Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen / Quelli della calibro 38 / Colt 38 Special Squad

Marsigliese ist ein kaltblütiger Killer, der besser unter seinem Spitznamen Black Angel bekannt ist. Als sein Bruder bei einer Hausdurchsuchung von Inspektor Vanni erschossen wird, schwört der „gefallene Engel“ blutige Rache. Schon kurze Zeit später fällt ihm Vannis Frau zum Opfer. Um Vanni von Rachegedanken abzubringen, befördert ihn sein Chef zum Anführer der neu gegründeten Kaliber 38 Spezialeinheit, deren Mitglieder in zivil auf den Straßen mit Verbrechern aufräumen sollen. Als jedoch ein Verdächtiger durch das Team um Vanni sein Leben verliert, wird die Spezialeinheit von oberster Stelle geschlossen. Mittlerweile terrorisiert Marsigliese die Stadt mit Bombenanschlägen, die Dutzenden von Unschuldigen das Leben kosten. Vanni will dies nicht länger untätig mit ansehen und bringt daher im Geheimen sein Team wieder zusammen, um endgültig das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen…

Kurzinhalt inkl. Spoiler !!!

Kommissar Vanni (Marcel Bozzuffi) von der Turiner Polizei hat noch eine Rechnung mit dem Verbrecher Marsigliese (Ivan Rassimov) zu begleichen, der sich einst für die Erschießung seines Bruders an ihm rächte, indem er seine Frau höchstpersönlich voll Blei pumpte. Der stetige Anstieg krimineller Aktivitäten innerhalb der Stadt veranlasst den Polizeichef, ein Spezialteam unter Vannis Befehl zu stellen, das aus vier Undercover-Polizisten besteht, die mit Revolvern des Kalibers .38 ausgerüstet werden. Einem der Beamten, Nico (Riccardo Salvino), gelingt es mit Sandra (Carole André) anzubandeln, die eigentlich Guidos (Antonio Marsina) Freundin ist, der wiederum Marsiglieses rechte Hand repräsentiert. Inzwischen gelingt es dem französischen Gangster 70 kg Dynamit in seinen Besitz zu bringen und eine Reihe von Bombenanschlägen los zu treten, denen er selbstverständlich Erpressungsforderungen an die Behörden folgen lässt: Er verlangt Diamanten im Wert von fünf Milliarden Lire und ein Flugzeug, um das Land verlassen zu können. Guido wird nach einem weitern Bombenattentat von der Spezialeinheit zu Motorrad verfolgt und schließlich erschossen, während Sandra und Nico ihr Leben durch die Hand des Franzosen verlieren. Zwischenzeitlich beugen sich die Behörden dessen Erpressung, um die Zerstörung Turins zu verhindern. Vanni lässt jedoch nicht locker und es gelingt ihm letztendlich Marsigliese zu erschießen, als dieser gerade im Begriff ist in sein Fluchtflugzeug zu steigen.

Eine der wiederkehrenden Eigenschaften der poliziotteschi ist das verbale Geplänkel zwischen dem Kommissar und dem Magistrat (oder dem Polizeichef) über die „gebundenen Hände“, die den Helden daran hindern, die Verbrecher auf seine eigene Art und Weise zu verfolgen oder die uneingeschränkte Handlungsfreiheit, die er sich schon so oft gewünscht hat: Der Moment, in dem Vanni diese carte blanche schließlich zugesagt bekommt, könnte für ihn mit einem perfekten Orgasmus verglichen werden. Obwohl eine der Genre-Konventionen darin bestand dem Helden jegliche Verstärkung durch seine Vorgesetzten zu verweigern, entstand dennoch ein breit gefächertes Sub-Genre, das sich mit der Installierung von Spezialeinheiten befasste – also der Erfüllung der Träume unseres harten Polizisten: Rekrutiere einen Haufen williger Männer (in ihren Zwanzigern, unverheiratet, langhaarig), lasse sie eine paramilitärische Ausbildung absolvieren und schicke sie los, um die Stadt auf schnellen Motorrädern zu patrouillieren. Zumindest passiert das in Massimo Dallamanos Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen – wo die Idee von privater Bürgerwehr oder Polizei-Vigilantentum noch einen Schritt weitergeführt wird. Undercover-Polizisten in Zivil, frei von den Grenzen, mit denen sich ihre Vorgesetzten auseinandersetzen müssen (und die sie so oft umgehen), leben ein gefährliches Leben am Rande der Legalität, das ganz schnell mal im Kugelhagel enden kann. Durch sie wird der Kommissar jedoch reproduziert und multipliziert: Die väterliche, kameradschaftliche, heimlich homoerotische Bindung zwischen dem Kommandanten und seinen Zentauren ersetzt und übertrifft normale affektive Beziehungen.

