A Lizard in a Woman’s Skin / Una lucertola con la pelle di donna

Carol Hammond wird von wiederkehrenden Träumen geplagt, in denen auch ihre hedonistische Nachbarin Julia Dürer vorkommt. Sie wendet sich an ihren Therapeuten Dr. Kerr, um sich beraten zu lassen, doch er sieht keinen Grund zur Sorge. Als Julia plötzlich tot in ihrer Wohnung aufgefunden wird, in einem unheimlichen Szenario, wie in einem von Carols Träumen, wird sie zu einer Hauptverdächtigen für Inspector Corvin. Carols Vater, Edmund Brighton, tut alles in seiner Macht stehende, um ihren Namen reinzuwaschen, während Inspektor Corvin gezwungen ist, sie freizulassen, als eine weitere Person getötet wird…

Lucio Fulci soll ein tiefes Misstrauen gegenüber der Psychoanalyse gehabt haben. Daher dürfte es keine Überraschung darstellen, dass A Lizard in a Woman’s Skin einer von mehreren Filmen seines Oeuvres ist, die im Grunde genommen Unsinn aus dem gesamten Berufszweig machen. Ob man nun mit seiner Einstellung sympathisiert, oder nicht, es besteht kein Zweifel daran, dass er den Film auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft gedreht hat. Wenn es ihm nur seine spätere Karriere ermöglicht hätte, in ähnlichem Umfang zu arbeiten und Zugang zu so vielen begabten Mitarbeitern zu haben, wie er hier zur Verfügung hatte, wäre es wahrscheinlich, dass sich auch Cineasten außerhalb des Gorehound-Kreises besser an ihn erinnern würden. In vielerlei Hinsicht ist der Film als ein klassisches Mysterium im Agatha Christie-Stil zu bezeichnen. Fulci witzelte später, er empfinde Dario Argentos Thriller als schlampig in ihrer Konstruktion, jedoch brillant in ihrer Ausführung, während er seine eigenen Gialli als zu „mechanisch“ in ihrer Struktur empfand.

Fulcis Einschätzung seiner eigenen Arbeit wird allerdings nur dann zum Problem, wenn man sich der Meinung anschließt, ein guter Thriller müsste nicht der Logik und einem unvermeidlichen Resultat verpflichtet sein. Fulcis Ansatz mag nicht ganz so phantasievoll sein wie der von Argento, er ist jedoch keineswegs zurückhaltend, wenn es darum geht, sich filmischen Phantasieflügen hinzugeben. Sein Umgang mit dem Material ist durchweg als stilvoll und erfinderisch zu beschreiben, wobei er flüssige Kameraarbeit, dynamische Nachbearbeitung und ein scharfes Auge für Komposition und Details einsetzt. Da der Film auch mit vielen Traumsequenzen ausgestattet worden ist, wird es der lebhaften Fantasie des Regisseurs ermöglicht sich vollends auszutoben. Das Endergebnis stellt einen der stilvollsten Gialli seiner Zeit und einen der besten Filme des Regisseurs dar. Die Geschichte spielt mit dem Kontrast zwischen dem Realen und dem Imaginierten sowie dem Verdrängten und dem Hemmungslosen.

Carol ist eine rigide, anständige High-Society-Engländerin. Sie beachtet Konventionen und scheint ein ideales Leben zu führen, mit einem gutaussehenden und erfolgreichen Ehemann, einem geschmackvoll eingerichteten und gut ausgestatteten Zuhause und einem Vater, der kurz vorm Übergang von einer angesehenen Karriere als Rechtsanwalt zu einer noch angeseheneren Position in der Welt der Politik steht. Ihre Träume offenbaren jedoch eine Fülle von unterdrückten Wünschen und Fantasien, wobei sie sich eine sapphische Beziehung zu ihrer „losen“ Nachbarin im Obergeschoss, der atemberaubenden Julia Dürer, vorstellt. Die Komplikationen, die mit einem solchen Schisma verbunden sind, veranlassen sie psychiatrische Hilfe zu suchen, doch die Frage, die sich für einen Großteil des Films stellt, ist, ob sie heimlich eine Beziehung zu Julia wünschte oder ob ihre Träume wirklich von einem unbewussten Kampf zwischen Konvention und Verlangen sprechen, wobei die Konvention triumphiert, da Julia in einem ihrer Träume getötet wird. Da es sich hierbei um einen Giallo handelt, ist der Mord natürlich nicht nur auf die Traumwelt beschränkt, sondern findet ebenso in der Realität statt.

