Das Geheimnis des gelben Grabes / L’etrusco uccide ancora / The Dead are Alive

Der Archäologe Prof. Jason Porter entdeckt bei Ausgrabungen eine etruskische Grabkammer. Auf den Wandmalereien ist zu sehen, wie der Totengott Tuchulchra ein junges Liebespaar tötet. Wenig später kommt es in einer nahegelegenen Grabstätte tatsächlich zu einem Mord an einem Pärchen. Der Täter geht äußerst brutal vor, zieht dem weiblichen Opfer rote Ballettschuhe an und hört während des Mords eine aufwühlende Verdi-Oper. Hat sich der Mörder an der Wandmalerei inspiriert? Oder lebt der Geist des Dämons gar weiter? Die Polizei kann gar nicht schnell genug ermitteln, denn schon bald gibt es einen weiteren Doppelmord… (Pidax)

Der englische Titel (The Dead Are Alive) erinnert mehr an das italienische Zombie-Genre, als an einen Giallo, während der Film selbst ebenso einen Horrorfilm sowie einen Thriller darstellt, doch Das Geheimnis des gelben Grabes schafft es nie richtig Feuer zu fangen. Es sind zwar einige spürbar atmosphärische Momente vorhanden, wobei sich das Szenario erfrischend originell gestaltet und viele Klischees des „Genres“ vermieden werden. Das Endergebnis leidet jedoch unter schleppendem Tempo und allgemein unsympathischen Charakteren, die wenig Empathie beim Publikum hervorrufen. Laut Regisseur / Co-Autor Armando Crispino sollte sich der Film in seinen übernatürlichen Elementen ursprünglich mehrdeutiger präsentieren, wie er in einem Interview (auf der Blu-Ray als Bonusmaterial enthalten) verlauten lässt: „[der Film] sollte ein rätselhafter, magischer und anregender Film sein. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den Film noch weiter in fantastische Dimensionen manövriert, aber leider wurde ich daran gehindert. Die Idee kam mir eines Tages während eines gelegentlichen Besuchs der etruskischen Gräber in Cerveteri, wo […] ich fühlbare „Präsenzen“ spürte, die über mir schwebten. “

Crispinos ehrgeiziges Konzept, das Übernatürliche mit dem Thriller verschmelzen zu lassen, war kein Präzedenzfall – man denke nur an Mario Bavas Il rosso segno della follia (Hatchet for the Honeymoon, 1970) – doch man hätte es mit größerem Geschick entwickeln können, wenn die Produzenten nicht entschlossener gewesen wären, den Film in den Zyklus des Giallo aufzunehmen, inspiriert von Dario Argentos Erfolg. Als solche fühlen sich die übernatürlichen Elemente etwas unausgegoren an und fallen nach einer Weile mehr oder weniger unter den Tisch, während sich der Thriller-Aspekt zu einem angemessen überraschenden Ergebnis entwickelt, jedoch nie ausreichende Wucht erzeugt, vor allem, weil die Charaktere so schlecht entwickelt worden sind. Crispino lässt einen gewissen Stil in den Film einfließen, doch wenn es um Tempo geht, gerät er ins Wanken. Der Film zieht sich endlos durch eine Dialogszene nach der anderen und wird erst in den eher stimmungsvollen Sequenzen lebendig, insbesondere in den etruskischen Ruinen. Die verschiedenen Schockszenen werden gekonnt umgesetzt und es gibt einige denkwürdig fiese Mord-Sequenzen zu sehen.

