Silbersattel / Sella d’argento / Silver Saddle

Als Kind muss Roy Blood mit ansehen, wie sein Vater von einem Pistolero brutal niedergeschossen wird. Obwohl er erst zehn Jahre alt ist, tötet er den Killer mit einem Gewehr und nimmt dessen Markenzeichen an sich: einen silbernen Sattel. Jahre später ist Roy als Revolverheld berüchtigt: Wo immer der „Silbersattel“ auftaucht, pflastern Leichen seinen Weg. (Koch Media GmbH)

1978 veröffentlicht, als die italienische Filmindustrie das Genre bereits zu Grabe getragen hatte, wird Silbersattel oft als der letzte echte Italo-Western bezeichnet. Da die meisten Beteiligten an dem Projekt erkannten, dass es sich dabei um eine Art Begräbnisritual handeln würde, wurde Duccio Tessari gebeten am Drehbuch mitzuwirken. Tessari hatte am ersten „echten Italo-Western“, Per un pugno di dollari (Für eine Handvoll Dollar, 1964), mitgeschrieben und deswegen schien es vernünftig, dass er auch am letzten mitschreiben sollte. Tessaris Name wird jedoch nicht im Abspann aufgeführt, während Adriano Bolzoni (dem sowohl die Geschichte, als auch das Drehbuch gutgeschrieben werden) behauptet, er habe das gesamte Skript alleine geschrieben. Dennoch erinnert die Eröffnungsszene an Für eine Handvoll Dollar, denn auch hier geht es um eine Familie, die auseinander gerissen und um einen Jungen, dem Unrecht angetan wird (sein Vater wird vor seinen Augen erschossen). Doch anstatt hilflos zu weinen, verteidigt sich der Junge (er erschießt den Mörder und stiehlt dessen schönen silbernen Sattel) und wird zum Hauptcharakter des Films.

Seit etwa zwanzig Jahren ist er nun ein berühmter Revolverheld namens Roy Blood (Giuliano Gemma), wobei der silberne Sattel zu seinem Markenzeichen geworden ist. Ihm folgt der hinterhältige Herumtreiber Two-Strike Snake (Geoffrey Lewis), der den silbernen Sattel erkannt und beschlossen hat, sich Roy Blood anzuschließen, um dessen Opfer hinter seinem Rücken auszuplündern. In der Stadt wird Snake von einem Mann angesprochen, der Roy Blood für einen Mordanschlag anheuern will; Roy weigert sich zunächst, ändert aber seine Meinung, als ihm der Name des Opfers genannt wird: Barrett. Der Auftragskiller, der einst seinen Vater erschoss, wurde nämlich auch von einem Mann bezahlt, der Barrett hieß. Bis zu diesem bestimmten Moment repräsentiert Silbersattel einen sehr würdigen Abschluss des Genres, eine reich texturierte Western-Geschichte, die vor Action nur so strotzt und teils ernsthaft, teils leichtherzig angelegt worden ist. Geoffrey Lewis spielt seine Rolle als Aasgeier namens Snake gar köstlich in seinem zweiten Italo-Western Auftritt nach Il mio nome è Nessuno (Mein Name ist Nobody, 1973).