Fulci schickt den Betrachter auf eine labyrinthische Reise, während der man sich nie sicher sein kann, ob Julia für den Mord verantwortlich war oder ob ihr von einem skrupellosen Außenstehenden die Schuld in die Schuhe geschoben werden soll. Der Titel macht deutlich, dass die Produzenten auf Dario Argentos band wagon aufgesprungen sind, was im Kontext sinnvoll erscheint – seine Bedeutung zu verraten, würde das Spiel jedoch für diejenigen vermiesen, die noch keine Gelegenheit hatten den Film anzusehen. Fulcis Herangehensweise an das Material ist gleichzeitig als grell und experimentell zu beschreiben, verpflichtet sich aber den Prinzipien der Logik sowie der Kohärenz. Während Argento möglicherweise bereit war, Vorsicht walten zu lassen und an unrealistischeren Elementen zu arbeiten, weigert sich Fulci irgendetwas zuzulassen, das der Entwicklung der Geschichte zu ihrem natürlichen Abschluss im Wege steht. Die Traumsequenzen erlauben viele trippige Bilder, doch das erweist sich als durchaus angemessen: schließlich handelt es sich um Traumsequenzen.

Des Regisseurs Gespür für das Groteske zeigt sich in schockierenden Bildern von ausgeweideten Hunden in der Umgebung eines Labors, während seine Neigung zu taktilen Effekten die wachsende Spannung verstärkt, wie in dem Moment, in dem eine panische Carol ihre Faust so fest ballt, sodass ihre langen Fingernägel in die Haut ihrer Handfläche schneiden und Blut zum Vorschein kommt. Alles in allem weist der Film in die Richtung, die seine Karriere mit einer Reihe von viszeralen Horrorfilmen später nehmen würde, stellt allerdings gleichzeitig zweifelsohne fest, dass seine Talente weit über die Inszenierung spritziger Gore-Sequenzen hinausgingen. Eine der häufigsten Kritikpunkte von Fulcis Kritikern (von denen viele nur mit einer Phase seiner langen und abwechslungsreichen Karriere vertraut sind) ist, dass seine Filme keinen Sinn ergeben. Eine Betrachtung dieses Streifens sollte ausreichen, um solchen Unsinn vehement bestreiten zu können. Fulci überschreitet kunstvoll die Grenze zwischen Realistischem und Surrealem, kontrastiert das Reale und das Imaginierte auf klare sowie kohärente Art und Weise und bringt den Betrachter dennoch zum Zweifeln.

Der Film erreicht ein Finale, das wegen seines fehlenden Spektakels kritisiert wurde, dabei handelt es sich hier um ein Ende, das der Film wirklich braucht. Das letzte Stück des Puzzles passt zusammen, wobei der Eindruck den klassischen Detektivgeschichten ähnelt, die Fulci am meisten interessierten, wobei der „Wow-Faktor“ eher von einer unerwarteten Enthüllung, als von einer übertriebenen Aktion oder Chaos herrührt. Una lucertola con la pelle di donna ist mit üppigen Produktionswerten ausgestattet. Die Sets und die Art Direktion sind von hohem Standard, während Luigi Kuveillers Beleuchtung eine reichliche Atmosphäre schafft. Die Kameraarbeit von Ubaldo Terzano, Mario Bavas langjährigem Kameramann, gestaltet sich bei Bedarf elegant und angemessen, wenn es darum geht, Carols völlig erschöpften Geisteszustand rüberzubringen. Auch Carlo Rambaldis Spezialeffekte wissen durchweg zu überzeugen. Tatsächlich waren die Effekte der ausgeweideten Hunde so triftig, dass Fulci Berichten zufolge wegen Tierquälerei angezeigt und erst freigesprochen wurde, als Rambaldi die Requisitenhunde als Beweismittel vorlegen konnte!

