Trio der Lust / Byleth (Il demone dell’incesto) / Byleth: The Demon of Incest

Ein geheimnisvoller Mord an einer jungen, blonden Schönheit erschüttert die Bewohner von Schloss Shadwell. Vor dem Hintergrund der inzestuösen, hoffnungslosen Liebe zwischen Lionello und seiner begehrenswerten Schwester Barbara kommt es zu immer grausameren Bluttaten an wehrlosen Frauen in deren Umfeld. Die hemmungslose Schwester liebt vor den Augen ihres ungestümen Bruders schamlos einen Anderen. Lionello, Barbara völlig verfallen nutzt darauf jede Gelegenheit, um seiner Geliebten zu imponieren. Doch die Enttäuschung darüber, dass sie mit einem anderen Mann verkehrt, treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Wer ist indes der Fremde mit dem Engelsgesicht, der die Frauen auf bestialische Art und Weise umbringt? Wer begeht die wilden Bluttaten im Schatten des Waldes von Shadwell?

Obwohl er sein Debut hinter der Kamera mit dem gewagten sowie romantischen Abenteuer Il principe dalla maschera rossa (Robin Hood, der schwarze Kavalier, 1955) mit Frank Latimore und Yvonne Furneaux feierte, arbeitete Leopoldo Savona (1913 – 2000) in den fünfziger und frühen sechziger Jahren hauptsächlich als Assistent für so renommierte Regisseure wie Luigi Zampa (Anni Facili / Easy Years, 1957), Giuseppe De Santis (Uomini e Lupi / Frauen und Wölfe –> obwohl uomini = Männer, 1957), Riccardo Freda (Agi Murad il diavolo bianco / Hadschi Murad – Unter der Knute des Zaren, 1959) und Pier Paolo Pasolini (Accattone / Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß, 1961) und trat gelegentlich auch als Schauspieler auf. Seine Regiekarriere gestaltete sich jedoch bei weitem nicht so bemerkenswert, wie diese berühmten Namen vermuten lassen würden. Bei I mongoli (Raubzüge der Mongolen, 1961) wurde er neben Andre De Toth aufgeführt, während der größte Teil des Films von Riccardo Freda gedreht wurde. Savonas Output von Anfang bis Mitte der 60er Jahre umfasste solch unscheinbare Kost wie La leggenda di Fra Diavolo (The Last Charge, 1962) und L’ultima carica (1964), wobei es sich um Abenteuergeschichten des alten Stils handelt, von denen das Publikum schnell die Nase voll hatte. Savona war auch der Mann auf dem Regiestuhl von Helmut il solitario, der zum Stillstand kam und schließlich von Mario Bava übernommen sowie in I coltelli del vendicatore (Eine Handvoll blanker Messer, 1966) umbenannt wurde. Für den Rest seiner unscheinbaren Karriere sprang er auf den Italo-Western Zug auf, beginnend mit dem bizarren El Rojo (1966) featuring Richard Harrison.

Nach einer Handvoll Western (Dio perdoni la mia pistola / Django – Gott, vergib seinem Colt; Killer Kid / Chamaco; Posate le pistole, reverend / Pizza, Pater und Pistolen; Un uomo chiamato Apocalisse Joe / Spiel dein Spiel und töte, Joe und dem bereits genannten El Rojo / El Rocho – Der Töter) kam Byleth (Il demone dell’incesto), der erste von zwei singulären gotischen Garnen, die stark von den wechselnden Strömungen im italienischen Kino und der Populärkultur beeinflusst waren. Das Drehbuch (vom Regisseur und einem gewissen „Norbert Blake“ verfasst) fügt eine Reihe heterogener Elemente zusammen: trotz Gustave Dores Skizzen von Dantes Inferno im Vorspann entleiht Savona die Figur des Dämonen Beleth aus Johan Weyers Pseudomonarchia Daemonum aus dem 16. Jahrhundert. Im Gegensatz zum englischen Setting der Filme des letzten Jahrzehnts spielt die Geschichte in Italien und erinnert eher an Carolina Invernizios populäre Romane und dergleichen, als an britische Gothic-Horrorgeschichten. Zum einen liegt der Schwerpunkt auf dem Melodrama und besonderen Details aus der Zeit – ein Polizist macht zum Beispiel die revolutionäre Carbonari-Gesellschaft, die für die Unabhängigkeit Italiens kämpfte, für die Morde verantwortlich. Andererseits ist die inzestuöse Beziehung zwischen dem jungen Herzog Lionello und seiner Schwester möglicherweise auf John Fords Tragödie Tis Pity She’s a Whore zurückzuführen, die nur wenige Monate zuvor von Giuseppe Patroni Griffi (Addio fratello crudele, 1971) adaptiert worden war. Darüber hinaus werden die Sequenzen, in denen Lionello junge nackte Frauen ermordet, durch die subjektive Sicht des Mörders präsentiert und gestalten sich so, als würden sie aus einem niedrig budgetierten Giallo stammen, mit vielen Handkameraaufnahmen, verzerrten Weitwinkeln und schwarz behandschuhten Händen. Das Ergebnis kommt den erwachsenen Comics der damaligen Zeit recht nahe, die den Horror und die gotische Kulisse lediglich als eine Ausrede für die Darstellung von Nacktheit und Sadismus benutzt haben.

