Das Gesicht im Dunkeln / A doppia faccia / Double Face

Es geht um den Unfalltot einer Millionenerbin – oder sollte es sich um Mord handeln? Inspektor Steevens (Günther Stoll) jedenfalls ist fest davon überzeugt. Sein Verdacht fällt auf den Alleinerben, den Ehemann John (Klaus Kinski). John verhält sich aber auch mehr als merkwürdig, doch wie sollte er nicht, reift in ihm doch der Verdacht, seine Frau sei gar nicht tot! Aber wo ist sie? Ein „Gesicht im Dunkeln“ verfolgt ihn – ist es das seiner Frau? (Taurus Video)

Diese italienisch / westdeutsche Produktion stellt einen von mehreren Gialli dar, die in Deutschland als Edgar Wallace Krimis vermarktet wurden. Angesichts der schlechten Qualität von Rialtos eigenem Produkt (wie Der Mann mit dem Glasauge von 1969 oder Die Tote aus der Themse von 1971 belegen) wäre ein wirklich besseres Werk wie dieses zweifellos eine willkommene Erleichterung gewesen. Wie bei anderen sogenannten „Faux Krimis“ wie L’uccello dalle piume di cristallo (Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, 1970) oder Cosa avete fatto a Solange? (Das Geheimnis der grünen Stecknadel, 1972) repräsentiert Das Gesicht im Dunkeln einen Krimi nur dem Namen nach – stellt jedoch definitiv ein gutes Beispiel für einen Giallo dar. Der Film orientiert sich, in seiner Geschichte von Sex, Drogen und Duplizität im Swinging London, am Erfolg von Antonionis Blow Up (1966) und Lenzis Orgasmo (1968). Die melancholische Atmosphäre und die Verweigerung, den „freigeistigen“ Lebensstil dieser Zeit zu verherrlichen, deuten allerdings auf einen völlig anderen Ansatz von Riccardo Freda hin.

Für Freda repräsentiert der Film ein dunkles Drama mit Elementen der Gotik, die am Rande des Bildes lauern. John Alexanders Besessenheit von seiner toten Frau erinnert an nichts anderes, als an Fredas früheren Antihelden, den perversen Dr. Bernard Hichcock, den nekrophilen Protagonisten aus L’orribile segreto del Dr. Hichcock (Das schreckliche Geheimnis des Dr. Hichcock, 1962). Trotz des modernen Umfelds wirkt der Film stattlich und altmodisch. Im Gegensatz zu einigen seiner Zeitgenossen betrachtete sich Freda in dieser sehr zeitgenössischen Umgebung eindeutig als Fremder. Zu seiner Ehre akzeptiert er das nicht blindlings bevor er den Film in „unkonventionellen“ Klischees einweicht und ihn stattdessen fragend untersucht, als ob er andeuten möchte, dass der oberflächliche Reiz dieser neu entdeckten Freiheit auf Kosten von etwas Tieferem und Edlerem geht.

Das Drehbuch wurde von Freda in Zusammenarbeit mit Paul Hengge geschrieben, doch einige Quellen führen auch noch Lucio Fulci, Romano Migliorini und Gianbattista Mussetto als weitere Autoren auf. Die Handlung hängt sehr gut zusammen, während die Betonung des kleinen Porno-Zirkels im Untergrund für diese Zeit einen neuartigen Touch darstellt. Die metakinematischen Konnotationen werden schlau und ohne Heuchelei angesprochen: genauso wie der kurze pornographische Film ohne Ton, mit dem John konfrontiert wird, warten kommerzielle Filme wie der Giallo mit Bildern von sensationalisiertem Sex und Nacktheit auf. Das Gesicht im Dunkeln macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme, wobei es Fredas Verdienst ist, dass er sich der Predigt gegen das „Übel“ der Pornografie widersetzt und stattdessen Kritik an den schäbigen Personen übt, die sich verschwören, um Johns Leben zur Hölle zu machen. Letztendlich handelt es sich hier um einen seltenen Giallo, der sowohl überrascht, als auch auf menschlicher Ebene wirklich beeindruckt.

