Der 27. Tag

Als eine Gruppe von Menschen aus aller Welt von einem Außerirdischen entführt wird, ahnt niemand der Auserwählten, welche Folgen das haben wird. Der Fremde aus dem All ist Vertreter einer Gemeinschaft, deren Heimatplanet dem Untergang geweiht ist. Aus ethischen Gründen nicht zu einer Invasion fähig, statten die Außeririschen die Entführten mit einer Superwaffe aus, in der Erwartung, dass sich die Menschheit selbst vernichtet. Nach 27 Tagen wird die Waffe nutzlos und die Fremden sind dem Untergang geweiht. Damit der Plan funktioniert, wird jedoch die Identität der Auserwählten bekannt gemacht, die nun Gefahr laufen, zum Spielball der Großmächte werden. (Anolis)

Science-Fiction-Fans wollten in den Film-Klassikern der 50er Jahre am liebsten echten Space-Thrill sehen, doch hin und wieder bekamen sie politische Propaganda vorgesetzt. Das verrückte dabei war, dass selbst wenn das Publikum dachte, ein Film transportiere eine bestimmte Botschaft, wollte er tatsächlich etwas völlig anderes aussagen. Das beste Beispiel hierfür ist Robert Wises Der Tag, an dem die Erde stillstand (The Day the Earth Stood Still, 1951), der von No-Nuke-Pazifisten noch immer verehrt wird. Obwohl er eine Botschaft des Friedens bringt, wird der smarte Außerirdische Klaatu von der großen bösen US Army verfolgt und abgeschossen. Zum Abschied stellt er der Menschheit ein Ultimatum: Wenn nicht aufgehört wird Kriege zu führen, wird die Erde von einer kosmischen Gemeinschaft ausgelöscht, welche die Nase von dem Planeten voll hat, der die Bedeutung von zivilisiertem Verhalten nicht versteht. Was die meisten Zuschauer nicht verstehen, ist, dass die „erleuchtete“ Autorität im Weltraum eine totalitäre Organisation repräsentiert, die unserer Welt mit Zerstörung droht, sollte die Menschheit nicht nach ihren Regeln spielen. Die Außerirdischen wollen nicht helfen, sondern züchtigen. Klingt doch eher nach kolonialer Repression, oder?

Der Tag, an dem die Erde stillstand hat eine bestimmte liberal-humanistische politische Agenda und erscheint in seiner Herabsetzung von Militärherrschaft und opportunistischen Informanten immer noch ziemlich mutig. Es gab allerdings auch noch andere Sci-Fi-Filme aus den 50er Jahren, die konzipiert wurden, um radikale Meinungen auszudrücken. Der unglaublich propagandistische Red Planet Mars von 1952 gehört da genauso dazu, wie der hier vorliegende Sci-Fi-Thriller The 27th Day von 1957, der etwas weniger unverschämt, aber auf ebenso interessante Art und Weise versucht, die Probleme des Kalten Krieges durch Alien-Intervention zu lösen. Es heißt der Roman von John Mantley sei allegorischer und unspezifischer in Sachen Politik, doch Mantley höchst selbst verfasste auch das Drehbuch für dieses Welt-in-Gefahr-Epos der Economy-Klasse. Oberflächlich bietet Der 27. Tag ein raffiniertes moralisches Dilemma, in dem die Aliens das Äquivalent einer mythologischen Büchse der Pandora bereitstellen – eine Waffe, die für Sterbliche zu mächtig ist, um verantwortungsvoll damit umzugehen. Wie ein Professor, der ein Problem der „situativen Ethik“ darstellt, erklärt der Außerirdische die Regeln des Spiels, damit die Menschen darüber reflektieren können. Selbstverständlich ist das Alien ein Heuchler (Menschen entführen und dann humane Absichten verkünden!?), doch letztendlich fungiert er nur als plot-device, um die Kapazität unserer Spezies für ethische Integrität zu testen. Einige der Erdlinge, denen die Waffe ausgehändigt wurde, reagieren sogar ziemlich intelligent, weswegen man sich mit dem übrig gebliebenen Trio identifizieren kann, um mit ihnen zu entscheiden, was mit den verbleibenden Waffen geschehen soll.

Der 27. Tag gibt seinen Amateur-Allegorien-Status jedoch auf, um mit einer ziemlich peinlich dämlichen Anti-Kommunisten Propaganda daher zu kommen. Die letztendliche Botschaft des Films ist nicht „wir müssen in Frieden leben“, sondern „der einzig gute Kommi ist ein toter Kommi“. Das entfernt sich weit von Der Tag, an dem die Erde still stand, wo Klaatu einem Botschafter kaltblütig mitteilt, dass er sich nicht für die kleinen internationalen Streitigkeiten der Menschheit interessiert. Folglich muss die Chinesin die Geschichte als erstes verlassen: durch Selbstmord. Ihr Dorf war irgendeinem militärischen Gemetzel zum Opfer gefallen und der Film weiß, das anti-kommunistische Publikum wird den Freitod akzeptieren, da das „genau das ist, was chinesische Kommunisten tun“. Selbstmord war normalerweise ein Tabu innerhalb des Produktionscodes, aber weil Su Tan eine mutmaßliche Nicht-Christin ist, kann der Film grundsätzlich ausdrücken: zur Hölle mit ihr. Es ist besser, sich auf den russischen Hauptfeind zu konzentrieren, um die Mundatmer im Publikum nicht zu verwirren. Die Russen, geblendet von der mörderischen Kraft der Waffe (die nur Menschen und nichts anderes vernichtet), gehen sogar so weit, einen Weg zu finden, um die gesamten Vereinigten Staaten mit einem Schlag auszulöschen. Sie beginnen mit der Drohung, ihre Waffe zu benutzen, es sei denn, die Amis ziehen all ihre Armeen hinter ihre Kontinentalgrenzen zurück.

