Im Jahr des Drachen

Ich setze meine Reise durch das filmische Werk von Michael Cimino fort. Erst neulich habe ich über die neue BluRay seines Erstlingswerkes Thunderbolt and Lightfoot berichtet, und vor einigen Tagen meinen Artikel über sein Meisterwerk Heaven’s Gate um Bemerkungen zur neuen BluRay aktualisiert. Beide Filme erschienen bei capelight als schöne Mediabooks. Sein Im Jahr des Drachen (Year of the Dragon) erscheint nun endlich bei Koch Media, und ist ein Film von einem ganz anderen Schlag (dazu komme ich gleich noch). Mit dem Hauptdarsteller Mickey Rourke hatte er übrigens bereits in Heaven’s Gate zusammen gearbeitet, er hatte dort eine ganz kleine unauffällige Nebenrolle.

Im Jahr des Drachen ist in gewisser Weise ein Mafiakrimi. Stan White (Mickey Rourke) wird als neuer Ermittler in Chinatown ungeduldig mit der bisherigen Herangehensweise der Polizei in Bezug auf die zunehmende Macht der Triaden. Er ist ein unbestechlicher, rüpelhafter Cop, und er will die bestehenden Verhältnisse so richtig aufmischen. Abgesehen hat er es auf Joey Tai (John Lone), der sich an die Spitze der chinesischen Mafia stellt und mehr und mehr Bezirke an sich reisst. Nach den ersten Toten glaubt niemand Whites Theorie dessen, was hinter den Kulissen vor sich geht… erst als die Zahl der Mordopfer steigt, Geschäfte explodieren und es auf offener Straße Schießereien gibt, sehen auch seine Vorgesetzten ein, dass sie wenig Argumente gegen Whites Schlussfolgerungen haben. Doch alleine kann er es nicht mit dem ganzen organisierten Verbrechen aufnehmen….

Während seine vorangegangenen Werke, allen voran sein Oscar-prämiertes Kriegsdrama The Deer Hunter (aka Die Durch die Hölle Gehen), eher ausschweifendere Epen waren, wandte er sich nach dem herben Schlag, der Heaven’s Gate für seine Karriere war, wieder „kleineren“ Projekten zu – wenn man das so sagen kann. Weniger ambitioniert die Thematiken, weniger groß die Kamerawinkel, weniger ausgefallen die Produktionen. Aber schon die ersten Einstellungen in Year of the Dragon zeigen unverkennbar, dass hier ein Cimino am Werk ist: Detaillierte Sets, viele Menschen, komplizierte Bildkompositionen, ausgeklügelt inszenierte Atmosphäre. Ich war von der ersten Minute an wieder total gebannt.

1985 erschient der Krimi-Thriller. Wie es dazu kam dass man schon so bald wieder großes Budget nach Cimino warf weiß ich nicht. Rourke war da jedoch schon heißer Scheiss, und Oliver Stone war auch schon eine Hausnummer, vielleicht liegt es daran. Auch das Genre war gefragt, allerdings nicht unbedingt erfolgreich. Sergio Leones Gangstersaga Es war einmal in Amerika ereilte ein Jahr vorher in den USA quasi das gleiche Schicksal wie Heaven’s Gate. Vielleicht hat einfach das gute Drehbuch Produzenten überzeugt? Jedenfalls entfalten Cimino und Stone hier eine erstklassige kriminalpolitische Story in und um Chinatown, die grundsätzlich kaum mehr revolutionär erscheinen kann aber aufgrund der Finessen des Films hohe Durchschlagskraft beweist.

Anders als etwas neuere Filme dieser Thematik, wie zum Beispiel Rising Sun von 1993 oder The Corruptor von 1999, fährt Cimino mit Year of the Dragon einen ziemlich ambitionierten Ansatz: ein Ermittler nimmt es unverblümt mit den Triaden auf, macht daraus weder einen Hehl noch können ihm seine Vorgesetzten groß einen Strich durch seine Pläne machen. Wie ein Bulldozer geht er vor, aber nicht aus Tollpatschigkeit, sondern weil er genau weiß dass er anders nicht voran kommt, bei dem Morast aus Korruption und Filz. Erst ist es noch eine kleine Detektivgeschichte, aber es wird ziemlich schnell ein Kleinkrieg daraus.

