The Police are blundering in the dark / La polizia brancola nel buio

Ein junges Aktmodell wird mit einer Schere gewaltsam erstochen. Es stellt sich bald heraus, dass drei weitere Frauen bereits diesem unbekannten Verrückten zum Opfer gefallen sind und dass alle drei Opfer eine einzige und ungewöhnliche Verbindung haben: Sie alle dienten als Models für einen exzentrischen Fotografen namens Parisi. Als noch eine andere junge Frau mit Foto-Termin ermordet wird, beschließt ihr journalistischer Freund die Verbrechen zu untersuchen. Bei seinen Investigationen trifft er recht schnell auf Parisi, der verrät, er arbeite an einer Kamera, welche die Gedanken der Menschen fotografieren kann!

Ich liebe es wirklich obskure, vergessene Gialli aus den 70ern auszugraben. Es gibt so viele erstaunliche Filme, die nur darauf warten wiederentdeckt zu werden. Das zu Tage fördern dieser alten Streifen kann jedoch auch seine zwei Seiten haben, da es manchmal einen ziemlich guten Grund dafür gibt, warum bestimmte Filme seit Jahrzehnten vollkommen vergessen wurden. Genau das ist mit Sicherheit der Fall bei La polizia brancola nel buio (ungefähre Übersetzung: Die Polizei stolpert/tappt im Dunkeln), der den wohl schlechtesten Giallo darstellt, der seit den frühen 70er Jahren wieder aufgetaucht ist. Der Film wurde 1973 von der einmaligen Regisseurin Helia Colombo unter dem lächerlichen Shooting-Titel Il giardino delle iattughe (Übersetzung: Der Salatgarten) gedreht und stand zwei Jahre lang im Regal, bevor er 1975 schließlich in limitierter Auflage fürs Kino veröffentlicht wurde. Danach verschwand das Machwerk komplett von der Bildfläche, wobei es noch nicht einmal eine VHS-Veröffentlichung bekommen hat. Bei der einzigen bekannten Version des Films, die später irgendwo auftauchte, handelt es sich um einen ramponierten Super-8-Print, der inzwischen auf Video übertragen und einem ahnungslosen Euro-Kult-Publikum zur Verfügung gestellt wurde.

Alles beginnt auf dem Land, wo ein hübsches blondes Model am Verzweifeln ist, weil sie einen platten Reifen hat. Sie bittet einen Passanten (dessen Gesicht vom Publikum nicht gesehen werden kann) um Hilfe, doch stattdessen ihr den Reifen zu wechseln, greift er sie mit einer Schere an und reißt dabei (bequemerweise für das Publikum) ihre Bluse auf. Vom scherenschwingenden Verrückten verfolgt, rennt das arme Mädchen in den Wald, wobei ihre exponierten Brüste munter umherhüpfen. Nachdem das Mädchen die erforderliche Menge an Schreien, Stolpern und hüpfenden Titten bereitgestellt hat, wird es eingefangen und mit der Schere erstochen. Ihr lebloser Körper sinkt dann auf die Knie – was zu einer geschmacklosen Einstellung des toten Mädchens auf den Knien führt, dessen Gesicht gegen den Schritt ihres Mörders gedrückt wird. Dies repräsentiert eine unglaublich schmierige Eröffnungssequenz, die sofort den Qualitätsstandard für den Rest des Films setzt.

Als nächstes erfährt man durch Zeitungsschlagzeilen, dass es sich bei dem unglücklichen Opfer um das vierte Modell in 18 Monaten handelt, das in diesem Areal vermisst wird, während die ahnungslose Polizei im Dunkeln tappt (daher der Titel des Films). Es stellt sich heraus, dass alle verschwundenen Modelle von einem exzentrischen Fotokünstler namens Edmondo Parisi (der in einer abgelegenen Landvilla lebt) nackt fotografiert wurden. Nun sollte man eigentlich vermuten, dass Parisi als Hauptverdächtigter gehandelt werden würde, doch anscheinend kommt dies den Polizisten nicht in den Sinn. Man könnte auch zusätzlich noch argwöhnen, dass es Parisi spätestens jetzt ziemlich schwer fallen sollte weitere Models davon zu überzeugen zu ihm nach Hause zu kommen, um sich nackt fotografieren zu lassen. Da allerdings nichts in diesem Film viel Sinn macht, taucht ein sexy blondes Model namens Enrichetta (Margaret Rose Keil) trotzdem bei ihm auf, um sich fotografieren zu lassen. Zu Enrichettas Unglück endet auch ihr Auto auf dem Rückweg mit einem platten Reifen. Um die Sache noch schlimmer zu gestalten kommt ein heftiger Regensturm auf, weswegen Enrichetta Zuflucht im örtlichen Gasthaus sucht, wo sie ihren Journalistenfreund Giorgio D’Amato (dessen Auto sie benutzte) anruft und ihn bittet, sie abzuholen. Giorgio treibt es jedoch gerade mit einer anderen Frau im Bett und teilt Enrichetta mit, sie könne erst am nächsten Tag abgeholt werden. Was für ein netter Kerl, oder!?