Das macht natürlich keinen Sinn, es sei denn, man glaubt an die Mutual-Assured-Destruction-Theory, denn das einzige, was Moskau davon abhielt, die Amis ins Himmlische Königreich zu schießen, war die Angst vor amerikanischer Vergeltung. Mantleys Russkies frohlocken vor Überzeugung, dass die dummen amerikanischen Beschwichtiger niemals zuerst zuschlagen würden. Mit dem Segen des Pentagon führen Jonathan und Bechner einen Test im Südatlantik durch, nur um zu beweisen, dass die Waffe tatsächlich funktioniert. Ein riesiges Gebiet in den Weiten des Ozeans wird geräumt und eine der Waffen aktiviert, um einen einzelnen Mann in einem Boot zu pulverisieren. Er handelt sich dabei um einen weiteren Wissenschaftler (Frederick Ledebur, „Queequeg“ aus John Hustons Moby Dick), der sich absichtlich eine tödliche Dosis Strahlung injiziert hat, um sich über die moralischen Skrupel des Pentagon bezüglich des Opferns eines Freiwilligen hinwegzusetzen. Da Ledeburs Opfer durch den Produktionscode abgedeckt ist, muss wohl für Märtyrer, die daran interessiert sind, die Welt zugunsten von „Freiheit“ zu retten, eine besondere Zensur-Dispensation gewährt worden sein. Das Ende ist dann allerdings doch etwas unglaubwürdig geraten…

Der 27. Tag ist ein kostengünstig produzierter Columbia-Film, allerdings längst nicht so peinlich wie einige von Sam Katzmans „Wo ist der Film?“ – Entschuldigungen für Unterhaltung. Die Schauspielerei präsentiert sich recht gelungen, während das Drehbuch weitestgehend frei von Z-Niveau-Dialogen gehalten wurde. Sogenanntes Stock-Footage lässt sich jedoch vermehrt finden, wobei die paar Aufnahmen von fliegenden Untertassen Ray Harryhausens Werk aus Fliegende Untertassen greifen an (Earth vs. the Flying Saucers, 1956) darstellen. Valerie Frenchs bekanntester Film ist der Western Der Mann ohne Furcht (Jubal, 1956); hier versucht sie mutig etwas Romantik in den Streifen zu bringen. George Voskovek gehörte zu den ursprünglichen (Die) zwölf Geschworenen (12 Angry Men, 1957) und der in Deutschland geborene Stefan Schnabel hatte seinen Anteil an Nazis und Russen zu spielen. In kleineren Rollen sind Paul Birch, Grandon Rhodes und Mel Welles zu sehen, während Synchronsprecher Paul Frees die Rolle eines Radiosprechers in einem Film übernimmt, der aus mindestens 10% Radioansagen und Voiceovers besteht.

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  • Darsteller: Gene Barry, Valerie French, George Voskovecs, Arnold Moss, Stefan Schnabel
  • Regisseur: William Asher
  • Format: Limited Edition
  • Untertitel: Deutsch
  • Region: Region B/2
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.77:1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Anolis Entertainment
  • Produktionsjahr: 1957
  • Spieldauer: 75 Minuten

Anolis Entertainment bringt Der 27. Tag im Rahmen ihrer Die Rache der Galerie des Grauens Reihe als Nummer 09 in einer BluRay / DVD-Edition heraus und leistet damit, wie bereits gewohnt, tolle Arbeit. Das Bild präsentiert sich im 1.77:1/ 16:9 Format und sieht absolut klasse aus. Es zeigt sich sehr gut restauriert, enorm scharf und wunderbar detail- und kontrastreich. Beim Ton kann man zwischen den Sprachen Deutsch und Englisch (alle DTS-HD 2.0 Mono) wählen, wobei deutsche Untertitel zuschaltbar sind. Außerdem gibt es neben den deutschen und amerikanischen Kinotrailern, einem deutschen sowie amerikanischen Werberatschlag, einem Filmprogramm und einer Bildergalerie noch das 12-seitige Booklet von Ingo Strecker zu bestaunen. Die Audiokommentare mit Dr. Rolf Giesen und Volker Kronz sowie Bodo Traber und Ingo Strecker müssen mal wieder als Höhepunkte der Veröffentlichung gewertet werden, versorgen sie den geneigten Zuschauer doch mit einer Fülle an interessanten Informationen über den Film und die Schauspieler. Ein ganz großes Plus: diesmal kann man neben den spanischen und portugiesischen Titelsequenzen auch zwischen der amerikanischen bzw. deutschen Kinofassung wählen. Fans der Galerie des Grauens Reihen und/oder SciFi-Streifen der alten Schule werden ohne Frage ihren Spaß an Der 27. Tag haben.

Diese Edition sowie das Bildmaterial wurde uns freundlicherweise von Anolis Entertainment zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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