Ennio Morricones Partitur ist als ein weiteres Juwel eines Komponisten zu bezeichnen, dessen produktives Schaffen in dieser Zeit nichts dazu beigetragen hat, seine Kreativität aufzuzehren. Florinda Bolkan verkörpert die zentrale Rolle ausgezeichnet. Sie vermittelt den gebrechlichen emotionalen und mentalen Zustand des Charakters sehr gut, wird währenddessen aber nie auf das Niveau eines eindimensionalen Opfers reduziert. Bolkan sollte auch bei Fulcis nächstem Giallo, Don’t Torture a Duckling (1972), an Board sein. Der angesehene walisische Schauspieler Stanley Baker befindet sich als sardonischer, jedoch sympathischer Inspektor Corvin in hervorragender Form. Baker gelingt es, den Charakter als einen glaubwürdigen Menschen erscheinen zu lassen und gleichzeitig große Effizienz sowie Kompetenz in seiner Arbeit als Ermittler zu vermitteln. Baker (1928-1976) trat in den 40er Jahren in die Filmwelt ein und etablierte sich in Flicks wie The Cruel Sea (Der große Atlantik, 1953), Hell Drivers (Duell am Steuer, 1957) und Violent Playground (Kinder der Straße, 1958) als harter Typ mit zwei flinken Fäusten. Baker arbeitete auch mit dem ausgebürgerten amerikanischen Regisseur Joseph Losey an einer Reihe faszinierender Filme zusammen, darunter The Criminal (Die Spur führt ins Nichts, 1960), Eva (1962) und Accident (Accident – Zwischenfall in Oxford, 1967). In den 60er Jahren trat er in einigen bedeutenden Filmen auf und ging mit dem gefeierten historischen Epos Zulu (1964) in Produktion. A Lizard in a Woman’s Skin stellte für ihn einen relativ seltenen Ausflug in das italienische Genrekino dar. Er wurde 1976 zum Ritter geschlagen, kurz bevor er im viel zu jungen Alter von nur 48 Jahren an Lungenkrebs erkrankte.

Carols Vater wird von Leo Genn wunderbar gespielt, einem angesehenen Veteranen britischer Filme aus den 30er Jahren. Genn (1905-1978) war eine bekannte Präsenz aus klassischen Filmen wie Laurence Oliviers The Chronicle History of King Henry the Fifth with His Battell Fought at Agincourt in France (Heinrich V., 1944), Sidney Gilliats Green for Danger (Achtung: Grün, 1946) und Anatole Litvaks The Snake Pit (Die Schlangengrube, 1948), der allgemein, als der erste Film angesehen wird, der eine wirklich sympathische Darstellung von Geisteskrankheiten und Psychiatrie in einem Hollywood-Film präsentiert. Er wurde für einen Oscar für Quo Vadis? nominiert (1951) und begann sich in den 60er Jahren mit Genrefilmen zu beschäftigen. Es folgten Auftritte in Produktionen von Harry Alan Towers wie Ten Little Indians (Geheimnis im blauen Schloß, 1965), und Circus of Fear (Das Rätsel des silbernen Dreieck, 1966) sowie Jess Francos Il trono di fuoco (Der Hexentöter von Blackmoor, 1969). Genn verkörpert den tapferen Edmond Brighton hervorragend, indem er einen Unterton von schlauem Humor vermittelt und gleichzeitig echte Sorge um seine Tochter an den Tag legt.

Die Giallo-Veteranen Jean Sorel (La corta notte delle bambole di vetro / Malastrana, 1971), Silvia Monti (Giornata nera per l’ariete / Ein schwarzer Tag für den Widder, 1971), Alberto De Mendoza (Una sull’altra / Nackt über Leichen, 1969), Jorge Rigaud (Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer? / Das Geheimnis der blutigen Lilie, 1972) und Ely Galleani (5 bambole per la luna d’agosto / Five Dolls for an August Moon, 1970) bieten solide Unterstützung, wobei De Mendoza als Bakers Kumpel, der immer zu Scherzen aufgelegt ist, besonders in Erinnerung bleibt. Die atemberaubend schöne Anita Strindberg beeindruckt als mysteriöse Julia Dürer. Strindberg hat zwar keinen Dialog zu sprechen, doch schon ihre Anwesenheit alleine reicht aus, um den Film weiter aufzuwerten. Sie wurde mit Fetischstiefeln sowie sehr wenig anderem eingekleidet und spielt ihre verschiedenen Szenen mit wilder Hingabe.

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  • Sprache: Englisch
  • Untertitel: Englisch
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.85:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung
  • Produktionsjahr: 1971

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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Eine Antwort

  1. 22. Juni 2020

    […] Bluntwof bespricht auf Nischenkino einen meiner liebsten Gialli: Lucio Fulcis „A Lizard in a Woman’s Skin“. Und Sebastian bricht eine Lanze für “Vampire’s Kiss” mit einem jungen Nicolas […]

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