Corruption

Mr. Williams (Jamie Gillis), ein ausgebrannter Geschäftsmann, wird von seinen Vorgesetzten bei einem Meeting unter Druck gesetzt. Sie behaupten die Dinge würden ihm aus der Hand gleiten und erwarten Resultate von ihm. Er verspricht die Firma weiterhin zu „ehren“ und zu einem baldigen Abschluss der Angelegenheit zu kommen. Währenddessen betritt Alan (George Payne), ein von Williams gesandter Bote, ein ominöses Geschäftsgebäude. An einem schäbigem Schreibtisch sitzt eine adrett gekleidete Empfangsdame. Alan erklärt dieser, dass sie etwas für ihn hätte und fragt wo er es finden kann. Darauf antwortet diese, dass dieses „Etwas“ doch eigentlich gar nicht für ihn bestimmt ist, verweist ihn dann aber auf die hinter dem Schreibtisch liegende Tür und dass er es dahinter finden kann. Als Alan durch diese Tür geht findet er sich in einem komplett blau gestrichenem Raum wieder, wo ihn eine in blauer Reizwäsche bekleidete Frau (Tanya Lawson) empfängt. Diese verlangt von ihm, dass er sich auf einen Stuhl setzt und ihr beim masturbieren zuschaut. Allerdings darf er nur zuschauen und sie nicht anfassen.

Nach dem er diese „Aufgabe“ bestanden hat, darf er die Tür zum nächsten Zimmer passieren. Dieses ist komplett in Rot gestaltet und dort erwartet ihn ebenfalls eine Frau, diesmal in roter Reizwäsche (Marilyn Gee). Diese gewährt ihm einen Blowjob, bricht die Behandlung allerdings kurz vor Alans Höhepunkt ab und verweist ihn auf das nächste Zimmer. In diesem komplett in schwarz gehaltenen Raum trifft er auf eine Frau in (wer hätte es geahnt) schwarzer Reizwäsche (Tish Ambrose). Diese klärt ihn auf, dass wenn ein Mann bestimmte Dinge haben will, er dafür bestimmte Dinge aufgeben muss und fragt ihn ob er bereit wäre die Liebe aufzugeben um im Gegenzug Macht zu erlangen. Als dieser einwilligt gewährt sie ihm Sex, und zwar das volle Programm. Als er nach dem Akt wieder im Empfangsraum landet ist die Empfangsdame weg und auf dem Schreibtisch steht ein scheinbar für ihn zurückgelassener Aktenkoffer. Als Williams in den darauf folgende Tagen nichts mehr von Alan hört, wendet er sich an seinen Halbbruder Larry (Bobby Astyr), um mit dessen Hilfe der Sache auf den Grund zu gehen. In dem ominösen Gebäude finden sie Alan dann letztendlich auch, allerdings ist dieser nicht mehr wieder zu erkennen und Williams findet sich plötzlich in einem zur Realität gewordenen Alptraum wieder.

Corruption erschien im Jahre 1983 und wenn ich das Porno-Genre jetzt mit dem Italo-Western-Genre vergleichen würde, könnte man bei Corruption von einem Twilight-Porno reden. Die goldene Ära, auch als Porno Chic bekannt, begann 1969 mit Andy WarholesBlue Movie, wurde aber erst mit dem heute völlig zurecht als Kultfilm deklarierten Deep Throat von Gerard Damiano zu einem von Filmkritikern beachteten Genre. Die darauf folgenden Produktionen wurden immer aufwendiger und die Filme liefen von da an nicht mehr in den verruchten Grindhouses sondern wurden in den großen Lichtspielhäusern einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Natürlich hatten die Produzenten damals immer wieder mit den Gesetzeshütern zu kämpfen und auch das F.B.I. war undercover in der Szene unterwegs. Trotzdem war es eine glorreiche Zeit in der viele Klassiker des Genres entstanden. Doch alles was einen Anfang hat kommt auch irgendwann unweigerlich zu seinem Ende und mit Beginn der VHS Ära wurde das Golden Age dann 1984 endgültig begraben und leitete 1985 mit Filmen wie New Wave Hookers (ebenfalls mit Jamie Gillis) die neue Welle ein. Die meist Direct-to-Video Produktionen wurden immer billiger und das Genre verlor nach und nach seinen Charme. Und was die Leute heute als Pornofilm bezeichnen hat den Namen nicht verdient.

