Kinopublikum) jedenfalls so zu verpacken, dass daraus weder eine ideologische Predigt wird, noch ein Politdrama. Auch ist der Film nicht so dick aufgetragen wie beispielsweise Olga. Es geht um Marighella selbst und seinen engeren Zirkel, ohne große Tiefen, ohne viele Hintergründe.

Das ist einerseits eine große Schwäche des Films – er wirkt dadurch unglaublich flach – andererseits eine Stärke, denn Moura kann sich damit auf stilistische Finessen und seinen Mimen konzentrieren. Seu Jorge, Musikliebhabern sollte er bekannt sein (Amazon, Spotify), ist einer der ganz großen brasilianischen Musiker unserer Zeit, und bietet seit vielen Jahren auch auf der Leinwand eine gute Darbietung nach der anderen.

Der Film hüpft zeitlich ein wenig, und versucht damit zu erklären wie sich Marighella radikalisiert haben könnte, wie ihn die Distanz zu seinem Sohn belastete und welchen Platz in der Widerstandsbewegung er einnahm. Was wir nicht erfahren sind die Hintergründe der anderen Mitstreiter. Bis auf wenige Ausnahmen und Andeutungen kratzt der Film hier wie gesagt sehr an der Oberfläche. Für den Zuschauer wird dieser Freiheitskampf damit … übertragbar. Ob das Absicht ist? Auch erfahren wir wenig über Politik und Ideologie, über Marighellas revolutionäre Konzepte oder moralische Diskussionen. Damit platziert sich der Film, wie seine Kritiker es vorwerfen, im Bereich einer Pop-Kulturisierung der Revolution, in der Style und Phrasen die Komplexitäten der Landesgeschichte überragen. Ja, kann man so sehen finde ich.

Obwohl ich vom Film stark beeindruckt war, lässt er diese Flanke in Richtung seiner Kritiker offen. Der Film setzt viele Annahmen für gegeben voraus und priorisiert den Look-and-Feel der 60er über eine ausgewogene historisch-akkurate Darstellung aus politischer Sicht. Eine akademische Auseinanersetzung dürfte für all diejenigen, die hier neugierig werden also Pflicht sein. Der Film ist keine Doku. Aber so what, als ob wir diese Art der Messlatten bei jedem anderen Film anlegen würden, vor allem nicht bei denen aus Hollywood. Trotz all seiner Schwächen gefällt mir Marighella zehnmal besser als Der Baader-Meinhof Komplex beispielsweise.

Letztlich fällt es mir unglaublich schwer ein wirklich fundiertes Urteil über den Film zu fällen. Wer sich für die Materie interessiert kann jedoch grundsätzlich reingucken, es erwartet ein gut gemachter Film! Wer mit den geschichtlichen Hintergründen sehr gut vertraut ist wird den Film anders einordnen, ebenfalls wenn man bereits ideologisch vorgefestigt (egal aus welcher Richtung) in den Film geht. Wagner Mouras verdienst ist ein gut aussehender, mitreissender und fein gespielter Film, über den man noch lange reden wird, aber: er ist von einem Meilenstein dennoch weit entfernt. Eine Debatte über die brasilianische Diktatur ankurbeln wird er aber hoffentlich, denn das ist, wer das Land etwas kennt weiß das, nach wie vor sehr wichtig. Das aktuelle politische Klima macht das gleichzeitig schwer als auch akkut. Marighella war sehr interessantes Berlinale Erlebnis. Bis zum nächsten Jahr!

Bilder: O2 Filmes

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. Ben sagt:

    Sehr schöne Rezension. Der Autor vergleicht den Film nicht einfach mit andere Hollywood Blockbuster,sondern beschäftigt sich mit dem Geschichtlichen Hintergründen. Leider muss man sich dabei auch um die aktuelle Situation in Brasilien beschäftigen. Denn das ist der Grund warum der Film überhaupt entstanden ist.