Enrichetta bleibt deswegen keine andere Wahl, als sich ein Zimmer im Gasthaus zu nehmen. Zu ihrem Glück (und für das der männlichen Zuschauer) gibt es einen großen Kamin in ihrem Zimmer, so dass sie sich schnell ihren nassen Kleidern entledigt und nackt herumtanzt. Das heißt, bis sie entdeckt, dass sich der Scherenmörder auf unerklärliche Art und Weise hinter dem Vorhang versteckt hat (er war nicht da, als Enrichetta ein paar Minuten zuvor aus dem Fenster schaute und es gibt keine Möglichkeit wie er in der Zwischenzeit dort hätte hinkommen können, aber wie bereits erwähnt machen die Vorgänge in diesem Film nicht sehr viel Sinn). Aus der armen Enrichetta wird natürlich Opfer Nummer fünf. Dies war wirklich kein sehr guter Tag für sie! Schnitt zum nächsten Morgen, als sich Enrichettas idiotischer Freund Giorgio endlich aufmacht, um sie abzuholen. Selbstverständlich ist sie nirgends zu finden, weshalb Giorgio auch an Edmondo Parisis Villa vorbeikommt, um zu überprüfen, ob der noch irgendetwas weiß. Parisi entpuppt sich als ziemlich seltsamer Hippie-Typ im Rollstuhl, der ein bisschen wie eine schwule Version von Hyde aus Die wilden Siebziger aussieht – jedoch ohne Sonnenbrille.

Parisi weiß natürlich nicht was mit Enrichetta geschehen ist (und Giorgio scheint auch nicht sehr daran interessiert zu sein es herauszufinden – obwohl das möglicherweise auf schlechtes Schauspiel zurückzuführen ist), lädt Giorgio aber ein zum Abendessen zu bleiben. Und so lernt man den Rest des Parisi Haushalts kennen, der aus Parisis armseliger Frau Eleonora (Halina Zalewska) besteht, die es hasst auf dem Land zu leben und anscheinend an einem hyper-manischen Zustand namens „Erotomanie“ leidet; ihrer geliebten verwaisten Nichte Sara (Elena Veronese); und Dr. Dalla, der Dorfarzt, der eigentlich nicht bei den Parisis lebt, aber anscheinend auch nie Patienten hat, weswegen er seine ganzen Tage damit verbringt in ihrer Villa herumzulungern. Dann gibt es noch das Hauspersonal, das aus dem finsteren und neu eingestellten Butler Alberto besteht, der Giorgios Anwesenheit sofort ablehnt; und die vollbusige Magd Lucia (Gabriella Giorgelli), eine unersättliche Nymphomanin, die alles oder jeden fickt – nicht einmal der lokale Dorfidiot wird von ihr abgelehnt! Allerdings ist noch mehr im Gange. Während des Abendessens kann man beobachten, wie Parisi heimlich einen Knopf an einem seltsamen Gerät drückt, wodurch das Auge seiner goldenen buddhistischen Statue seltsam aufblitzt. Es stellt sich heraus, dass tatsächlich eine Kamera in der Statue versteckt ist, aber es handelt sich dabei nicht um eine normale Kamera. Nein, denn Parisi hat es doch tatsächlich geschafft eine revolutionäre Kamera zu erfinden, die die Gedanken der Menschen fotografieren kann !!!

Zugegebenermaßen klingt dies alles wie ein ziemlich gutes Rezept für einen durchaus unterhaltsamen – wenn auch etwas verrückten – Giallo, doch leider sind die Zutaten bei weitem nicht so genießbar, wie es sich anhört. Sobald Giorgio in der Parisi Villa ankommt, gerät die Handlung gehörig ins Stocken, da die Charaktere fast nie etwas anderes tun, als zu speisen oder sich über unnütze Themen zu unterhalten. Es scheint, als hätte der Regisseur keine Ideen mehr gehabt und konnte sich nichts Besseres vorstellen, als die Laufzeit mit genauso langwierigen, wie langweiligen Innenaufnahmen von Leuten zu strecken, die über irrelevante Dinge diskutieren. Sicher genug entblößt eine andere Frau (man kann wahrscheinlich erraten, welche) ihre Brüste und wird erstochen, woraufhin Parisi dann das Verbrechen auflöst, indem er die Gedankenfotos entwickelt, die er während des Abendessens von allen geschossen hat. Das ist dann auch schon so ziemlich alles, was passiert. Ernsthaft! Oh, und man vergesse es eine Erklärung für die Motivation des Mörders zu bekommen, weil es ganz einfach keine gibt.

