Blutige Seide / 6 donne per l’assassino / Blood and Black Lace

Im Modesalon von Contessa Christina Cuomo tragen sich schreckliche Dinge zu: Mehrere Mannequins werden von einem maskierten Killer brutal abgestochen. Inspektor Sylvester von der römischen Polizei nimmt die Ermittlungen auf, tappt aber im Dunkeln, als der Mörder wieder und wieder zuschlägt. Nach und nach stellt sich heraus, dass im Mittelpunkt der Morde das Tagebuch eines der Models steht, in dem sämtliche Skandale und dunkle Machenschaften im Haus der Contessa aufgezeichnet sind… (VZH)

Nach der romantisch-erotischen Geistergeschichte La frusta e il corpo (Der Dämon und die Jungfrau, 1963) lieferte Mario Bava mit 6 donne per l’assassino (Blutige Seide, 1964) seinen bislang wildesten und zeitgenössischsten Film ab. Der Streifen sollte sich als eines seiner einflussreichsten Werke erweisen und buchstäblich eine Blaupause für andere Giallo-Filmemacher etablieren. Erstaunlicherweise stellte der Film zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung in Italien keinen Hit dar, doch er erwies sich anderswo als erfolgreich, einschließlich Amerika, was zu einem Angebot der amerikanischen Verleiher Bernard und Lawrence Woolner führte, das Bava dazu verleiten sollte nach Amerika zu kommen, um Filme für sie zu machen. Bava nahm das Angebot allerdings nicht an und zog es vor bei seinen vertrauenswürdigen Mitarbeitern in Italien zu bleiben, wo er wusste, dass er mit nur wenigen Einmischungen von Seiten der Produzenten arbeiten konnte. Marcello Fondatos, Giuseppe Barillas und Mario Bavas Drehbuch ist einfach und direkt angelegt, allerdings mit dichtem Plot. Falsche Fährten sind zuhauf vorhanden, wobei Bava es jedoch vermeidet die Vorgänge zu dusselig und melodramatisch zu gestalten. Eine Lehre, die viele seiner Zeitgenossen besser beachten hätten sollen.

Die endgültige Enthüllung ist logisch ausgearbeitet und vermag es auch genauen Prüfungen bei wiederholten Betrachtungen standzuhalten. Das Faszinierende an dem Film ist jedoch, wie wenig er sich mit dem mysteriösen Blickwinkel befasst. Bava spielt fair mit seinem Publikum, konzentriert sich allerdings mehr auf die krankhaft schönen murder set-pieces, als auf alles andere. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der originale Titel „Sechs Frauen für den Mörder“ lautet. Der Film beginnt mit einer Frau mit leuchtend rotem Lippenstift, die nachts durch einen windgepeitschten Park spaziert. Sie wird von einer schwarzen Gestalt angegriffen, deren Gesicht von einem weißen Tuch verdeckt wird. In einem typischen Thriller dieser Zeit wäre das Mädchen erwürgt, vielleicht sogar erstochen worden. Bava geht jedoch noch einen Schritt weiter. Das Mädchen wird nicht nur gewürgt, nein, denn der Mörder schlägt ihr Gesicht zudem auch noch wiederholt gegen die raue Oberfläche eines Baumstamms. Dabei handelt es sich nicht um einen gewöhnlichen Mord, sondern um einen sogenannten Overkill! Das Thema der Zerstörung von Schönheit wird schon früh klar festgelegt und setzt sich später fort, wenn ein anderes Opfer sein Gesicht gegen einen glühenden Ofen gedrückt bekommt und ein weiteres von einem mit Stacheln versehenen Folterinstrument zerfetzt wird.

