Schreie in der Nacht / The Unnaturals / Contranatura

In einer Sturmnacht erleidet eine Gruppe von Leuten mitten in der Einöde eine Autopanne. Zum Glück finden sie Unterschlupf in einem alten Jagdschloss. Doch ein Mörder ist unter ihnen. Auch der skurrile Hausherr und seine alte Mutter sind den Gästen alles andere als geheuer. Es regiert die Angst. Angst vor der Wahrheit, denn alle haben Schuld auf sich geladen… Die alte Frau und ihr Sohn überreden die Gäste zu einem spiritistischen Spiel bei dem sie die Geister der Toten erwecken. Die Nacht nimmt ihren schicksalhaften Lauf… (X-Rated)

In einer dunklen und stürmischen Nacht irgendwo im England der 20er Jahre ist eine Gruppe Party-liebender, reicher Leute mit ihrem Auto in der Nähe eines gruseligen alten verlassenen Herrenhauses aufgrund einer Panne liegengeblieben. Ben Taylor (Joachim Fuchsberger), seine verschlossene lesbische Frau Vivian (Marianne Koch), ihr Lustobjekt Margaret (Dominique Boschero), deren Liebhaber Alfred Sinclair (Claudio Camaso) und der egoistische Aristokrat Archibald Barrett (Giuliano Raffaelli) wagen sich das Haus zu betreten, wo sie auf den gruseligen Hausmeister Uriat (Euro-Genre-Veteran Luciano Pigozzi) und seine Mutter (Mariane Leibl) treffen, bei der es sich um ein spirituelles Medium handelt, das sich gerade in Trance befindet. Uriat behauptet, diese Gäste würden bereits erwartet werden und lädt sie ein an einer Seance teilzunehmen, die die Wahrheit hinter einem schrecklichen Verbrechen enthüllen wird, an dem sie alle beteiligt waren.

Antonio Margheriti war eher in der Lage mit mehreren verschiedenen Genres umzugehen als seine Zeitgenossen Mario Bava oder Lucio Fulci, verfügt allerdings nicht über dieselbe begeisterte Fangemeinde. Vielleicht, weil er sich im Gegensatz zu diesen beiden nie eine unverwechselbare Identität als Autor geschaffen hat. Nichtsdestotrotz bewertete Margheriti selbst Schreie in der Nacht (ein Horrorfilm, den er schrieb und inszenierte), als sein bestes Werk. Carlo Savinas exklusive Musik beschwört eine jazzige Variation des Hammer-Horrors herauf, doch während die Handlung eine übernatürliche Wendung nimmt, gibt es hier keine Geister, Hexen oder sogar maskierte Mörder zu bestaunen. Anstelle von schrillem Gothic-Nervenkitzel handelt The Unnaturals von gedämpftem psychologischem Terror, der von sozialer Satire durchzogen ist.

Nur wenige italienische Horrorfilme drehen sich um unschuldige Opfer. In den meisten Fällen haben die Heimgesuchten irgendeine Art von Schuld auf sich geladen. Hier füllen Rückblenden die Wissenslücken über jeden Charakter aus und beschreiben ihre vergangenen Sünden. Man erfährt, dass Alfred seine Frau Diana (Gudrun Schmidt-May) wegen einer Affäre mit der Geliebten seines Chefs, Margaret, verlassen hat. Vivian gelüstete es nach der schönen Elizabeth mit den großen, sanft dunklen Augen (Helga Anders) mit fatalen Folgen, während Archibald einen vertrauenswürdigen Freund dazu brachte, zu glauben, er sei eines Mordes schuldig. Auf halbem Weg zwischen einer Amicus-Horror-Anthologie und einem kunstvollen, verwirrenden Krimi, stellt Margheritis ungewöhnlich strukturierte Geschichte eine unheimliche Übung in Sachen Spannung dar. Der Plot verwurzelt seinen Horror in der eigenen Schuld und den Ängsten der Protagonisten, sei es Gier, Untreue oder unterdrückte Sexualität. Da es sich um eine italienische Produktion aus den sechziger Jahren handelt, weist das Drehbuch kaum Verständnis oder gar Sympathie für seinen lesbischen Charakter auf und hat kein Problem damit, sie genauso wie die anderen „Unnatürlichen“ zu kategorisieren, obwohl Marianne Koch, die eine bemerkenswerte Nebenrolle in Sergio Leones wegweisenden Italo-Western Per un pugno di dollari (Für eine Handvoll Dollar, 1964) spielte, Vivian mit so einigem an Sensibilität ausstattet. Darüber hinaus inszeniert Margheriti die milden lesbischen Liebesszenen als geschmackvolle Erotik, die eher an D.H. Lawrence als an beispielsweise Jess Franco erinnert.

Mit verbitterten, rachsüchtigen Charakteren der Arbeiterklasse, die prekäre Geheimnisse hinterhältiger Reicher enthüllen, entfaltet das Drehbuch eine milde soziale Agenda, legt jedoch auch fehlerhafte Logik an den Tag. Der am meisten von Schuldgefühlen geplagte Charakter erleidet den schrecklichsten Tod, während der offensichtlich selbstsüchtigste und böseste eine letzte Chance zur Rache bekommt. Das vollkommene Fehlen sympathischer Charaktere lässt die Geschichte ein bisschen kalt erscheinen, doch Margheriti gelingt es die Sache durchweg ansprechend zu gestalten und erschafft mit seiner herumstreifenden Kamera meisterhaft Spannung, während er die gruselige Atmosphäre des Spukhauses mit seinen dunklen leeren Räumen und gruseligen, ausgestopften Tieren zu melken versteht. Obwohl sich der Streifen in Richtung einer Wendung zu entwickeln scheint, die Ealing Studios wegweisendem Dead of Night (Traum ohne Ende, 1945) geschuldet ist, versteht es der Plot zu punkten, weil er nicht dieselbe Pointe recycelt, die jede Amicus-Horror-Anthologie der siebziger Jahre zierte und mit The Others (2001) bis weit ins 21. Jahrhundert hinein andauerte. Stattdessen präsentiert die spektakuläre Auflösung Margheritis berühmtes Können mit Miniatureffekten. Contranatura macht vielleicht ein bisschen weniger Spaß als seine anderen, kitschigeren Horrorfilme im Comicstil – wie zum Beispiel La morte negli occhi del gatto (Sieben Tote in den Augen der Katze, 1973), La vergine di Norimberga (Das Schloss des Grauens, 1963) oder I lunghi capelli della morte (The Long Hair of Death, 1964) – kann aber als substanzieller bezeichnet werden.

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  • Darsteller: Joachim Fuchsberger, Marianne Koch, Helga Anders
  • Regisseur(e): Antonio Margerithi
  • Format: Dolby, PAL, Breitbild
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Studio: X-Rated
  • Produktionsjahr: 1969
  • Spieldauer: 80 Minuten

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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