Kritiker werfen bzw. warfen dem Film unter anderem Rassismus vor, fanden ihn platt und aufgeblasen zugleich, brutal und sexistisch. Ich bin der Meinung, man muss zum einen die 80er im Dorf lassen sozusagen, und andererseits verstehen, dass der Protagonist eben ein Dinosaurier ist, und noch dazu ein Vietnam-Veteran, der sich sowieso deplatziert fühlt. Um ihn herum versinkt alles in Verbrechen und Verfall. Stan White ist Ciminos Version von Travis Bickle! Der führt einen schmutzigen Krieg in einem schmutzigen Geschäft mit schmutzigen Methoden, aber er selbst bleibt dabei quasi sauber – ist aber kein braver Junge.

John Lone, der Whites Widersacher Joey Tai spielt, wurde für seine Rolle für einen Golden Globe nominiert, und Ariane, sie spielt die Reporterin Tracy Tzu, war interessanterweise gleich für zwei Razzies nominiert, sie spielte in ihrer kurzen Schauspielkarriere unter anderem nochmal in Ferraras King of New York. Das fand ich einen seltsamen Kontrast. Schauspielerisch ist der Film nämlich eigentlich große Klasse meiner Meinung nach, für die 80er, und Rourke insbesondere glänzt hier ganz besonders, darf große Reden bzw. auch Monologe schwingen und es so richtig krachen lassen.

Cimino zeigt mit Year of the Dragon, das er auch auf weniger Quadratmeter große Epen schwingen kann. Es ist ein eher claustrophobischer, hektischer und weniger ausschweifender Krimi, der aber von Anfang bis Ende vor Aufwand nur so strotzt: Jede Szene ist ein aufwendig inszeniertes Theater, voller Menschen und lebendiger Kulissen. Was der Film an charakterlicher Tiefe an mancher Stelle vielleicht vermissen lässt – die Entwicklungen sind zu schnell, die Linien zu klar – macht er mit Handwerkskunst ansonsten wieder wett. Der Film sieht verflucht gut aus, klingt gut und bietet eine fesselnde Atmosphäre. Bis zum Schluss bleibt er spannend und „atmet“ in einem in sich schlüssigen Universum. Ich bin ein großer Fan des Films.

Die BluRay bringt ein sauber restauriertes Bild, der Film sieht hier farbenfroh, scharf, kontrastreich und gesäubert auf. Etwas digitaler Rauschfilter ist sichtbar, ich fand es aber insgesamt in Ordnung. Der Ton (Englisch 5.1 getestet) klingt solide, ist laut ohne die Dialoge zu überdecken, und schafft halbwegs Räumlichkeit. Untertitel gibt es ebenfalls auf Deutsch und Englisch. Deutsch gibt es „nur“ als Stereospur, aber auch den Originalton gibt es noch als nicht hochgemischte 2.0 Spur ebenfalls mit an Bord.

An Extras gibt es zum einen den Audiokommentar mit Michael Cimino selbst. Darin geht der Regisseur darauf ein, wie der Film zustande kam, was das Thema der Triaden damit zu tun hat, und vieles mehr. Ein spannender Einblick in den Film, ohne diesen Audiokommentar habe ich jetzt das Gefühl kann man den Film gar nicht so recht einordnen. Immerhin habe ich mir so viele Fragen gestellt (siehe oben), viele davon werden hier zumindest annähernd beantwortet. Schön ist auch dass er auch viel über die Dreharbeiten selbst erzählt. Zum anderen wären da noch der Trailer und eine Bildergalerie. Insgesamt also ein wenig mager, aber der Kommentar ist wenigstens dabei.

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Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Koch Media zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 23. April 2018

    […] ihn als „Das Manhatten Massaker“ sah, war ich noch wenig begeistert, mittlerweile liebe ich „Im Jahr des Drachen“. Auch Sebastian von Nischenkino ist ein großer Fan dieses […]

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