Napoli … serenata calibro 9 / Naples … Serenade by Caliber 9

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Die Ehefrau und der kleine Sohn von Don Salvatore Savastano (Mario Merola), dem Kopf des Zigarettenschmuggelrings in Neapel, werden vor den Augen des Dons von vier maskierten Räubern erschossen, während die Familie in einem Restaurant die Erstkommunion des Jungen feiert. Von da an ist es Don Salvatores einziges Ziel mit seinen eigenen Händen für Gerechtigkeit zu sorgen. Mailì (Ria De Simone), die Geliebte des Gangsters Totonno O Pazzo (Aldo Canti als Nick Jordan gelistet) – dem Anführer der Verbrecherbande, die Savastanos Familie umgebracht hat – beschließt Don Salvatore die Wahrheit zu offenbaren, um sich an ihrem untreuen Liebhaber zu rächen. Einer von O Pazzos Handlangern durchschaut jedoch ihre Absichten, weswegen die Frau von Totonno entsorgt wird. Dank Gennarino (Marco Girondino), einem verwaisten Straßenkind, das Don Salvatore unter seine Fittiche nimmt, gelingt es Savastano die Mörder zu entlarven. Allerdings landet er in den Händen der Verbrecher und droht von einer Bombe in die Luft gesprengt zu werden. Glücklicherweise wird er gerade noch rechtzeitig von Gennarino gerettet. Während die vier Gangster Don Salvatores vermeintlichen Tod feiern, kreuzt Savastano schwer bewaffnet auf und schaltet drei von ihnen aus. Totonno kann jedoch flüchten und nimmt Gennarino als Geisel. Nach einer langen Verfolgungsjagd mit Motorbooten wird er letztendlich von Don Salvatore zur Strecke gebracht. Danach stellt sich der Don der Polizei.

Nach dem kommerziellen Abenteuer mit L’ultimo guappo (1978) und von Ciro Ippolitos Firma C.P.S. produziert, stellt Napoli … serenata calibro 9 einen der erfolgreichsten neapolitanischen Kriminalfilme der späten 1970er Jahre dar. Die Handlung, die sich um Mario Merolas Suche nach einer Verbrecherbande dreht, die seine Frau und sein Kind getötet hat, erinnert an ausgemachte poliziotteschi wie Umberto Lenzis L’uomo della strada fa giustizia (Manhunt in the City, 1975) und Fernando Di Leos La città sconvolta: caccia spietata ai rapitori (Auge um Auge, 1975), während sich das Quartett von rücksichtslosen Kriminellen, gegen die er kämpft, näher an den Psychos befindet, die von Tomas Milian und Helmut Berger in Lenzis Milano odia: la polizia non può sparare (Der Berserker, 1974) bzw. Sergio Griecos La belva col mitra (Der Tollwütige, 1977) verkörpert werden. Eine Tatsache, die aufzeigt, dass die Bindungen zum poliziotteschi-Genre in den sogenannten Guapparia-Filmen von ’78 bis ’79 stärker gewesen sind, als in späteren Jahren. Die Eröffnungssequenz, in der ein Motorboot mit einer beträchtlichen Ladung an Marlboro-Zigaretten am Dock ankommt, wo die Komplizen der Schmuggler – in einem perfekt synchronisierten Vorgang, der nur wenige Minuten dauert – das Zeug in ihren Autos verstecken und wegfahren, ist als ein ikonischer Moment zu beschreiben, der die populistische Strategie Alfonso Brescias definiert, die den Zuschauer dazu einlädt, sich auf die Seite der Schmuggler zu schlagen, die als clever, erfinderisch und mutig dargestellt werden.

Eine Sceneggiata (eine neapolitanische Variante des Kriminalfilms, die eine für Neapel typische Form des musikalischen Dramas repräsentiert) könnte man ohne mindestens eine Gesangseinlage (von Lucia Cassinis bizarr befremdlichem Auftritt ganz zu schweigen) nicht als solche bezeichnen, wobei Napoli … serenata calibro 9 keine Ausnahme darstellt. Der Vorwand für diese Gesangseinlage kommt wie üblich während einer geselligen Szene auf (der Erstkommunion von Don Salvatore Savastanos Sohn), in der alle Anwesenden Mario Merola dazu auffordern ein Lied zu singen. Hier wird der Auftritt des Protagonisten zu einem unheilschwangeren Moment, da Brescia ihn mit Aufnahmen der vier Räuber zwischenschneidet, die mit ihren Motorrädern durch die Straßen fahren und schließlich in das Restaurant stürmen, womit sie das Lied sowie die Feierlichkeiten auf gröbste Art und Weise unterbrechen – eine blasphemische Handlung an sich, die den Weg für das Eröffnungsmassaker ebnet. Erst nach diesem zwölfminütigen Prolog, der wie ein Mini-Film funktioniert, wird schließlich der Vorspann abgespielt. Brescia räumt tränenreichen Szenen mit einem Straßenkind namens Gennarino (der kleine Marco Girondino war so beliebt, dass er in dem selbsterklärenden Lo scugnizzo, 1979, ebenfalls unter Alfonso Brescias Regie, kurzzeitig zu einem Star wurde) viel Laufzeit ein und spart, dank der Charakterdarsteller Lucio Montanaro und Lucio Crocetti, als zwei dumme Polizisten (Capezzuto und Esposito), auch nicht mit komödiantischen Einlagen. Auf der anderen Seite wird das obligatorische letzte Messerduell durch den bewaffneten Amoklauf des Helden ersetzt, was den Guapparia-Film näher an ein anderes populäres Sub-Genre rücken lässt, nämlich den Rachestreifen im Death Wish-Stil. Beide haben den Kult der patriarchalischen Familie und die Liebe zu Söhnen und Töchtern gemeinsam, wobei die neapolitanische Untergattung allerdings frei von jeglichem politischen Subtext daherkommt.

