Videoman – VHS is dead / Videomannen

»Faceless«, ein mysteriöser Fremder, bietet Ennio 10.000 Euro für einen seltenen Kultfilm aus seiner VHS-Sammlung. Der immer alkoholisierte Ennio, der den guten alten Zeiten der Achtzigerjahre nachtrauert, kann es kaum glauben. Erst lernt er die wunderbare Simone kennen und dann noch der große Deal. Als er merkt, dass ihm jemand die Kassette gestohlen hat, geht es plötzlich um Leben und Tod. (Tiberius Film)

Für die meisten von uns bedeutet Nostalgie wahrscheinlich nur das warme Gefühl, das wir gelegentlich bekommen, wenn wir an einen positiven Aspekt unserer Vergangenheit erinnert werden. Für manche stellt Nostalgie allerdings eine Krücke, eine Sucht dar. Genauso wie die großen Tabakkonzerne die Nikotinsucht ausnutzen, versucht Hollywood derzeit das Meiste aus der aktuellen Retro-Welle der 80er Jahre herauszuholen. Es ist nicht das erste Mal, dass Hollywood einen Nostalgie-Bergbauzyklus durchläuft. In den späten 60ern und frühen 70ern schien beinahe jeder Film während der amerikanischen Depression zu spielen, wobei sich die 80er-Jahre-Filme von Steven Spielberg und dessen Akolythen stark auf die 40er und 50er Jahre bezogen. Es ist kein Zufall, dass sich kommerziell motivierte Nostalgie in der Regel auf drei oder vier Jahrzehnte vor unserer Gegenwart konzentriert, da sie den Sweet Spot derjenigen trifft, die unter einer Midlife Crisis leiden und sich in ihre Jugendzeit zurück sehnen. Drehbuchautor und Regisseur Kristian A. Söderströms Videoman wird Genre-Fans eines bestimmten Jahrgangs wahrscheinlich ein warmes nostalgisches Gefühl vermitteln, stellt aber gleichzeitig auch eine überlegte Untersuchung der Gefahren des Festhaltens an der Vergangenheit dar. Videoman repräsentiert also einen sogenannten Anti-80er-Nostalgie-Movie.

Früher betrieb Ennio (Stefan Sauk) Schwedens angesehenste Videothek. Jetzt, im digitalen Zeitalter, lebt er in einem Keller, der mit seltenen VHS-Kassetten von Horror- und Grindhouse-Filmen vollgestopft ist. Durch den digitalen Fortschritt musste er seinen Laden aufgeben und weiß seitdem nicht mehr, wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten soll, außerdem lassen Rückblenden vermuten, dass er zudem seine Frau durch seine Video-Besessenheit verloren hat. Nun soll er auch noch seinen Keller verlieren, es sei denn, er kann 10.000 Kronen auftreiben, um in der kommenden Woche seine Schulden zurückzuzahlen. Als Ennio einen Pappkarton mit wahllosen VHS-Kassetten kauft, ist er überrascht, eine seltene Kopie von Lucio Fulcis Zombie (Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies, 1979) unter dem restlichen Schund zu finden. Er ist noch mehr überrascht, als er einen Anruf von einem britischen Sammler erhält, der sich bereit erklärt 10.000€ für das Band zu bezahlen. Das Universum scheint dem unglücklichen Ennio endlich wohlgesonnen zu sein, doch am nächsten Morgen wacht er verkatert auf und stellt fest, dass das fragliche Tape aus seinem Keller verschwunden ist. Verzweifelt die Kassette zu finden macht sich Ennio auf den Weg, um die Sammlungen der Stockholmer Community von VHS-Obsessiven nach dem wo möglichen „Diebesgut“ zu durchsuchen.

