Anatomie des Grauens / Occhi di cristallo / Eyes of Crystal

Kommissar Giacomo Amaldi wird am Tatort eines brutal exekutierten Pärchens schnell klar, daß er es hier mit einem skrupellosen Serienkiller zu tun hat. Der perverse Mörder trennt seinen Opfern Körperteile ab und ersetzt sie mit puppenartigen Prothesen. Amaldi versucht, die mysteriösen, am Tatort hinterlassenen Botschaften zu enträtseln, denn nur sie führen direkt zu dem Wahnsinnigen. Doch weitere Leichenfunde erschüttern die Ermittlungen, sogar sein Chef wird bestialisch ermordet, da er die Identität des Psychopathen erahnt. Die Situation eskaliert, als die Studentin Giuditta entführt wird. Amaldi hatte sich ihrer angenommen, weil sie sich verfolgt fühlte. Jetzt läuft ihm die Zeit davon, und es beginnt ein Rennen um Leben und Tod zwischen Ermittler und Mörder… (KNM Home Entertainment GmbH)

Anatomie des Grauens gelingt es klassische Giallo-Merkmale mit dem aufkeimenden Trend von Thrillern zu kombinieren, die die Polizeiermittlungen in den Vordergrund stellen. In vielerlei Hinsicht stellt der Film auch einen der besseren sogenannten Neo-Gialli dar. Das Drehbuch wurde von Franco Ferrini (einem gelegentlichen Mitarbeiter von Dario Argento) mitgeschrieben und zeigt definitiv seine Expertise bei der Herstellung dieser Art von Material. Die Handlung kann als clever bezeichnet werden und führt zu einem überraschenden und sogar recht logischen Finale. Die Hinweise sind in der gesamten Erzählung verstreut, wobei der versierte Giallophile möglicherweise erraten kann, wo die Geschichte hinführen wird. Das soll jedoch nicht bedeuten, dass es sich hier um eine Angelegenheit handelt, die genau nach den gewöhnlichen Regeln spielt. Ferrini und seine Mitarbeiter, darunter auch Regisseur Eros Puglielli, arbeiten einiges an makaberem Material ein, insbesondere eine okkulte Nebenhandlung, die den Film in das Reich des Übernatürlichen zu ziehen droht. Der Streifen scheint hauptsächlich von David Finchers Serienkiller-Thriller Sieben (1995) beeinflusst worden zu sein. Puglielli adoptiert eine ähnlich feuchtkalte und trostlose Ästhetik, mit schwach beleuchteten Innenräumen, die sich von hellen Außenbereichen abheben und gelegentlichen Regenstürmen, die für zusätzliche Atmosphäre sorgen.

Wie im amerikanischen Modell steht das Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem psychisch fragilen Protagonisten (in diesem Fall Inspektor Amaldi) und einem klugen, einfallsreichen Mörder im Mittelpunkt. Den Mörder treibt es an Hinweise zu hinterlassen, um den Inspektor damit zu quälen, wobei ihr finaler Showdown beinahe darauf hinausläuft, den letzten Rest des Anstands und der Selbstachtung des Antihelden zu beseitigen. Amaldi repräsentiert einen interessanten Charakter. Einerseits ist er hochqualifiziert in seiner Arbeit, andererseits ist er mit einem höchst empfindlichen Temperament ausgestattet. Was sich schon früh feststellen lässt, als er und sein Partner einen Vergewaltiger in die Enge treiben. Die Empörung des Inspektors über das Verhalten des Verbrechers veranlasst ihn, den Mann ins Bein zu schießen. Eine Aktion, die nicht nur seinen Partner entsetzt. Amaldi stellt im Grunde einen weiteren Polizisten am Rande des Übergangs zur „dunklen Seite“ dar, doch seine Beziehung zu einer Studentin namens Lucia scheint ihn etwas zu stabilisieren. Als auch sie in Gefahr gerät, bringt das den Inspektor an den Rand des Wahnsinns, was zu einem äußerst intensiven Finale führt.