In Dallamanos Film beobachtet Kommissar Vanni (Marcel Bozzuffi) seine Männer mit gewissem Stolz bei ihren spektakulären Stunts und vertraut seinen Rittern anschließend – um ihren Bund endgültig zu besiegeln – die titelgebenden Waffen an, bei denen es sich um äußerst präzise Revolver handelt, die nie mit Ladehemmungen zu kämpfen haben – das italienische Pendant zu Harry Callahans .44 Magnum. Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen spielt einen Waffenfetisch aus, der für italienische Kriminalfilme ziemlich ungewöhnlich ist. Ähnliche Beispiele lassen sich nur noch in Tonino Valeriis Vai Gorilla (Der Gorilla von 1975, wo der von Antonio Marsina gespielte Mörder ein spezielles Gewehr benutzt) und Stelvio Massis Il conto è chiuso (In den Klauen der Mafia, 1976) finden, wo Luc Merenda einen schießwütigen Gangster mit einem Faible für besondere Waffenmodelle spielt: In beiden Beispielen dreht es sich allerdings um Schurken, nicht um Polizisten. Dallamanos Film konzentriert sich jedoch eher auf Action, als auf Schießereien. Neben den fachmännisch ausgeführten Verfolgungsjagden, präsentiert der Regisseur auch seine üblichen dynamischen Handaufnahmen und wie in seinen früheren Filmen Si può essere più bastardi dell’ispettore Cliff? (Super Bitch, 1973) und La polizia chiede aiuto (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) spart er auch nicht mit Gewalt. In einer exemplarischen Szene wandert die Kamera, inmitten von Leichen, über die Folgen eines Bombenanschlags auf den Turiner Bahnhof. Es handelt sich dabei um einen Moment, der einmal mehr die unheimliche Fähigkeit der poliziotteschi unter Beweis stellt, die italienische Kriminalberichterstattung zu filtern und manchmal sogar vorwegzunehmen, da nur vier Jahre später ein ähnlicher Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna zu einem der blutigsten und schockierendsten Ereignisse der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde.

Die Betonung auf Gewalt kann kaum als überraschend bezeichnet werden, da das Drehbuch von Ettore Sanzò mitgeschrieben wurde, der sich für einige der gewalttätigsten Thriller des Jahrzehnts verantwortlich zeichnet, von Aldo Lados L’ultimo treno della notte (Mädchen in den Krallen teuflischer Bestien, 1975) bis Lucio Fulcis Luca il contrabbandiere (Das Syndikat des Grauens, 1980). Blutige Details werden mit eindringlichen Nahaufnahmen hervorgehoben, die eher für das parallele italienische Gerne-Kino typisch sind, wie in der Szene, in der einem der Verbrecher (Franco Garofalo) die Finger von einer Autotür abgetrennt werden. Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen hat auf jeden Fall auch einen enorm denkwürdigen Bösewicht zu bieten, denn als Marsigliese, der mit seinen ferngesteuerten Bomben extremes Chaos in Turin anrichtet und immer mit einem schauerlich sadistischen Grinsen im Gesicht zu sehen ist, repräsentiert Ivan Rassimov einen der widerlichsten Drecksäcke innerhalb des Genres. In einer unvergesslichen over-the-top Szene lässt er den Polizeispitzel Stummel (Dino Emanuelli als Bernardino Emanuelli gelistet) von einem Sprengsatz in Stücke reißen, ein Moment, der an Fernando Di Leos Milano calibro 9 (Milano Kaliber 9, 1972) erinnert. Obwohl es sich hierbei um eine recht monotone Sequenz handelt, veranschaulicht sie die Stärke des Genres auf einer rein emotionalen Basis. „Helden können sich keine Familie leisten“, sagt Marsigliese zu Vanni, nachdem er seine Frau umgebracht hat – ein Konzept, das von Film zu Film wiederkehrt. Die Schwierigkeit, Privat- und Berufsleben unter einen Hut zu bringen, stellt einen genetischen Defekt italienischer Krimihelden dar: Die Gewaltexplosionen, die sie von ihren Liebsten trennen, werden fast zu einem Allheilmittel, das nicht nur notwendig, sondern sogar sehr willkommen ist, damit der Held sein Ziel auch ja bis zum Ende verfolgen kann.

Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen wird allerdings von einem wirren, unzusammenhängenden Drehbuch kompromittiert, das schlecht geschriebenen Charakteren wie Vannis rechter Hand Nico (Riccardo Salvino) zu viel Raum lässt und kein Gleichgewicht zwischen den Action Segmenten finden kann, mit recht spektakulären, jedoch auch eher seichten Stunts – ein typisches Beispiel dafür stellt Vannis letzte Verfolgungsjagd auf einem rasenden Güterzug dar, die sehr gut in eine Evel Knievel Vorstellung passen würde – und der Darstellung einer abscheulichen sowie rücksichtslosen Unterwelt, die auf sehr akribische Art und Weise eine Ära der Angst, Wut sowie Verzweiflung widerspiegelt. In einem für poliziotteschi sehr seltsamen Moment taucht plötzlich keine Geringere als Grace Jones auf, um ein paar Nummern in einem Nachtclub zu singen. Der Erfolg von Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen (mit einem ungefähren Einspielergebnis von über einer Milliarde und 200 Millionen Lire an den Kinokassen) brachte eine Fortsetzung hervor, wenn auch nur dem Namen nach, nämlich Giuseppe Varis Ritornano quelli della calibro 38 (Killer Imperium, 1977), während Domenico Poalellas La polizia è sconfitta (Sonderkommando ins Jenseits, 1977) eine Art inoffizielles Remake von Dallamanos Film darstellt. Leider sollte Kaliber 38 – Genau zwischen die Augen Dallamanos letzter Film bleiben, da der Regisseur am 4. November 1976 bei einem Autounfall ums Leben kam. Er wurde nur 59 Jahre alt. Der zwar äußerst verrückte sowie seltsame aber dennoch enorm informative und unterhaltsame Audiokommentar mit Christian Keßler und Peter Blumenstock soll auch noch Erwähnung finden.

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  • Seitenverhältnis: ‎16:9 – 2.35:1
  • Alterseinstufung: Nicht geprüft
  • Regisseur: Dallamano, Massimo
  • Medienformat: ‎Breitbild
  • Laufzeit: ‎1 Stunde und 38 Minuten
  • Darsteller:‎ Bozzuffi, Marcel, Rassimov, Ivan, Andre, Carol, Salvino, Riccardo
  • Untertitel: ‎Deutsch
  • Sprache: ‎Italienisch (Dolby Digital Mono), Deutsch (Dolby Digital Mono)
  • Studio: ‎Anolis Entertainment

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Filmliebhaber aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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