Bandidos / Crepa tu… che vivo io! / Guns of Death

Der Revolverheld und Kunstschütze Richard Martin ist gerade mit der Eisenbahn unterwegs, als diese von seinem ehemaligen Komplizen Billy Kane und seiner Bande überfallen wird. Beim Versuch, dem Überfall ein Ende zu setzen, werden Martin jedoch beide Hände durchlöchert, so dass er nie wieder ein Schießeisen halten kann. Beseelt von dem Wunsch, Rache an seinem Peiniger zu üben, zieht Martin von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem, dem er das Schießen beibringen kann…

Bandidos blieb in dem Strom von Italo-Western (der Ende der sechziger Jahre den Markt überschwemmte) ziemlich unbemerkt, vermutlich weil weder Regisseur Dallamano noch seine Schauspieler den Western-Fans ein Begriff gewesen waren. Ironischerweise hatten sowohl Massimo Dallamano als auch Hauptdarsteller Enrico Maria Salerno bereits mit Sergio Leone zusammengearbeitet. Dallamano war Leones Kameramann für Eine Handvoll Dollar und Für ein paar Dollar mehr gewesen, während Salerno Clint Eastwood in den italienischen Versionen der Dollar-Trilogie synchronisiert hatte. Salerno war auch Leones erste Wahl für die Rolle des Mr. Morton gewesen, der dann letztendlich von Gabriele Ferzetti verkörpert wurde. Ein Zug wird von einer Verbrecherbande überfallen und alle Passagiere werden getötet, weil der Bandenführer Billy Kane nicht möchte, dass sein Gesicht auf Steckbriefen zu sehen ist. Ein Passagier, Richard Martin, ein ungewöhnlich geschickter Schütze und alter Bekannter von Billy Kane, wird nicht getötet, sondern bekommt seine Hände zerschossen, damit er nie wieder eine Waffe in ihnen halten kann.

Fortan verdient Martin seinen Lebensunterhalt mit einer Wild-West-Show auf Rädern und bereitet dabei die ganze Zeit seine Rache vor, indem er einen jungen Mann, Ricky Shot, als seinen Ersatzkiller ausbildet. Der Plan scheint aufzugehen, doch der junge Mann hat seine eigenen Gründe, dem Banditen nach zu jagen. Das alles hat mit dem Überfall auf den Zug zu tun, wie uns der Text des Titellieds verrät … from this train, there’s no return … Mit Leones ehemaligem Kameramann auf dem Regiestuhl stellt es kein Wunder dar, dass Bandidos großartig aussieht. Es gibt sogar eine Dolly-Aufnahme der Opfer des Zugüberfalls zu sehen, die den Maestro selbst zu einer ähnlichen Szene in Spiel mir das Lied vom Tod inspiriert haben könnte. Alex Cox ist der Meinung Dallamano hätte Bandidos hauptsächlich aus Frust gedreht (Alex Cox, 10.000 Ways To Die, 2009, Seite 179). Er hatte dazu beigetragen, die visuellen Konventionen des Genres zu etablieren, wurde aber für den dritten und letzten Teil der Dollar-Trilogie fallen gelassen. Bandidos repräsentiert, in der Tat, einen Film über Verrat und stellt gleichzeitig eine Variation des bekannten Meister-Schüler-Themas (z.B. I giorni dell’ira / Der Tod ritt Dienstags) dar. Doch in diesem Fall wird der Meister gleich von beiden seiner Schüler, Billy Kane und Ricky Shot, übertölpelt.

Achtung Spoilers !!!

Es gibt mehrere low-angle Kameraaufnahmen zu bestaunen, die an die ersten beiden Teile der Dollar-Trilogie erinnern, doch die Kamera wirbelt auch durch einen überfüllten Saloon oder verfolgt eine auf dem Tresen rutschende Flasche. Dallamano filmt seine Schauspieler oft von schräg hinten und lässt das Publikum in einer Szene zusammen mit einer Figur durch ein Loch in dessen Hutkrempe schauen. Der Besitzer des Hutes tut dabei so, als würde er gerade schlafen, beobachtet jedoch die Situation und wartet auf den richtigen Moment, um den Abzug seines Revolvers zu drücken. Diese Szene scheint einige der umstritteneren „voyeuristischen“ Momente in seinem späteren Werk anzukündigen. Wie in Für ein paar Dollar mehr wird die genaue Beziehung zwischen dem Jäger (Richard Martin) und seinem beabsichtigten Opfer (Billy Kane) erst relativ spät im Film enthüllt, doch hier gibt es keine Erlösung für den Rächer, sein Ruf nach Rache wird nicht beantwortet, denn alles, was er noch tun kann, ist seine verkrüppelten Hände gegen seine Feinde oder gegen eine Wand zu schlagen. Ricky Shot, der Mann, den er zu seinem Ersatzkiller ausgebildet hat, tritt schließlich doch noch in die Fußstapfen seines Meisters, aber erst nachdem Martin bereits in den Rücken geschossen worden ist (der dritte und verabscheuungswürdigste Akt des Verrats). Der für Leone so charakteristische Anflug von ironischem Humor fehlt in Bandidos beinahe vollständig. Was ebenfalls fehlt, ist die charakteristische Flashback-Struktur. Die drei Hauptfiguren haben sich schon einmal getroffen, doch das Publikum bekommt nie einen Rückblick auf einen der entscheidenden Momente in ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu sehen.