Regisseur Puglielli inszeniert den Film mit sicherer und ruhiger Hand. Abgesehen davon, dass er es während einiger Verfolgungsjagden mit der Wackelkamera übertreibt – zum Glück ist dies sein einziges bemerkenswertes Zugeständnis an die leeren stilistischen Manierismen, die das zeitgenössische Kino verfolgt haben – scheint er Vertrauen in sein Material zu haben und lässt es im angemessenen Tempo laufen. Der Film ist etwas überlang geraten, doch das stellt nur einen kleinen Negativpunkt dar. Luca Coassins Kinematographie ist stilvoll und bleibt dennoch der schmutzigen Ästhetik seines amerikanischen Vorbilds treu, während Francesc Gener einen effektiven Soundtrack beisteuert. Die verschiedenen Mordsequenzen sind als Bemerkenswert zu beschreiben. Pugliellis Gespür für grausige Details kommt in diesen Szenen und deren Folgen besonders gut zur Geltung. Der Fetisch des Mörders, seine Opfer auszustopfen und sie wie Trophäen zu behandeln, erweist sich als eine erstaunlich beunruhigende Angelegenheit.

Eine düstere Albtraumsequenz zeigt eines der Opfer, das das Fleisch ihrer nackten Brust zurückzieht, um zu enthüllen, dass die Brust mit Füllmaterial ausgestopft ist. Ein grausames Bild, das aufgrund einiger überzeugender Make-up-Effekte gut funktioniert. Luigi Lo Cascio verkörpert Inspektor Amaldi recht effektiv, obwohl er es mit dem Schauspiel etwas übertreibt, wenn er seine Coolness verliert. Darüber hinaus vermittelt er die gebrochene Seele des Charakters äußerst erfolgreich und schafft es dadurch, das Interesse des Publikums aufrecht zu erhalten. Er wurde 1967 in Palermo geboren und begann seine Schauspielkarriere in der italienischen Theaterszene. Sein Filmdebüt gab er im Jahr 2000 und trat 2005 im Grenzgänger Giallo La bestia nel cuore (Don’t Tell) auf. Lo Cascio versuchte sich mit La città ideal (The Ideal City, 2012) auch an der Regieführung. Simón Andreu (Frauen bis zum Wahnsinn gequält, The Killer is one of 13, Die eiserne Hand des Todes, Der Tod küsst Dich um Mitternacht) verzeichnet einen willkommenen Auftritt als Nebendarsteller, indem er in seinem ersten Giallo seit den 70er Jahren auftaucht. Er zeigt sich in guter Form als ein an Krebs sterbender Mann, der sich Visionen im Zusammenhang mit den Morden ausgesetzt sieht. Regisseur Eros Puglielli wurde 1973 in Rom geboren. Er debütierte 1995 als Autor und Regisseur und etablierte sich bald als vielversprechendes Talent mit seinen Spielfilmen und Kurzfilm Projekten. Anatomie des Grauens repräsentiert seinen bisher einzigen Giallo, wobei zu hoffen bleibt, dass er das „Genre“ irgendwann mal wieder besuchen wird, denn der Film zeigt definitiv seine Affinität zum filone.

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  • Seitenverhältnis: 16:9 – 1.85:1, 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung: Freigegeben ab 18 Jahren
  • Regisseur: Eros Puglielli
  • Medienformat: Dolby, PAL, Surround-Sound, DTS
  • Laufzeit: 1 Stunde und 47 Minuten
  • Darsteller: Luigi Lo Cascio, Desislava Tenekedjieva, Simón Andreu, Lucía Jiménez, Eusebio Poncela
  • Untertitel: Deutsch
  • Sprache: Italienisch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (DTS)
  • Studio: KNM Home Entertainment GmbH

Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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