Erico Menczers Breitbildfotografie ist als attraktiv zu bezeichnen, während der Film mit einer großartigen Partitur von Riz Ortolani versehen wurde. Wie oben erwähnt, stehen die Charaktere den Erfolgschancen des Films im Weg. Jason ist als einer der unangenehmsten „Helden“ des filone zu beschreiben. Als Alkoholiker mit Temperament ist er für einen Großteil des Films am Schmollen. Wenn er sich nicht gerade niedergeschlagen und apathisch fühlt, verliert er seine Coolness und geht hart mit den Menschen in seiner Umgebung um. Sollte es Crispinos Absicht gewesen sein, Jason zu einer emotional / psychisch instabilen Person zu machen, war er mit Sicherheit erfolgreich, doch irgendwo innerhalb dieses Prozesses wurde seine grundlegende Menschlichkeit vergessen. Vergleichsweise wurde seine Ex-Flamme Myra so dünn entwickelt, so dass sie praktisch aus dem Blickfeld verschwindet. Ihre widersprüchlichen Gefühle für Jason scheinen niemals auch nur im Entferntesten glaubwürdig zu sein, wobei die Tatsache, dass sie einem alkoholkranken Tier (wie sie selbst sagt) entkommen ist, um sich mit einem viel älteren Mann sowie noch böserem Temperament einzulassen, sie schwach und unklug erscheinen lässt. Dafür wandert Nikos mit ständig finsterem Blick durch die Geschichte, während seine ständigen Wutanfälle und seine Unfähigkeit mit seinen Mitmenschen vernünftig zu kommunizieren, ihn bestenfalls zu einer unleidlichen Person machen.

Die Besetzung hält einige bekannte Gesichter bereit. Der Hauptdarsteller Alex Cord wurde 1931 in Long Island geboren. Trotz früher Erfahrungen mit einigen schweren Krankheiten, einschließlich Polio, entwickelte er sich zu einem gesunden, kräftigen Mann und begann in den frühen 60er Jahren mit der Schauspielerei, als er in beliebten TV-Serien wie Naked City (Gnadenlose Stadt, 1958-1963) und Route 66 (1960-1964) als Gastdarsteller fungierte. Er spielte die Hauptrolle im Italo-Western Un minuto per pregare, un istante per morire (Mehr tot als lebendig, 1968) und unterstützte Kirk Douglas im unseligen Mafia-Drama The Brotherhood (Auftrag Mord, 1968), bevor er die Hauptrolle in diesem (seinem einzigen) Giallo übernahm. Cord spielt den Charakter vollkommen unangenehm sowie unsympathisch und versteht es zudem nicht ihm irgendeine Art von Schattierung oder Nuance hinzuzufügen, die ihn sympathischer gemacht haben könnten. Cord sollte nach diesem Film (mit nur wenigen Ausnahmen, wie dem ungewöhnlichen australischen Horror-Western Inn of the Damned von 1975) zum amerikanischen Fernsehen zurückkehren. Myra wird von Samantha Eggar (Die Brut, 1979) verkörpert, einer begabten Schauspielerin, die weitaus Besseres leisten kann als in diesem Fall. Die britische Schauspielerin scheint hier etwas emotional abwesend zu sein und erweist sich als unwillig oder unfähig ihrem zugegebenermaßen langweiligen Charakter etwas Leben einzuhauchen.

John Marley gibt in Bezug auf Begeisterung viel mehr in seiner Rolle als impulsiver Nikos. Die Figur ist eindimensional und ausschließlich böse gestaltet worden, doch Marley hatte wenigstens Spaß daran melodramatisch sowie übertrieben zu agieren. Nach seiner erinnerungswürdigen Rolle als vulgärer Filmproduzent in Francis Ford Coppolas The Godfather (Der Pate, 1972) und dem abschreckenden kanadischen Horrorfilm Deathdream (Dead of Night, 1972), folgte dieser Film. Die Nebenbesetzung umfasst bekannte Giallo-Gesichter wie Horst Frank (Il gatto a nove code, 1971) und Enzo Tarascio (La notte che Evelyn uscì dalla tomba, 1971) sowie Carlo De Mejo, der später in Lucio Fulcis Paura nella città dei morti viventi (Ein Zombie hing am Glockenseil, 1980) und Quella villa accanto al cimitero (Das Haus an der Friedhofsmauer, 1981) erscheinen sollte. Außerdem spielt noch Christina Von Blanc mit, die in Kultfilmkreisen für ihre Rolle als jungfräuliche Heldin aus Jess Francos La nuit des étoiles filantes (Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies, 1973) bekannt sein dürfte. Ach ja, Nadja Tiller durfte auch eine kleine Rolle übernehmen und zwar die der Leni Samarakis, die von Nikos als untreue Ehefrau verstoßen wurde.