Die Morde sind zu gleichen Teilen, als schrecklich sowie schön zu beschreiben, wobei die Opfer oftmals in einer bewusst stilisierten Pose zurückgelassen werden, was eine wahre „Mode aus der Hölle“ Ästhetik etabliert. Bava, der Dario Argentos kunstvoll choreografierte Mordszenen um mehrere Jahre vorausdatiert, verpasst keine Gelegenheit seiner unkonventionellen Fantasie freien Lauf zu lassen. Des Regisseurs verführerische Inszenierung und Verwendung von Farben verleiht diesen Szenen eine sinnliche Qualität. Sie gestalten sich beunruhigend aber auch gleichzeitig atemberaubend schön. Der Schwerpunkt liegt weniger auf Blut und Gore, als auf der intimen, physischen Qualität der Mordszenen. Zumindest in dieser Hinsicht kommen sie heute noch genauso mächtig rüber, wie damals. Es ist jedoch erwähnenswert, dass nur sehr wenig Blut im Film zu sehen ist. Stattdessen spielt die Farbe Rot (mit ihren Assoziationen aus feuriger Leidenschaft und Gewalt) eine wichtige Rolle im Farbschema des Films, von den Vorhängen des Modehauses bis zum Lippenstift und Nagellack, der alle Opfer schmückt. Charakterisierungen werden bewusst skizzenhaft aber funktional gehalten.

Bavas Sympathien liegen eindeutig bei der Figur der Gräfin Cristina, der verwitweten Besitzerin des Modesalons, deren Hingabe zu ihrem Geliebten Massimo noch Folgen für sie haben wird. In einer Welt, die von Gier und Geiz dominiert wird, hat Cristina emotionale Probleme. Massimo geht es ähnlich, jedoch aus anderen Gründen. Ihn kümmern hauptsächlich Geld und Statussymbole; Liebe ist für ihn nur ein Werkzeug, um seine eigenen egoistischen Ziele zu erreichen. Die verschiedenen Opfer sind größtenteils in die schmutzigen Geschäfte von Sex und Betäubungsmitteln verwickelt und auch wenn der Pessimismus des Regisseurs noch nicht so groß ist – wie es bei 5 bambole per la luna d’agosto (Five Dolls for an August Moon, 1970), wo Menschen nur als Fleischstücke angesehen werden und Ecologia del delitto (Im Blutrausch des Satans, 1971), wo der Mensch als Insekt angesehen wird, der Fall ist – ist die Atmosphäre des Films als kalt zu beschreiben und spiegelt eine allgemeine Haltung studierter Gleichgültigkeit gegenüber den meisten seiner Charaktere wider. Auch wenn Bava Cristina letztendlich über die anderen Charaktere stellt, wird ihr keineswegs ein glückliches Ende gewährt. Schließlich gibt es in Bavas Universum nur sehr wenige Happy Ends. Rein visuell betrachtet stellt Blutige Seide einen der schönsten Filme Bavas dar. Es gibt keine Aufnahme, die es nicht versteht positiv zu leuchten.

Bavas Verwendung von Farbe und Rahmung verleiht dem Bild zeitweise eine beinahe dreidimensionale Qualität. Die Erzählung beginnt mit einer Aufnahme des Haute Couture-Zeichens, das über dem Eingangstor hängt. Aufgrund starken Windes bricht das Schild entzwei und ermöglicht dem Publikum eine bessere Sicht auf den Hintergrund des Salons. Diese kurze Einstellung symbolisiert auf recht elegante Art und Weise die Anwesenheit eines mental unausgeglichenen Geistes in sich. In einem Interview (ist im Bonusmaterial dieser Scheibe zu finden) mit Filmhistoriker David Del Valle erinnerte sich Schauspieler Cameron Mitchell daran, dass Bava einen Kinderwagen als Dolly für diesen Film verwendete, da das Budget nicht genügend Mittel für angemessene Ausrüstung bereitstellen konnte. Man kann jedoch kaum davon ausgehen, dass es sich um eine Low-Budget-Produktion gehandelt hat, wenn man sich das fertige Ergebnis ansieht. Die Kameraführung ist als flüssig und stilvoll zu bezeichnen, während die Einstellungen täuschend satt wirken und sich der Film mit einer bemerkenswert konsistenten Ästhetik vereint. Bavas Einsatz bzw. Verwendung der Settings trägt zudem wesentlich zur Wirkung des Films bei. Schon alleine die Idee einen gewalttätigen „Krimi“ in der „Enge“ eines Modehauses stattfinden zu lassen, lässt sich als köstlich ironisch bezeichnen und stellt sofort eine unangenehme Verbindung zwischen dem Milieu und dem Thema her.