Falls man es noch nicht herausgefunden hat, bei La polizia brancola nel buio handelt es sich um eine extrem trashige Angelegenheit, mit sehr schlechtem Drehbuch und Schauspiel. Man könnte diese Mängel leicht übersehen, wenn der Film zumindest ein wenig Spannung erzeugen oder einige stilvolle murder set-pieces beinhalten würde, wie man es von einem guten Giallo erwartet, doch leider kann man so etwas hier nicht finden. Autorin und Regisseurin Helia Colombo schien kein Auge für visuellen Stil oder auffällige Bilder gehabt zu haben. Stattdessen versucht sie dies zu kompensieren, indem sie sicherstellt, dass alle weiblichen Opfer ihre Brüste zeigen, wenn sie getötet werden. Die Tatsache, dass der Film mit einem praktisch nicht existierenden Budget gedreht worden zu sein scheint, ist auch nicht weiter hilfreich. Der Streifen sieht genauso spottbillig aus wie er zweifellos auch war – besonders in der abgenudelten Super-8-Version, die gerade die Runde macht. Die Kinematographie erweist sich als schlecht und langweilig, während sich die frenetische Musikpartitur eines bestimmten Aldo Saitto (der anscheinend keine weitere Filmmusik mehr geschrieben hat) sich ärgerlicherweise zu oft wiederholt.

Nichtdestotrotz sind einige interessante Ideen vorhanden – insbesondere das Konzept des Gerätes, das Gedanken fotografieren kann. In Dario Argentos hervorragendem Vier Fliegen auf grauem Samt (1971) wird der Augapfel eines Opfers von einer Maschine untersucht, die das Bild des letzten Objekts extrahieren kann, das die Person vor ihrem Tod gesehen hat. Diese Idee an sich kann schon als ziemlich phantasievoll bezeichnet werden, doch Helia Colombo treibt das Ganze sogar noch etwas weiter, wofür man sie schon irgendwie bewundern muss, weil sie ein so ausgefallenes, Science-Fiction-ähnliches Handlungselement in einen Film integriert, der sonst … ähm … eher realistisch angelegt worden ist. Dennoch gelingt es Colombo kaum der Idee gerecht zu werden, die eher willkürlich gehandhabt wird. Die Mehrheit der Schauspieler kann als ultra-obskur bezeichnet werden und scheint in keinem anderen Film aufgetaucht zu sein, obwohl es schwer zu sagen ist, da sich die meisten von ihnen hinter lächerlich anglisierten Pseudonymen verstecken, die das schlechte Englischverständnis der Filmemacher offenbaren (z.B. Daiana Murpy!?). Noch nicht einmal die Identität des Schauspielers, der die Hauptrolle des Philanders Giorgio D’Amato spielt ist bekannt, doch wer auch immer er sein mag, er stellt einen ziemlich uncharismatischen Typen sowie einen recht nutzlosen Protagonisten dar. Man erwartet zunächst, dass er den klassischen Amateur(-detektiv) repräsentiert, der den Fall löst, doch am Ende ist es Parisi, der den Mörder mit seinem gedankenfotografierenden Apparat entlarvt, während Giorgio sich als ebenso ineffektiv erweist, wie die auffällig abwesende Polizei. Tatsächlich vermag es Giorgio während des gesamten Films nichts Nützliches zu vollbringen und kommt aufgrund seiner Einstellung zu Frauen auch als ein ziemlich unsympathischer Charakter rüber (seine Einführungsszene, in der er sich weigert Enrichetta zu helfen, weil er es gerade mit einer anderen Frau treibt, ist nur ein Beispiel!).