Somit könnte man Corruption als eine Art Abgesang des Genre bezeichnen und wenn man versucht die zugegebenermaßen ziemlich wirre Story zu analysieren, so wirkt er auch wie eine Art Abschiedsbrief und fungiert gleichermaßen als Selbstreflexion einer 15 Jahre andauernden Ära. Zumindest was die Schattenseiten betrifft. Als Williams auf der Suche nach Alan in dem verlassenen Geschäftsgebäude ankommt befinden sich dort in einem Gang drei Türen und Larry, der offenbar mehr weiß als Williams, fordert diesen auf durch den Spion der Türen zu schauen. Hinter der ersten Tür spielt sich eine typische und relativ harmlose Lesbenszene ab. Hinter Tür 2 sieht man eine S&M Szene. Ein maskierter Mann leckt die Stiefel seiner Herrin, die diesen erniedrigt. Als der Maskierte seine Maske im Anschluss auszieht fällt Williams plötzlich aus allen Wolken, denn der Mann unter der Maske ist er selbst. Hinter der dritten Tür findet eine Nekrophilie-Szene statt. Der reglose Körper einer Frau, die Williams eine Stunde zuvor noch in einer Stripbar gesehen hat, liegt auf einer Art Altar und der Mann der sich an ihr vergeht ist kein geringerer als der gesuchte Alan, der wie ein Clown geschminkt ist und mit einem gequälten Lachen immer wieder das Wort „Gold“ stöhnt.

In diese Szene könnte man hier natürlich die Karriere eines Pornodarstellers und die Entwicklung des Genre an sich hineininterpretieren. Und wenn wir uns an die Anfangsszene erinnern, in der Alan die Liebe aufgegeben hat um im Gegenzug Macht zu erhalten macht das auch Sinn. So steht der als Clown geschminkte, gequält wirkende Alan hier für einen einst ruhmreichen Darsteller, der seinen Zenit längst überschritten hat und die leblose Hülle der Stripperin, die blutige Tränen weint, für ein im wahrsten Sinne des Wortes tot geficktes Genre. Wenn man die Karrieren einiger bekannter Darsteller und Darstellerinnen betrachtet, die das 40., oft sogar ihr 30. Lebensjahr nicht erreicht haben weiß man Bescheid. Auch Jamie Gillis, der von Anfang an dabei war und in vielen Genre-Klassikern (Through the Looking Glass 1976, The Private Afternoons of Pamela Mann 1975, The Opening of Misty Beethoven 1976) mitgespielt hat, wirkt hier auch stets ausgelaugt und spielt als blasse Hülle seiner selbst. In einer Szene besucht Williams seine langjährige Affaire Erda (Vanessa del Rio). Sie ist die einzige Person zu der er noch Vertrauen hat. Er sagt ihr, dass sie die Regeln für ihn geändert hätten, woraufhin sie antwortet, dass sich die Regeln niemals ändern, sondern lediglich die Spieler ausgetauscht werden. Sie sagt ihm, dass sich die Dinge bald ändern werden. Er fragt ob zum Besseren oder zum Schlechteren, worauf sie antwortet, dass sie sich einfach nur ändern werden.

