Appassionata

Appassionata ist ein italienisches Drama von 1974 mit Gabriele Ferzetti (Escalation) und Ornella Muti (Das Taubenhaus) in den Hauptrollen.

Der Film handelt von Eugenia (Ornella Muti), deren schon etwas „erwachsenere“ Schulkameradin Nicola (Eleonora Giorgi) sich an ihren Vater, den Zahnarzt Emilio Rutelli (Gabriele Ferzetti), heran macht, nachdem sie feststellt dessen Ehe im Argen ist, nicht zuletzt weil seine Frau an Nervenzusammenbrüchen leidet. Während Nicola den Arzt an der Nase herumführt, versucht die weniger frühreife Eugenia ihrer Freundin Paroli zu bieten und baut dadurch sogar einen besseren Draht zu ihrem Vater auf, der es niedlich findet dass seine Tochter z.B. Geschichten von Jungs erfindet, um ihrer Freundin zu imponieren. Die hat auf Jungs in ihrem Alter keine Lust. Die Mutter hingegen, sie sieht in Nicola eine junge Version von ihr selbst und versucht sich mit ihr anzufreunden…. also Eugenia begreift was passiert, bricht Emilios Welt schon um ihn herum zusammen….

Gar kein einfacher Film zur Bewertung. Ihn als Exploitation abzutun wäre oberflächlich und feige. Allerdings wird das in den 70er zuhauf breitgetretene Sujet das auch hier thematisiert wird, ein wenig unreflektiert dramatisiert und durch unnötig freizügige Aufnahmen und inzestöse Andeutungen etwas banalisiert. Natürlich sieht man so einen Film heute anders als damals, doch vor allem zwischen Vater und Tochter wird es in dem Film doch zu anrüchig und frech um als Film noch ernst genommen zu werden – in dem Drehbuch schlummern zwei Seelen, und letztlich musste sich ein Hauch von Skandal, vielleicht des Kommerzes willen, durchsetzen. Das Spiel, das Nicola mit Emilio spielt ist natürlich gleichfalls eines das bis heute Literatur und Film beherrscht, von Lolita bis The Reader.

So ist es letztlich vielleicht auf seine 70er Art-und-Weise doch einfach nur ein Drama übers Erwachsen werden, gewürzt mit ein paar Tabu-Zutaten um das ganze besser zu verkaufen. Es passte auch ganz gut in das eigentlich stockkonservative Italien der Zeit, das bröckelnde Bild der traditionellen Familie zu zeigen, die Fehlbarkeiten der Leute, die „Bürde“ des pater familias, und das Aufbegehren der Teenager gegen die Generation der Eltern.

Wie ich es in einer anderen Kurzkritik gelesen habe, ist Appassionata eigentlich ganz gut beschrieben: „Disturbing, dark, and disagreeable, but never dull. Every astoundingly scandalous development keeps the audience on its toes, and the film’s maniacal conclusion is a definite shocker.“ Das muss man dem Film letztlich auch zu Gute halten. Er bleibt bis zum Schluss spannend, bleibt nicht flach, ruht sich nicht auf ein paar Schweinereien aus, und vermeidet es tunlichst, in den Exzess abzufallen, mit dem weniger ambitionierte Filmemacher das Bahnhofskino gerne gefüllt haben zu der Zeit. Würde Appassionata, und das wäre quasi der Qualitätstest, also mit ein paar Zensurschnitten seinen Reiz beibehalten? Durchaus.

Die recht gute Kameraführung, die subtile Musik und das Metronom-Artige Drehbuch sorgen für ein minutiöses Drama, bei dem man das Gefühl hat, Ferzetti auf der Bühne zu beobachten, wie er Aktion für Aktion den Boden unter den Füßen verliert. Parallel zu seinem Abgleiten aus der bürgerlichen Fassade erlebt man seine Tochter sich aus reinem Jux – oder Gemeinheit, man weiß es nicht – das Fass zum Überlaufen zu bringen, angespornt von einer frechen Schulfreundin, die außer etwas Aufregung aus der Sache nichts weiter zu gewinnen hatte. Es ist, wie oben zitiert, eigentlich ein sehr düsterer Film (der einer griechischen Tragödie gleich kommt), dessen schlüpfrige Aspekte man als Marketing verzeihen kann, und nicht ignorieren kann (oder will), aber man sollte nicht den Fehler machen, den Film deswegen als Sexfilmchen abzutun. Es ist ein irgendwie interessanter Film, bei dem nichts so ist wie es scheint oder man es erwartet.

Muti war hier erst vier Jahre im Geschäft und bereits ein Star, hangelte sich über freche Erotikdramen und Flash Gordon zu einer bunten Karriere, vielfach an der Seite von Adriano Celentano, die sie zum italienischen Sexsymbol machten. Giorgi hingegen hat bis heute eine mittelmäßige Karriere, in der sie u.a. in kleineren TV Filmen, Nebenrollen in Filmen von Adriano Celentano und einem Auftritt in Argentos Inferno auf dem Buckel hat. Ferzetti, auch bekannt aus L’Avventura von Michelangelo Antonioni, The Psychic (aka Die Sieben schwarzen Noten) von Lucio Fulci oder Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone, spielte in über 150 Filmen und TV-Produktionen bevor er 2015 im Alter von 90 Jahren verstarb. In seiner Filmografie dürfte Appassionata nichts weiter als ein Komma gewesen sein. Produziert hat den Film Tonino Cervi, der ein buntes Paket Filme geschaffen hat, als Regisseur und Produzent, und unter anderem Die nackte Bourgeoisie und den Italowestern Heute ich, morgen du gemacht hat. Regisseur Gianluigi Calderone war noch bis 2008 als TV Regisseur tätig hat aber ausser Love Under the Elms von 1975 keine weiteren Kinofilme mehr hervorgebracht.

Die BluRay bietet die deutsche Synchronfassung und die Italienische (getestet) mit optionalen deutschen Untertiteln. Es gibt keine Extras außer einer Bildergalerie. Die Qualität des Bildes ist ganz in Ordnung, der Ton ebenso. Visuell haut die Scheibe aber nicht vom Hocker, dafür ist das Material nicht scharf genug. Eine solide Präsentation dennoch dieses kontroversen Werks, mit einem Ende mit dem man auch nach 90min wirklich nicht gerechnet hätte. Verrückt, und sowas von 70er, aber mehr Substanz als die Werbung einem weiß machen will.

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Die BluRay wurde uns freundlicherweise von Donaufilm zur Verfügung gestellt.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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1 Antwort

  1. 6. Dezember 2018

    […] Über Ornella habe ich letzter Zeit schon öfter etwas geschrieben, so z.B. in der Kritik zu Appassionata, Das Taubenhaus oder Die Nackte Bourgeousie, das spar ich mir hier. Es ist hier ihre erste […]

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