Oberflächlich betrachtet repräsentiert der Salon Schönheit und Kultur, doch auch hier sind die Dinge selten so, wie sie in Bavas Werken erscheinen. Durch seinen immer kreativen Umgang mit Farbe und Schatten verleiht der Regisseur dem Salon einen Look, der sich schön und unheimlich zugleich präsentiert. So wie es ihm gelingt in den Mordszenen ein eigenartiges Gleichgewicht zwischen Poetischem und Schrecklichem zu kreieren, gestaltet er auch die Umgebung angenehm für das Auge, während er dennoch eine angemessen fiese Unterströmung latenter Gewalt vermittelt. Der amerikanische Schauspieler Cameron Mitchell hatte hier seinen zweiten „offiziellen“ Auftritt für Bava als hinterlistiger Massimo. Obwohl der Film für ihn sicherlich der Beste für den Regisseur war, bot er ihm leider die geringste Menge an Material, mit dem er arbeiten konnte. Mitchell macht das Beste aus seiner begrenzten Bildschirmzeit, doch sein Talent wird zum größten Teil auch nicht besonders viel beansprucht.

Der 1914 in Pennsylvania geborene Schauspieler hatte einen seiner frühesten Auftritte mit einer Nebenrolle in John Fords Weltkriegsdrama They Were Expendable (Schnellboote vor Bataan, 1945). Er trat in so großen Filmen wie How to Marry a Millionaire (Wie angelt man sich einen Millionär, 1953) und am Broadway in der Originalproduktion von Arthur Millers Death of a Salesman (Tod eines Handlungsreisenden, 1949) auf. Seine Rolle als Happy Loman sollte er in der Verfilmung von 1951 unter der Regie von Laslo Benedek wiederholen. Solche frühen Erfolge schienen auf eine große Karriere hinzudeuten, Geldprobleme veranlassten ihn jedoch in den 60er Jahren im Low-Budget-Bereich der italienischen Filmindustrie zu arbeiten. Er spielte in verschiedenen Schwerter-und-Sandalen Epen (Gli invasori / Die Rache der Wikinger; I normanni / Die Normannen) sowie in Italo-Western (Jim il primo / Das letzte Gewehr; Minnesota Clay) mit, doch seine Arbeit mit Bava betrachtete er als Karrierehöhepunkt. Später erzählte er dem Filmhistoriker Tom Weaver: „Ich habe Mario Bava geliebt; in gewisser Weise war er vielleicht der beste Regisseur – sicherlich der beste, mit dem ich in Europa gearbeitet habe und vielleicht der beste von allen. Ich habe mit Kasan gearbeitet, ich habe mit Orson Welles gearbeitet … Ich habe mit John Ford gearbeitet. Ich habe mit den Besten gearbeitet. Bava gehört da ganz oben dazu. Und wenn ich an das begrenzte Geld denke, dass er zur Verfügung hatte und an die Dinge, die er tat, um Zeit und Geld zu sparen, ist das unglaublich! Er hatte nie wirklich ein gutes Drehbuch, doch er konnte aus allem einen Film machen … Er würde den Wagen eines kleinen Jungen als Dolly benutzen; er hat unglaubliche Dinge aus nichts gemacht. Er war so clever! “

Mitchells amerikanische Karriere wurde wiederbelebt, als er eine Hauptrolle in der beliebten Serie The High Chapparal spielte, die von 1967 bis 1972 lief. Er würde Nebenrollen in so gemischten Angeboten wie Burt Lancasters The Midnight Man (Der Mitternachtsmann, 1974), Terence Youngs The Klansman (Verflucht sind sie alle, 1974) und Irwin Allens The Swarm (Der tödliche Schwarm, 1978) bekommen, doch er sollte schließlich in Low-Budget Genrewerken wie The Toolbox Murders (Der Killer mit der Bohrmaschine, 1978), Without Warning (Das Geheimnis der fliegenden Teufel, 1980) und den beiden unbeschreiblich trashigen jedoch überaus unterhaltsamen sowie amüsanten Kill Squad (Das Söldnerkommando, 1982) und Raw Force (Jäger des tödlichen Jade, 1982) mitmischen. Er blieb eine aktive Präsenz in Filmen, die seiner Talente oftmals nicht würdig waren, als Profi machte er jedoch immer weiter und schien nie unglücklich über sein Schicksal zu sein. Er verstarb 1994. Mitchell hat allerdings nicht viel in Blutige Seide zu tun und dürfte in Bavas Wikingerabenteuern Gli invasori (Die Rache der Wikinger, 1961) und I coltelli del vendicatore (Eine Handvoll blanker Messer, 1966) besser abschneiden.