Der Film präsentiert jedoch drei bekannte Gesichter – allesamt Schauspielerinnen. Die berühmteste davon ist die üppige Gabriella Giorgelli, deren lange und produktive Karriere Auftritte in Italo-Western wie I lunghi giorni della vendetta (Der lange Tag der Rache, 1967), Gialli wie Sette orchidee macchiate di rosso (Das Rätsel des silbernen Halbmonds, 1972), Sexkomödien wie La moglie vergine (Komm, wir machen Liebe, 1975), poliziotteschi wie Il cinico, l’infame, il violento (Die Gewalt bin ich, 1977) und vieles mehr umfasst. Giorgellis Auftritt als sexhungrige Magd repräsentiert einen der wenigen wirklichen Höhepunkte des Films, da sie die Gelegenheit, ihren beeindruckenden Körperbau in einer dampfenden Duschszene sowie in ihrer lustigen sexuellen Begegnung mit dem Dorfidioten zu zeigen, eindeutig zu genießen weiß. Ein weiteres bekanntes Gesicht ist das der blonden deutschen Schönheit Margaret Rose Keil, die dem italienischen Publikum zu dieser Zeit für ihre Auftritte in einer Fernsehwerbung, Anzeigen für die Wermutmarke Punt e Mes und ein paar sexy Filmrollen (wie Schicke deinen Teufel in meine heiße Hölle, 1973) bekannt war. Im Gegensatz zu Giorgelli wird Keil jedoch in der eher undankbaren Rolle der armen Enrichetta schlecht eingesetzt – sie zieht sich im Grunde nur aus und stirbt. Schließlich ist da noch die in Polen geborene Schauspielerin Halina Zalewska (die ältere Halbschwester des bekannteren Ely Galleani) in der Rolle der frostigen und unzufriedenen blonden Ehefrau Parisis. Zalewska hatte eine sehr erfolgreiche Schauspielkarriere in den 60er Jahren, als sie in so denkwürdigen Filmen wie Antonio Margheritis Gothic Chiller I lunghi capelli della morte (The Long Hair of Death, 1964) neben Barbara Steele, dem Italo-Western El precio de un hombre (Ohne Dollar keinen Sarg, 1967) und dem bizarren Giallo Hybriden Omicidio per appuntamento (Agent 3S3 setzt alles auf eine Karte, 1967). Leider erlitt Zalewskas Karriere in den frühen 70er Jahren einen Sturzflug – tatsächlich sollte dies ihr letzter Film bleiben, da sie 1976 auf tragische Art und Weise bei einem Brand in ihrer römischen Wohnung umkam. La polizia brancola nel buio stellte sich für sie kaum als Schwanengesang heraus, da sie hier nichts Interessantes zu tun hat.

Eigentlich gibt es nicht viel mehr zu berichten. Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde La polizia brancola nel buio jemals für etwas halten, das einem guten Film nahe kommt. Es handelt sich hier einfach um ein fürchterliches Stück von Film und doch ist der Streifen in all seiner Schrecklichkeit als seltsam liebenswert zu bezeichnen. Man kann annehmen, dass es die bloße Seltenheit und Geschmacklosigkeit des Films, gepaart mit seiner grellen Amateurhaftigkeit und dem völligen Mangel an logischem Sinn ausmacht, dass etwas zu Gunsten des Films wirkt, wenn man sich in einem ziemlich großzügigen Geisteszustand befindet. Außerdem bekommt man eine ganze Menge an Titten und Blut geboten (noch dazu auch meistens zur gleichen Zeit), wenn also Brüste und Blutvergießen die Bedürfnisse des Publikums befriedigen (auch wenn ohne Sinn für Stil inszeniert wurde) oder man einfach nur die schäbigsten Tiefen des Giallo-Formats erkunden möchte, dürfte La polizia brancola nel buio zweifellos der richtige Film dafür sein!

Der einzige Film von Regisseurin Helia Colombo, La polizia brancola nel buio, repräsentiert eine befriedigend schmierige und ausgesprochen seltsame Giallo-Rarität, in der es vor blutigen Morden, reichlich Nacktheit, wilden Wendungen und einer Menge an generellen Verrücktheiten nur so wimmelt. Vinegar Syndrome präsentiert The police are blundering in the dark in einer frischen 2K-Restaurierung seines ursprünglichen Negativs und in seiner ersten offiziellen Veröffentlichung auf Heimvideo weltweit.

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Directed by: Helia Colombo
Starring: Joseph Arkim, Francisco Cortéz, Gabriella Giorgelli, Elena Veronese
1978 / 87 min / 1.85:1
• Region Free Blu-ray
• Newly scanned & restored in 2k from its 35mm original negative
• Original Italian language sound with newly translated English subtitles
• Historical audio essay with film historian and critic Rachael Nisbet
• Promotional image gallery

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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1 Antwort

  1. 6. April 2020

    […] ich noch nie gehört habe (und ich gebe zu, beim Ersten dachte ich zunächst an einen Aprilscherz). „La polizia brancola nel buio“ von einer Dame (!) namens Helia Colombo. Und „El asesino está entre los trece“ von Veteran […]

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