Den interessantesten Aspekt der Geschichte stellt deren ultimative Zweideutigkeit dar: ist Lionello wirklich vom Dämonen Byleth besessen (wie ein katholischer Priester behauptet) oder ist er nur das Opfer einer schizophrenen, gespaltenen Persönlichkeit, die ihn mit einer übernatürlichen Entität identifizieren lässt, um seine gewalttätigen Instinkte ausleben zu können – das heißt die ungesunde Liebe zu seiner Schwester und seine Impotenz gegenüber anderen Frauen? Leider ist das psychologische Element recht verwirrend entwickelt worden und abgesehen von der Betonung auf Nacktheit (alle Opfer werden kurz nach dem Sex im Bett umgebracht) gibt es in Byleth wenig zu empfehlen. Die Handlung besteht aus einem ziemlichen Durcheinander und entfaltet sich in recht langsamen Tempo, während das niedrige Budget stets offensichtlich ist: der größte Teil des Films spielt in und um Lionellos Schloss, doch im Gegensatz zu den Schwarz-Weiß-Gothics der 60er Jahre ist das Ergebnis als alles andere als stilvoll zu bezeichnen, wobei die Sequenz eines Gesellschaftsballs aussieht wie ein viertklassiges Rip-off von Luchino Viscontis berühmten Szenen aus Senso (Sehnsucht, 1954) und Il gattopardo (Der Leopard, 1963).

Savonas Regieführung ist durch oberflächliche, zeitsparende, lange Einstellungen gekennzeichnet (die mit Zooms „verziert“ werden) und bekommt selten etwas Interessantes zustande. Den besten Teil des Films könnte möglicherweise Giordanos Verfolgung von Lionello zu Pferd darstellen, wo des Regisseurs Vergangenheit mit Western in den Vordergrund tritt, während sich der Höhepunkt – Byleth erscheint Lionello in den Spiegeln des Hauses auf seinem weißen Pferd reitend – stark überstürzt inszeniert anfühlt. Mark Damon, als besessener Lionello, liefert eine der schlechtesten Vorstellungen in der Geschichte des italienischen Horrorfilms ab. Seine Augen sind ständig weit aufgerissen, seine Stirn ist schweißgebadet und sein Hemd aufgeknöpft, um seine haarige Macho-Brust zu präsentieren. In seiner Inkarnation als Byleth wird er ständig durch ein Double ersetzt, außer in der aller letzten Szene. Die in Belgisch-Kongo geborene (und eingebürgerte Spanierin) Claudia Gravy (u.a. zu sehen in Jorge Graus Acteón, 1967 und Jess Francos 99 Women / Der heiße Tod, 1969) ergeht es hier nicht besser, während der erfahrene neapolitanische Schauspieler Aldo Bufi Landi, als zum Scheitern verurteilter Giordano wirklich sympathisch rüberkommt. In einer Duellszene mit Lionello kann er sogar seine Fechtfähigkeiten unter Beweis stellen. Diese Szene scheint einen der wenigen Momente zu repräsentieren, die doch tatsächlich von Savonas aufmerksamer Regie profitiert haben. Auf der Besetzungsliste steht auch Silvana Pamphili (Floriana als Silvana Pompili aufgeführt), eine Schwester von Mirella Pamphili und eine wiederkehrende Präsenz in vielen Fernsehfilmen und Miniserien.

Die italienische Zensur beschränkte Byleth auf ein erwachsenes Publikum, forderte jedoch keine Kürzungen. In Deutschland wurde der Film allerdings als Trio der Lust (in einer deutlich abweichenden Version von der, die in italienischen Kinos gezeigt wurde) vertrieben. Abgesehen davon, dass er einige Minuten kürzer ist und auf Einführungs- sowie Dialogszenen verzichtet, bietet er teilweise einen anderen Schnitt und explizitere Sexszenen mit mehr an weiblicher Nacktheit. Unter den Schauspielerinnen (die sich für die Kamera ausziehen) befindet sich auch Caterina Chiani, die später als Marzia Damon bekannt wurde (als Hommage an den amerikanischen Schauspieler), eines der generöseren Sternchen des italienischen Softcore-Kinos der 70er Jahre. Savonas nächster Film sollte ein weiterer Gothic / Giallo-Hybrid sein, nämlich der wenig gesehene La morte scende leggera (Death Falls Lightly, 1972).

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  • Alterseinstufung : Nicht geprüft
  • Anzahl Disks : 1

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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