Die Polizei tritt hier zur Seite und wird zum bloßen, manchmal sogar lachhaften Beiwerk, denn Napoli … serenata calibro 9 zeigt ein Polizeirevier, das von debilen Polizisten und Transvestiten sowie diversen Prostituierten (unter ihnen der berüchtigte Bühnenschauspieler Leopoldo Mastelloni, der schon bald in Dario Argentos Inferno von 1980 auftauchen sollte) bevölkert wird, die dort Gesangs- sowie Tanznummern improvisieren. Doch der gute Gangster und die Polizei schließen oft einen unausgesprochenen Ehrenpakt: Napoli … serenata calibro 9 endet damit, dass sich Merola einem Polizeikommissar (Nunzio Gallo) stellt, der ihn ziemlich widerwillig festnimmt. Schließlich ist selbst der Kommissar davon überzeugt, dass Merola ein guter Kerl ist. Wenn man sich Napoli … serenata calibro 9 ansieht, kann man erkennen, wie sich das städtische Setting der neapolitanischen Geschichten von zeitgenössischen Kriminalfilmen (in denen Großstädte als gefährlich und feindselig dargestellt wurden) unterscheidet. Während Neapel im Guapparia-Film wieder zu einem freundlichen, idealen Ort geworden ist, zu einem Zufluchtsort, der vor den Übeln der Außenwelt und der Korruption traditioneller Werte und Gewissen gleichermaßen schützt und geschützt werden muss. Diese Korruption wird hier vom temperamentvollen Bösewicht Totonno O Pazzo verkörpert, der von Aldo Canti gespielt wird, einem Stuntman, der in den späten 1960er Jahren nach einer Rolle in Gianfranco Pasolinis I fantastici 3 $upermen (Die drei Supermänner räumen auf, 1967) eine kurzlebige Popularität genoss. Berichten zufolge war Canti mit der italienischen Unterwelt verbunden und wurde in den frühen 90er Jahren im Villa Borghese Park in Rom ermordet aufgefunden. Hier beweist Canti mit einem atemberaubenden Salto seine Fähigkeiten als Stuntman, indem er aus einem Fenster im zweiten Stock des Restaurants springt, seine Maschinenpistole in die Luft wirft und sie wieder auffängt, sobald er etliche Meter tiefer auf der Straße gelandet ist – ein Bild das auch zu einem wiederkehrenden Flashback wird, von dem Merola besessen ist, ähnlich wie das „fehlende Detail“ in Dario Argentos Filmen.

Andererseits hat Napoli … serenata calibro 9 aus den Lektionen anderer poliziotteschi gelernt und diese auch gut umgesetzt, während die Katharsis von einem ganzen Repertoire an Effekten begleitet wird, von Zeitlupen Aufnahmen bis zum Einsatz von Musik, in einem dramatischen Crescendo, das den Höhepunkt ankündigt sowie verstärkt. Napoli … serenata calibro 9 kulminiert in einem Moment glorreichen Volkskinos vom Feinsten: Die räuberischen Mörder sitzen um einen Tisch in ihrer Unterkunft, lauschen dem Titelsong im Radio und haben eine Vision ihres nahen Todes, kurz bevor Merola in den Raum hereinbricht, eine Pistole in jeder Hand, wie in einem von John Woo inszenierten Actionfilm aus Hongkong, während einer energischen Zeitlupenaufnahme aus niedrigem Winkel. Dabei handelt es sich um eine Szene, die berauschend sowie gleichzeitig aufregend rüberkommt, denn sie ist so dermaßen over-the-top und doch so aufrichtig in ihrem Kern, sodass es ihr gelingt die Parodie zu überwinden und somit beinahe mythisch erscheint. Alfonso Brescia drehte 1981 mit dem weniger erfolgreichen Napoli, Palermo, New York – Il triangolo della camorra (The Mafia Triangle) seinen eigenen Film neu, in dem einem ruppigen Polizisten (Howard Ross), der Richter und die Mängel des Strafgesetzbuches nicht dulden kann, vor seinem eigenen Haus in die Beine geschossen wird. Der Kommissar lässt daraufhin einen Guappo (selbstverständlich Mario Merola) aus dem Gefängnis ausbrechen, damit er die Rache ausüben kann, die ihm das Gesetz verwehrt.

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.85:1, 4:3
  • Alterseinstufung: ‎Nicht geprüft
  • Regisseur: ‎Alfonso Brescia
  • Medienformat:‎ Import
  • Laufzeit:‎ 1 Stunde und 25 Minuten
  • Darsteller:‎ Mario Merola, Ria De Simone, Aldo Canti, Marco Grondino, Letizia D’Adderio
  • Sprache: ‎Italienisch (Stereo)
  • Untertitel: Englisch
  • Studio: ‎Raro Video

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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