Doch in einer Szene, die einer Sequenz aus Giulio Petronis La notte dei serpenti (Night of the Serpent, 1969) bemerkenswert nahe kommt, entpuppt sich das beabsichtigte Mordopfer als ein Kind. Nach dem Auftauchen des Kindes ändert sich die Atmosphäre des Streifens ganz gewaltig, wobei nun sanftere Töne angeschlagen werden. Silbersattel stellt in hohem Maße eine Art Kompromissfilm dar, was man deutlich erkennen kann: Lucio Fulci wollte einen Western erschaffen, der alle anderen Western an Gewalt und Brutalität übertrifft, während Giuliano Gemma es vorzog, einen Film für die ganze Familie zu drehen. Fulci war mit dem Endergebnis nicht zufrieden, wobei seine säuerlichen Kommentare darüber dem Ruf des Films nicht gerade gut getan haben. Sella d’argento ist nicht zu den ganz großen Italo-Western zu zählen, repräsentiert jedoch ein sehr sympathisches Exemplar. Da der Film einen Kompromiss darstellt, fällt er größtenteils zwischen zwei Stühle: Für einen Fulci-Film gestaltet er sich nicht besonders brutal, wobei die Gewaltdarstellung dennoch graphischer geraten ist, als in den meisten Italo-Western des letzten Jahrzehnts. Deswegen ist aus dem Streifen auch kein richtiger Familienfilm geworden, obwohl einige Szenen mit sowas Ähnlichem wie enorm klebrigen Disney-Sirup reichlich überschüttet worden sind: In diesem Universum besitzt eine Prostituierte nicht nur ein Herz aus Gold, sondern sie schmilzt auch vor dem Anblick eines zehnjährigen Jungen mit blauen Augen und blonden Haaren dahin. Ach ja und beim Einsatz des Zwergponys ist dann, im wahrsten Sinne des Wortes, sowieso alles vorbei.

Glücklicherweise nimmt der Film den düsteren Ton der ersten dreißig Minuten wieder auf, wenn Fulci beschließt es sei höchste Zeit einige Priester zu töten sowie ein paar Mexikaner in die Luft zu jagen. So gefällt das dem Publikum schon wesentlich besser. Silbersattel repräsentiert im Grunde genommen einen Thriller (wer versucht das Kind zu töten und warum?), der auch einige twists & turns zu bieten hat, es allerdings nicht sehr gut versteht Spannung damit zu erzeugen. Dafür wurde der Film wunderschön in Szene gesetzt, die Action ist als großartig zu bezeichnen, während es das Wechselspiel zwischen dem charmanten sowie selbstbewussten (aber tödlichen) Gemma und dem hinterhältigen (aber gottesfürchtigen) Lewis bestens versteht zu gefallen. Und ja, sogar die Musik sowie der kitschige Titelsong (der zugegebenermaßen ein paar Mal zu oft Verwendung findet) stellen sich als begrüßenswert heraus. Fulci wollte für die Rolle des Snake ursprünglich Tomas Milian verpflichten, der zweifellos eine ausgezeichnete Wahl gewesen wäre, doch Lewis liefert ebenfalls großartige Arbeit ab.

Genre-Veteranen wie Donald O’Brien, Ettore Manni und Aldo Sambrell (als Aldo Sanbrell gelistet) bekamen nette Cameo-Auftritte spendiert, während die schöne Licinia Lentini hingegen noch keine Erfahrung mit Italo-Western gemacht hatte, aber dennoch einen Platz unter den großen Madams des Genres verdient. Abgesehen von den bereits erwähnten Referenzen gibt es auch noch eine Szene (in der Gemma ein Loch in eine Dollarmünze schießt), die einen von Gemmas frühen Western Un dollaro bucato (Ein Loch im Dollar, 1965) widerspiegelt und eine ziemlich bizarre Peitschenszene – in der Aldo Sambrells Garrincha dem Kind (sowie den Zuschauern) beinahe sämtliche Sinne aus dem Leib prügelt 😉 – die sich auf Franco Neros berüchtigte Auspeitschung aus Fulcis eigenem Le colt cantarono la morte e fu… tempo di massacro (Django – Sein Gesangbuch war der Colt, 1966) zu beziehen scheint.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 2.35:1
  • Regisseur: ‎Lucio Fulci
  • Medienformat: ‎Dolby, Breitbild
  • Laufzeit: 1 Stunde und 38 Minuten
  • Darsteller: Giuliano Gemma, Donal O’Brien, Geoffrey Lewis, Sven Valsecchi, Ettore Manni
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio: ‎Koch Media GmbH

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Diese Edition wurde uns freundlicherweise von Domi Michele zur Verfügung gestellt.

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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