Man macht sich schnell Sorgen um John und seine Notlage, obwohl er bestenfalls als ein zutiefst fehlerhafter „Held“ zu beschreiben ist. Der Film wird mit einer großartigen Kinematographie von Fredas regelmäßigem Mitarbeiter Gábor Pogány verziert, während der Soundtrack von Nora Orlandi zu den besten zu zählen ist, die man jemals in einem Giallo gehört hat. Die Produktionswerte sind im Großen und Ganzen als sehr gut zu bezeichnen, wobei der Film zugegebenermaßen einen recht schwierigen Start hat, mit wenig überzeugenden Spezialeffekten, insbesondere dem Spielzeugauto, mit dem ein Autounfall vorgetäuscht werden soll. Auch die enorm zweifelhafte Rückwandprojektion, die John und Helens Flitterwochen im Schnee simulieren soll, sieht mehr als schlecht gemacht aus. Sobald der Film dann die eigentliche Geschichte erzählt, gibt es glücklicherweise keine derartigen Ablenkungen mehr zu beobachten. Gegen Ende des Streifens gibt es eine hübsche Matte Einstellung zu sehen, welche eine Illusion der St. Johns Kathedrale erzeugt, wobei man sich fragen muss, ob Fredas Freund und Kollege Mario Bava am Set vorbeigekommen war, um diese bestimmte Einstellung zum Film beizutragen.

Riccardo Freda wurde 1909 in Alexandria, Ägypten, geboren. Als Student der Kunstgeschichte wurde er in den 30er Jahren zunächst als Autor und Regieassistent in die Welt der Filme gelockt. Sein Regiedebüt gab er mit Don Cesare di Bazan (1942) und erzielte mit dem äußerst beliebten Aquila nera (Schwarzer Adler, 1946) einen großen Erfolg. Freda bevorzugte historische Filme sowie Schwert und Sandalen Abenteuerstreifen, doch zusammen mit Mario Bava konzipierte er Italiens ersten Horrorfilm mit Ton, I vampiri (Der Vampir von Notre-Dame, 1957), einen Film mit ausgeprägten Giallo-Obertönen. Freda drehte den Film aufgrund einer Wette (was in seiner Karriere kaum ungewöhnlich gewesen ist) und garantierte, der Flick sei in zwölf Tagen fertig. Zehn Tage später war klar, dass er den Streifen nicht zu seiner Zufriedenheit beenden konnte und nach einem Streit mit den Produzenten überließ er Bava die Produktion. Der eigentliche Kameramann und Spezialeffektkünstler machte einige Abstriche, suchte Stock-Footage zusammen und schaffte es den Film pünktlich fertigzustellen.

Das Versagen des Films an der Abendkasse überzeugte Freda, dass das italienische Publikum noch nicht reif für einen italienischen Horrorfilms war und begann seine nachfolgenden Genrefilme unter dem Pseudonym Robert Hampton zu drehen. Freda würde Caltiki il mostro immortale (Caltiki – Rätsel des Grauens, 1959) übernehmen, um den wenig ehrgeizigen Bava dazu zu zwingen, einen letzten Schritt in Richtung Regiestuhl zu unternehmen. Freda verließ wieder einmal das Set, diesmal nach nur wenigen Drehtagen, weswegen ein nicht im Abspann aufgeführter Mario Bava erneut übernehmen musste. In den 60er Jahren beschäftigte sich Freda mit Filmen nur noch als Zeitvertreib. Er war unabhängig wohlhabend und konnte großen Erfolg mit Pferdewetten aufweisen. Da er auch Pferde züchtete und damit viel Geld machte, war er in der Lage Filmprojekte einfach fallen zu lassen, wenn ihm die Produktionen zu viele Kopfschmerzen bereiteten. Er brachte seine bemerkenswertesten Filme aus dieser Zeit (darunter Das schreckliche Geheimnis des Dr. Hichcock, Lo spettro und Das Gesicht im Dunkeln) zwar zu Ende, doch seine Produktion würde in den 70er Jahren herunterfahren.

Er inszenierte den Giallo L’iguana dalla lingua di fuoco (Die Bestie mit dem feurigen Atem, 1971), versteckte sich jedoch hinter dem obskuren Pseudonym Willy Pareto, angeblich weil er den Film nicht selbst fertiggestellt hatte und außerdem bestreiten würde, viel mit der bizarren Geistergeschichte Estratto dagli archivi segreti della polizia di una capitale europea (Tragic Ceremony, 1972) zu tun zu haben, obwohl sein Name im Abspann aufgeführt war. Er vollendete seinen letzten Film, Follia omicida (Murder Obsession, 1981) und nahm sich den Rest des Jahrzehnts frei, außer, wenn er sich um seine Jünger wie den Regisseur Bertrand Tavernier kümmerte. Mit La fille de d’Artagnan (D’Artagnans Tochter, 1994) kehrte er überraschend auf den Regiestuhl zurück, stritt sich jedoch schon früh mit den Produzenten, weswegen Tavernier beauftragt wurde den Film zu übernehmen. Freda starb 1999 im Alter von 90 Jahren. Der Film wird von Klaus Kinski getragen, dem berüchtigten Enfant Terrible des europäischen Kultkinos. Der am 18.10.1926 in Polen geborene Kinski begann als Bühnenschauspieler und gab sein Filmdebut in den späten 40er Jahren.

