Nadie oyó gritar / No One Heard the Scream

Als ein erstklassiges Callgirl ihren Nachbarn beim Entsorgen der Leiche seiner Frau beobachtet, überschreitet sie nicht nur die Grenze von Zeugin zur Komplizin, sondern auch noch zu etwas moralisch sehr viel mehr Verdorbenem.

Bei Nadie oyó gritar handelt es sich um ein sehr gutes Thriller-Drama mit interessanten Charakterisierungen, starken Darbietungen, Spannung, guten Wendungen innerhalb der Handlung und ein paar Giallo-Anleihen, obwohl der Film auch einige Längen aufzuweisen hat. Die immer noch sehr attraktive Elisa (Carmen Sevilla) ist mittlerweile mittleren Alters und hat sich im Leben hauptsächlich aufgrund ihres Aussehens durchsetzen können. Das Publikum lernt sie bei der Verabschiedung von ihrem wohlhabenden älteren Liebhaber Óscar (Antonio Casas) kennen, der sie allem Anschein nach (im Austausch für ein Wochenende im Monat) finanziell unterstützt (Wohnung, Auto, Geld, Flugtickets). Elisa wird es jedoch leid und sie beschließt ihren Flug nach London diesmal auszulassen, damit sie das Arrangement beenden kann. In dieser Nacht verwandelt sich ihre Erleichterung darüber frei zu sein und möglicherweise neu beginnen zu können, in Entsetzen, als sie ihre Wohnung verlässt und ihren Nachbarn Miguel (Vicente Parra) dabei beobachtet, wie er seine vermutlich gerade getötete Frau Nuria (María Asquerino) in den Fahrstuhlschacht fallen lässt.

Elisa eilt zurück in ihre Wohnung und schließt die Tür ab, doch Miguel verschafft sich (mit einer Pistole bewaffnet) durch ein Fenster Zutritt zu Elisas Apartment. Anstatt sie zu töten, beschließt Miguel sie zu seiner Komplizin zu machen. Er zwingt Elisa ihn durch die Stadt zu begleiten, damit sie die Leiche ordnungsgemäß entsorgen können. Auf dem Weg zu ihrem Ziel (einem abgelegenen Strandhaus) gibt es viele spannende Gespräche mit der Polizei zu überstehen, während eine seltsame Bindung zwischen den beiden heranwächst. Nach einer Weile scheint Elisa nur allzu bereit zu sein, mit ihrem Entführer zu kooperieren. Nachdem sie die Leiche in einem See versenkt haben, beschließt sie sogar, die Beziehung zu Miguel fortzusetzen bzw. zu festigen, sobald sie in ihre jeweiligen Wohnungen zurückgekehrt sind.

Regisseur Eloy de la Iglesia dürfte wohl am ehesten für seinen 1972 erschienenen Schocker Cannibal Man bekannt sein. Obwohl No One Heard the Scream komischerweise oftmals als strikter Horror-Film ausgewiesen wird, trotzt der Streifen dem Genre entschieden und mischt Drama, schwarze Komödie, Spannung, Roadmovie, Charakterstudie, Psychothriller, Giallo und Horror, mit ein paar Schreckmomenten und blutigen Szenen. In dieser Hinsicht erinnert der Flick ein wenig an Claude Chabrols Le boucher (Der Schlachter, 1970); der keinen Horror im traditionellen Sinne von jump scares, übernatürlichen Wesen, Gore etc. darstellt, sondern eher im Alltäglichen verankert ist; in der Wirklichkeit. Es geht um die Tiefs, die „normale“ Menschen erleben können, um sich selbst zu fühlen und dadurch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu dieser Welt zu finden.

In Nadie oyó gritar gibt es einige Szenen, die sehr an Hitchcock erinnern, wie zum Beispiel die Sequenz, in der Elisa und Miguel zwei Verletzte eines Autounfalls in ein Krankenhaus transportieren müssen und die Polizei ihn auffordert, einen Koffer im Kofferraum unterzubringen – wo bereits die Leiche seiner Frau liegt. Was den Film jedoch wirklich ausmacht, ist die Aufmerksamkeit, die den Hauptfiguren geschenkt wird sowie die Ausarbeitung ihrer Charaktere. Im Laufe des Films erfährt man immer ein bisschen mehr über beide Personen, was sie antreibt und was sie schließlich dazu bringt so schnell und so gut miteinander auszukommen. Miguel ist ein Mann, dessen Träume einer Karriere als erfolgreicher Schriftsteller nie in Erfüllung gegangen sind und stattdessen eine wohlhabende Frau geheiratet hat, die er überhaupt nicht liebt. Elisa, obwohl sie von einem wesentlich älteren Mann (oder möglicherweise sogar mehreren Männern) finanziell unterstützt wird, hat ihrerseits ihren eigenen jüngeren Liebhaber (Tony Isbert), der von IHR unterstützt wird. Sie scheint aufzublühen, wenn sie sich gebraucht fühlt, von jemandem, irgendjemandem, aus welchem Grund auch immer.

Irgendwann schafft sie es sogar, den Spieß umzudrehen und könnte ihn mit Leichtigkeit töten, entscheidet sich aber dagegen. Ereignisse wie diese mögen manchen Zuschauern albern erscheinen, kommen aber aufgrund der starken Dialoge, der Charakterdetails und der schauspielerischen Leistungen vollkommen plausibel rüber. Am Ende gibt es sogar noch eine große Wendung zu bestaunen (die man ziemlich wahrscheinlich nicht kommen sieht) und einen Schluss, der sich als unerwartet, ironisch sowie tragisch erweist. Obwohl der Film leider auch mit einigen Längen versehen ist, so sei er dennoch jedem ans Herz gelegt, der Filme aus dieser Kategorie zu seinen Favoriten zählt. Das knapp 24-minütige Special Feature: Eloy de la Iglesia and the Spanish Giallo – An interview with Film Scholar Dr. Andy Willis, ist ebenfalls sehr zu empfehlen.

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  • Aspect ratio: 1.85:1
  • Audio: Spanish mono with English Subtitles
  • Region Free

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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