Das wahre Highlight des Films repräsentiert Eva Bartok. Die ungarische Schauspielerin war eher für ihr aktives Liebesleben außerhalb der Kamera bekannt, als für ihre schauspielerischen Fähigkeiten – sie war fünfmal verheiratet, darunter einmal mit dem angesehenen Schauspieler Curd Jürgens und hatte zahlreiche Affären, darunter eine mit Frank Sinatra – aber die meisten ihrer Filmrollen erforderten sowieso nicht viel Einsatz von ihr. Die Rolle der emotional zerbrechlichen Gräfin Cristina, die ihr Leben und ihre Seele für Massimos Liebe opfert, ist geradezu perfekt für sie gemacht. Es handelt sich dabei um einen Part von überraschender Tiefe, dem sie mit einer Vorstellung antwortet, die es hervorragend versteht zwischen subtil und melodramatisch hin und her zu schwanken. Leider verließ sie das Filmgeschäft nicht sehr lange nach diesem Streifen. Sie starb 1998 im Alter von 71 Jahren. Der arrogante Inspektor Silvestri wird von Thomas Reiner gespielt, der besetzt wurde, um die deutschen Co-Produzenten zufrieden zu stellen. Reiners gestelzte Leistung lässt den Charakter wie eine Art arische Parodie erscheinen, ob dies jedoch beabsichtigt war oder nicht, ist schwer zu sagen. Es genügt zu erwähnen, dass es die Rolle erfordert die Morde ohne Wärme oder Humor zu untersuchen, was ihm auf dieser Ebene sehr gut gelingt.

Reiners flacher Affekt steht in starkem Kontrast zu Dante Di Paolo (La ragazza che sapeva troppo / The Girl Who Knew Too Much, 1963), der als drogenabhängiger Franco allen anderen die Show stiehlt. Zur Nebenbesetzung gehört auch Luciano Pigozzi, der unter seinem üblichen Pseudonym Alan Collins aufgeführt wird. Der sogenannte „italienische Peter Lorre“ trat in mehreren von Bavas Filmen auf und wurde zu einer Art Giallo-Maskottchen, das in verschiedenen „roten Heringsrollen“ wie in Nude… si muore (Sieben Jungfrauen für den Teufel, 1968), Il diavolo a sette facce (Der Teufel hat sieben Gesichter, 1971) und La morte negli occhi del gatto (Sieben Tote in den Augen der Katze, 1973) auftauchen sollte. Pigozzi ist hier als zwielichtiger Modedesigner Cesare in guter Form, während Bava ihm wie immer ein weitaus besseres Coverage (einschließlich zahlreicher Nahaufnahmen) spendiert, als viele andere Regisseure.

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  • Darsteller: Eva Bartok, Cameron Mitchell
  • Regisseur(e): Mario Bava
  • Format: PAL, Breitbild, Dolby, HiFi-Sound
  • Sprache: Deutsch (PCM2 .0)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 1.66:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: VZ-Handelsgesellschaft mbH
  • Produktionsjahr: 1964
  • Spieldauer: 109 Minuten

Blood and Black Lace Trailer (Mario Bava, 1964) – YouTube

Das 24-seitige tenebrarum – Booklet mit dem Titel „6 donne per l’assassino – Eine analytische Würdigung“ von Filmanalytiker Martin Beine ist wieder einmal recht umfangreich geraten und kann als enorm lesenswert bezeichnet werden !!! Genauso verhält es sich mit den beiden tenebrarum – specials „Mario Bava und der giallo“ und „6 donne per l’assassinoPostergalerie“, die auf der Disc enthalten sind. Auch der Audiokommentar von Prof. Dr. Marcus Stiglegger ist mal wieder enorm informativ ausgefallen und lässt sich wunderbar hören. Das absolute Highlight der Extras repräsentiert allerdings das ca. 56 minütige Interview, das der Filmhistoriker David Del Valle mit Cameron Mitchell führt. Informativ und extrem unterhaltsam, ein Muss für jeden Cameron Mitchell Fan !!!

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

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