Armando Crispino wurde 1925 geboren. Er trat in den frühen 60er Jahren als Regieassistent und Drehbuchautor in die Welt der Filme ein und gab dann sein Regiedebüt mit Le piacevoli notti (Ergötzliche Nächte, 1966). Wie Crispino später erklärte, brachte ihn ein kommerzieller Kompromiss und die mangelnde Bereitschaft, sich an Produzenten zu „verkaufen“, in eine schwierige Lage, weswegen er im folgenden Jahrzehnt nur sporadisch arbeitete. Sein Kriegsfilm Commandos (Himmelfahrtskommando El Alamein, 1968) wurde u.a. von Dario Argento mitgeschrieben und L’etrusco uccide ancora würde seinem jüngeren Protege oberflächlich zu verdanken sein, obwohl sich Crispinos Stil und Herangehensweise als radikal gegensätzlich erwiesen. Er würde den Giallo mit dem ebenso ausgefallenen Macchie solari (Autopsy) erneut besuchen und seinen letzten Film, Frankenstein all’Italiana (Casanova Frankenstein, beide 1975), inszenieren, den er als einen Film beschreiben würde, der aus „purer Notwendigkeit“ heraus geboren wurde: „Es handelte sich um einen Kompromiss, auf den ich mich nicht hätte einlassen sollen.“ Danach begannen die Angebote zurückzugehen und mit dem Zusammenbruch der italienischen Filmindustrie in den 80er Jahren sollte er nur noch Arbeit als Produktionsleiter für italienische Fernsehfilme finden. Er verstarb im Jahr 2003.

Pidax veröffentlicht Das Geheimnis des gelben Grabes im Rahmen ihrer Film-Klassiker Reihe auf BluRay und DVD. Das Bild (1080p; 2.35:1) ist als vollkommen zufriedenstellend zu bezeichnen. Beim Ton gibt es bei den verfügbaren Spuren (deutsch, englisch, italienisch Dolby Digital 2.0) auch keinen Grund zur Beschwerde, sie lassen sich wunderbar hören. Leider sind keine deutschen Untertitel zuschaltbar, lediglich die vormals fehlenden Szenen sind Deutsch untertitelt. Insgesamt handelt es sich bei Das Geheimnis des gelben Grabes um eine gelungene Veröffentlichung eines eher unbekannteren Giallo, der es durchaus versteht zu unterhalten, jedoch aufgrund seiner unsympathischen Charaktere etwas an Punkten verliert. Trotzdem darf der Film in keinem Giallo-Sammler-Regal fehlen.
Bonusmaterial:
Wendecover; dt. Werberatschlag (PDF); Bildergalerie (Aushangfotos); Interviews mit Armando Crispino; Lucio Battistrada; Erico Menczer; Carlo de Mejo und Francesco Crispino (OmU); Doku „Schattenlinien“ inkl. Interview mit Komponist Riz Ortolani (OmU); dt./engl. Trailer; dt. Vorspann; Originaldrehbuch (PDF); Booklet inkl. Originaldrehplan & Fotos von den Dreharbeiten (PDF)

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  • Seitenverhältnis : 16:9 – 1.77:1
  • Alterseinstufung : Freigegeben ab 16 Jahren
  • Regisseur : Armando Crispino
  • Medienformat : Dolby, PAL
  • Laufzeit : 1 Stunde und 44 Minuten
  • Darsteller : Alex Cord, Samantha Eggar, John Marley, Nadja Tiller, Enzo Tarascio
  • Sprache, : Italienisch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)
  • Studio : Pidax

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Bluntwolf

Bluntwolf ist ein Cineast aus der goldenen Mitte Deutschlands. Sein Spezialgebiet ist das italienische Kino der 60er bis 80er Jahre, insbesondere Italowestern, Giallo und Polizio. Er ist der Chefredakteur von Nischenkino und gehört dem Redaktionsteam der Spaghetti-Western Database an.

Eine Antwort

  1. 16. November 2020

    […] Ich hatte das große Glück und Vergnügen „Das Geheimnis des gelben Grabs“ letztes Jahr von 35mm und auf der großen Leinwand, umgeben von netten Menschen zu sehen. Was […]

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