Das Skript hat eine lineare Struktur zu bieten, gestaltet sich aber auch kompliziert und vielschichtig. Das Problem mit dem durchschnittlichen Rache-Western ist, dass sich das Publikum von der Hauptfigur distanziert fühlt. Man erlebt das Abschlachten seiner Familie mit und weiß daher, warum sie Rache sucht, doch man spürt weder ihren Schmerz noch ihre Trauer. Salerno, der Rächer des Films, sieht eher wie ein Dandy aus, bevor seine Hände zerschossen werden, wobei sich die Zuschauer zunächst nicht um seine Verstümmelung kümmern; erst später, als man Zeuge seiner allmählichen Degradierung zu einem emotional verkrüppelten Mann wird, beginnt man sich um ihn zu sorgen. Der Bösewicht Billy Kane (Venantino Venantini) wird als rücksichtsloser Mörder dargestellt, bleibt aber nichtsdestotrotz ein Mensch. Nach und nach bekommt man immer mehr mit, dass auch er emotional vom Geschehenen betroffen ist. Er kann Martin im Stich lassen, ihn demütigen und in den Rücken schießen, doch ein Mann kann nicht vor seiner eigenen Vergangenheit fliehen, niemand kann seinen eigenen Schatten loswerden. Letztendlich repräsentiert Bandidos einen Film über verratene Freundschaft, nicht über Rache, wobei das Publikum erkennt, dass das Resultat tragischer Natur sein wird, wie auch immer es sich ausspielen mag. Freudianer werden sicherlich einige homosexuelle Untertöne bemerken können. Sie werden auch feststellen, dass das Zerschießen von Salernos Händen eine symbolische Kastration darstellt.

Sowohl Salerno als auch Venantini liefern großartige Vorstellungen ab. Terry Jenkins als Ricky Shot kommt dagegen etwas weniger überzeugend rüber; er war ein Ex-Model ohne schauspielerische Erfahrung gewesen, doch alles in allem macht er seinen Job ganz gut. Das gunplay des Films ist als beeindruckend zu bezeichnen, anscheinend haben die Schauspieler allesamt Schießunterricht bei Giuliano Gemma genommen. Egisto Macchis trompetendominierter Soundtrack dürfte zu den besten aller Italo-Western-Soundtracks zu zählen sein. Das Hauptthema, das während des Abspanns instrumentalisiert und im Film gesungen wird, ist von unglaublicher, herzergreifender Schönheit. Es wird auf der englischen Tonspur übrigens auf Englisch und auf der italienischen Tonspur auf Italienisch („La ballata del treno“ von Nico Fidenco) gesungen. Man kann Alex Cox schon zustimmen. Bandidos ist als eine Art Anti-Leone-Film anzusehen. Dallamano war älter als Leone und sein Film handelt von den Rachegefühlen eines älteren Mannes, die sich gegen einen jüngeren Mann richten. Bandidos wurde mit nur einem Bruchteil der Budgets realisiert, die Leone zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung gehabt hatte. Ironischerweise kommt Dallamano, während er versucht Anti-Leone zu sein, Leone wahrscheinlich näher als jeder andere Spaghetti-Western Regisseur. Man kann Bandidos nur mit Spiel mir das Lied vom Tod vergleichen: Beide Filme präsentieren sich sehr eigenständig, wobei sie nur wenig mit anderen Italo-Western gemein haben, aber dennoch ein richtiges „Spaghetti-Feeling“ vermitteln.

Arrow Films veröffentlicht Bandidos im Rahmen ihrer limitierten Vengeance Trails Blu-ray Box, in der außerdem noch Django – Sein Gesangbuch war der Colt (1966), Satan der Rache (1970) und Jonny Madoc (1966) enthalten sind. Es liegen High Definition Blu-ray (16:9 – 1.78:1 / 1080p) Präsentationen aller vier Filme sowie 2K-Restaurationen aller vier Filme von den original 35-mm-Negativen vor, wobei Django – Sein Gesangbuch war der Colt, Jonny Madoc und Bandidos für diese Veröffentlichung von Arrow Films neu restauriert worden sind. Beim Ton liegen restaurierte italienische und englische Mono-Soundtracks vor, denen bei Bedarf, englische Untertitel für die italienischen Soundtracks sowie englische Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige für die englischen Soundtracks zugeschaltet werden können. Die Box beinhaltet eine illustrierte Sammlerbroschüre mit neuen Texten des Autors und Kritikers Howard Hughes sowie ein doppelseitiges Klappposter mit neu in Auftrag gegebenen artwork.

Bonusmaterial:

  • Neuer Audiokommentar von Autorin und Kritikerin Kat Ellinger —> enorm informativ sowie interessant, doch Frau Ellingers äußerst stark ausgeprägter britischer Akzent ist für jemanden, der mit amerikanischem Englisch aufgewachsen ist, auf Dauer nur schwer zu ertragen…
  • Neues Interview mit Regieassistent Luigi Perelli —> hat einiges über den Film sowie die Produktion zu berichten
  • Neues Interview mit Schauspieler Gino Barbacane —> gibt einige witzige Anekdoten zum Besten
  • Neues Interview mit Fabio Melelli —> wie gewohnt, immens informativ und unterhaltsam
  • Alternative Endtitel-Sequenz

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 1.78:1
  • Alterseinstufung: ‎Nicht geprüft
  • Untertitel: ‎Englisch
  • Sprache: ‎Englisch (DTS 5.1)
  • Studio: Arrow Video
  • Anzahl Disks: 4

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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