Sein besonderes Aussehen und feurige Intensität machten ihn zu einem perfekten Darsteller für Bösewichte, während er dafür berüchtigt war, sich mit Regisseuren und Co-Stars gleichermaßen anzulegen. Trotzdem ergatterte er aufgrund seines offensichtlichen Talents und seiner Attraktivität für die Kinokassen jahrzehntelang Filmrollen. Er würde in „wichtigen“ Filmen von David Lean (Doktor Schiwago, 1965) und Billy Wilder (Buddy, Buddy, 1981) auftreten, seinen größten künstlerischen Erfolg fand er allerdings in der Zusammenarbeit mit dem Außenseiter der deutschen Filmemacher Werner Herzog, mit dem er eine Reihe von intensiven Filmen gedreht hat, darunter Aguirre, der Zorn Gottes (1972) und Nosferatu: Phantom der Nacht (1979). Zwischen den beiden bestand eine Hassliebe und es wurde gemunkelt, dass Herzog und Kinski beide heimlich planten, sich an verschiedenen Punkten gegenseitig umzubringen. Kinski pflegte eine harmonischere Beziehung zu Genre-Filmemachern wie Jess Franco und Antonio Margheriti, die ihn beide mehrmals besetzten, ohne unbeschreibliche Dramen mit ihm zu erleben.

Es ist zwar nur schwer vorstellbar, dass der Schauspieler mit seinem haarsträubenden Temperament und seiner Vorliebe für Wutanfälle eine freundschaftliche Beziehung zum notorisch despotischen Freda aufgebaut hat, doch es wurde nie etwas Negatives über ihre Zusammenarbeit berichtet. Das Ergebnis für Das Gesicht im Dunkeln ist jedenfalls als ziemlich gut zu bezeichnen, da Kinski eine entspannte, unaffektierte Leistung als Mann abliefert, der sich an den letzten Rest seiner geistigen Gesundheit klammert. Es handelt sich hier mal um eine sympathische Rolle für den Schauspieler, der oft auf Schurken und Bösewichte festgelegt wurde. Kinskis unvorhersehbare Eskapaden setzten sich in den 80er Jahren fort und es tauchten Gerüchte auf, er sei klinisch verrückt geworden und möglicherweise sogar so tief gesunken, so dass er seine eigenen Töchter Paola und Nastassja sexuell belästigt haben soll. Letztere sollte natürlich selbst zu einer Schauspielerin werden. Kinski starb 1991 im Alter von 65 Jahren an einem Herzinfarkt.

Zu den Nebendarstellern zählen Sydney Chaplin, der Sohn des legendären Charlie Chaplin sowie die wunderschöne Margaret Lee, die als mysteriöse Helen eine starke Vorstellung abliefert. Lee, 1943 in England geboren, wanderte in den 60er Jahren nach Italien aus und begann hauptsächlich dekorative Rollen innerhalb des Peplum-Genres und in Spionagethrillern zu spielen. Sie trat im schäbigen Giallo La Bestia Uccide A Sangue Freddo (Das Schloß der blauen Vögel, 1971, ebenfalls mit Klaus Kinski) auf und spielte auch in Jess Francos Il trono di fuoco (Der Hexentöter von Blackmoor, 1969) und Paroxismus (Venus im Pelz, 1969, wieder mit Kinski). Sie zog sich Mitte der 80er Jahre von der Schauspielerei zurück. Die bezaubernde Christiane Krüger, Tochter des deutschen Filmstars Hardy Krüger, ist auch mit von der Partie. Sie wurde am 8. September 1945 in Hamburg geboren, vier Monate nachdem der Zweite Weltkrieg in Europa beendet worden war. Sie wirkte hauptsächlich in deutschsprachigen Filmen (Marina – Der brutale Weg einer Hure, 1973) und im Fernsehen (Die Mädchen aus dem Weltraum, 1976) mit, obwohl sie auch Streifzüge in englischsprachige Rollen unternommen hat, darunter die 1985 erschienene TV-Miniserie Anne auf Green Gables (1985). Bis 2013 war sie noch in der TV-Serie SOKO München aktiv.

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  • Seitenverhältnis : 16:9 – 1.78:1
  • Regisseur : Riccardo Freda
  • Medienformat : Blu-ray
  • Darsteller : Klaus Kinski, Christiane Kräzger, Günther Stoll, Annabella Incontrera, Sydney Chaplin
  • Untertitel: : Englisch, Englisch
  • Sprache, : Italienisch (Dolby Digital 1.0), Englisch (Dolby Digital 1.0)
  • Studio : Arrow Video

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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