Es ist schon früh zu bemerken, dass Söderström genauso ein Video-Geek ist wie sein Protagonist, da sein Film voller Filmreferenzen steckt, mit denen selbst Quentin Tarantino möglicherweise nur schwer Schritt halten könnte. Sollte man ein Fan von obskuren Horror- und Exploitation-Filmen sein, dürfte der Streifen einem durchweg ein wissendes Lächeln ins Gesicht zaubern. Während Söderström aus seiner Sammlung von analog besessenen VHS / Film-Nerds einen urkomischen, selbstironischen Humor generiert, der in einer leidenschaftlichen Diskussion zwischen Ennio und einem dieser Video-Nerds gipfelt, ob der italienische Exploitation-Star Rosalba Neri in ihren Nacktszenen gedoubled wurde oder nicht (sollten wir richtig liegen, dürften sie das anhand Top Sensation / Sklaven ihrer Triebe festmachen wollen). Weiterhin ist es großartig zu beobachten, dass alle Filmsammler mit makellosen Filmvorführräumen ausgestattet sind, im Gegensatz dazu ihre Küchen allerdings als schmutzig und mit Kakerlaken befallen beschrieben werden müssen.

Videoman vertieft sich jedoch auch noch in eine andere Form der Sucht. Dies wird mit Hilfe einer Nebenhandlung realisiert, in der Simone (Lena Nilsson) eine große Rolle spielt. Sie ist die Frau, die Ennio das Fulci-Band verkauft und gleichzeitig eine turbulente romantische Beziehung mit ihm eingeht. Simone ist selbst von der Vergangenheit besessen und verbringt ihre Abende damit, alleine in ihrer Wohnung zu trinken, während sie ihre 80er-Jahre-Outfits anprobiert, sich im 80er-Jahre-Stil schminkt und zu Popmusik der damaligen Zeit tanzt. Bei ihrem Job als Sekretärin wird sie von Vorgesetzten, die halb so alt sind wie sie, verachtenswert behandelt und gemobbt, während sich ihre Tochter weigert sie wegen ihres Alkoholkonsums zu besuchen.

Nilsson liefert eine sehr sympathische Vorstellung ab, wobei Söderström ihren Alkoholismus weitaus realistischer und nachvollziehbarer porträtiert, als es die meisten Filme tun. Es gibt nichts Glamouröses an Simones Alkoholsucht zu entdecken (wie sie den Bürokopierer von ihrem Erbrochenen reinigt, kann mit Leichtigkeit als einer der erbärmlichsten und tragischsten Momente beschrieben werden, die man seit einiger Zeit in einem Film gesehen hat) und obwohl sie eine attraktive Frau ist, sieht sie wie jemand aus, der sich nicht um sein Äußeres kümmert (im Gegensatz zu Bradley Coopers abtastischem Betrunkenen in A Star is Born). Es gibt einen Moment in Videoman, in dem Simone einen Nachbarn bittet einige Flaschen Wein für sie aufzubewahren, damit sie vorübergehend keinen Zugang dazu hat. In Schweden werden die weltweit höchsten Alkoholismus-Raten aufgerufen, wobei Söderströms Film nahe legt, dass er persönliche Einblicke in diese Form der Sucht hat.

Letztendlich handelt es sich bei Videoman um die Geschichte zweier Menschen, die von einer Gesellschaft verstoßen wurden, die sich in einem Tempo weiterentwickelt, mit dem sie nicht Schritt halten wollen, aber Söderström lässt seine Protagonisten nicht vom Haken. Ennio und Simone mögen die Welt für ihre jeweiligen Miseren verantwortlich machen, doch letztendlich akzeptieren sie, dass sie teilweise ihre eigenen schlimmsten Feinde sind. Kein ganz runder Film aber ein äußerst sympathischer.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur: Söderström, Kristian A.
  • Laufzeit: 1 Stunde und 34 Minuten
  • Darsteller: Alling, Morgan, Sauk, Stefan, Wollter, Sven, Wallström, Martin, Ooms, Amanda
  • Sprachen: Deutsch, Schwedisch
  • Untertitel: Deutsch
  • Studio: Tiberius Film

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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