Regie führte hier Roger Watkins, der den meisten wahrscheinlich wegen seines kontrovers diskutierten Fake-Snuff Films The Last House on Dead End Street (1973) ein Begriff sein dürfte. Der Film hat stellenweise Elemente eines Film Noir und erinnert sehr an die Spätwerke von David Lynch, vor allem an Mulholland Drive (2001). Die Performance von George Payne als Alan hat sogar expressionistische Tendenzen und man ist sich zu keiner Zeit wirklich sicher, was jetzt Traum und was Realität ist. Zudem erinnert der Look des Films, gerade was die Ausleuchtung in manchen Szenen betrifft, an die italienischen Gothic-Horrorfilme, vor allem an die frühen Werke von Mario Bava. Das ist in erster Linie der hervorragenden Kinematografie von Larry Revene zu verdanken, der aus den wirklich sehr billigen Kulissen versucht hat das bestmögliche herauszuholen. Man darf hier halt nicht vergessen dass man 1983 kaum noch Budget für solche Filme hatte. Das Sounddesign ist recht düster und passt zur Atmosphäre, aber bei dem Main-Theme musste ich doch schon etwas schmunzeln, da man das (fast) 1:1 aus John CarpentersDas Ding aus einer anderen Welt übernommen hat.

Die Besetzung ist sensationell und man könnte hier fast schon von einem Allstar-Cast reden. Auf männlicher Seite hätten wir da natürlich allen voran Jamie Gillis, auf den ich oben schon eingegangen bin. Michael Gaunt (Maraschino Cherry 1977) spielt hier Williams Vorgesetzten und ist in der Szene natürlich auch kein Unbekannter. Genau so wenig wie Bobby Astyr, der in über 140 Produktionen mitgewirkt hat (Barbara Broadcast 1977, Dracula Exotica 1980). George Paynes Performance als Alan sticht hier natürlich besonders raus und auch er hat eine lange Karriere hinter sich. Angefangen hat er als Gay-Darsteller und war Anfang der 70er das Aushängeschild der LGBT-Community, später fuhr er dann zweigleisig. Auf weiblicher Seite hätten wir hier Tiffany Clark (Pink Champagne 1979), die ihre Karriere recht spät begonnen hat und Doreen, die Geliebte und Assistentin von Williams spielt. Sie war am Rande erwähnt mit Fred Lincoln verheiratet (genau, mit „Weasel“ aus Last House on the Left 1972) . Samantha Fox spielt das Deskgirl und bei ihrem Namen dürften einige Glocken klingen, sie war übrigens auch mit Bobby Astyr liiert. Als Ladys in Blue, Red und Black hätten wir dann noch Tanya Lawson (Fleshdance 1985), Marilyn Gee (Angel Buns 1981) und Tish Ambrose (Hot Lips 1984).

Die Sexszenen wirken eher kalt und wenig ästhetisch. Dies ist wohl zum Teil gewollt und trägt zur Gesamtatmosphäre des Films bei, andererseits wirkt es auch wieder etwas lustlos. Da hätte man doch schon ein wenig innovativer sein können. Ein Highlight ist hier sicherlich die Nekrophilie-Szene, die wirklich kunstvoll umgesetzt wurde. Die Darstellerinnen machen ihren Job hier alle wirklich sehr gut, aber gerade bei einer Größe wie Jamie Gillis hätte man auf der männlichen Seite dann doch etwas mehr erwartet.

Corruption ist sicherlich ein Film der polarisiert. Während ein mancher es vermag, in dem wirklich wirrend und surrealen Plot verschiedene Metaebenen freizulegen, die Raum für viele Interpretationsmöglichkeiten bieten, so wird ein anderer den Film als kryptischen Unrat abtun und sich nie wieder damit beschäftigen. Beides ist natürlich legitim, aber dennoch finde ich, dass man dem Film eine Chance geben sollte. Denn eines ist er definitiv – einzigartig.

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Mike

Mike ist leidenschaftlicher Teilzeitcineast und hat sich auf die freizügigere Art des Bahnhofskinos spezialisiert. Von Porn Chic und dem Pinku Eiga der 70er bis hin zum aktuellen erotischen Kinos nimmt er die verruchtesten Filme unter die Lupe.

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