Exklusiv-Interview mit Explosive Media Chef Bruckner

Bei Nischenkino pflegen wir zu vielen Heimkino-Labels enge Beziehungen. Die zu Explosive Media sticht besonders hervor, nicht nur wegen der exquisiten Auswahl an Titeln: hier verbindet uns über Geschäftliches hinaus zudem eine sehr herzliche Freundschaft mit Chef und Gründer Ulrich P. Bruckner, wie wir ein Filmfan und -Kenner durch und durch. Wir konnten Ulrich dazu überreden, uns in einem Interview Rede und Antwort zu stellen zu seinem Label (siehe offizielle Website) und anderen Fragen. Viel Spaß beim Lesen.

Sebastian (Nischenkino/NK): Danke für die Zeit, lieber Uli. Der Sommer steht vor der Tür, und damit auch jede Menge neue Veröffentlichungen. Bevor ich Dich dazu etwas löchere, kannst Du kurz zur Historie von Explosive Media was sagen. Wie entstand das Label? Was war davor? Was ist daran anders?

Uli (Explosive Media/EM):
Sony Pictures Home Entertainment, wo ich seit 2009 als Head Of Acquisitions tätig war, hatte sich im Jahr 2011 dazu entschlossen, alle internationalen Einkaufsabteilungen zu schließen und alles von Los Angeles zu koordinieren. Aus diesem Grunde stand ich Ende 2011 vor der Wahl, woanders einen neuen Job anzunehmen oder etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Deshalb entschloss ich mich Anfang 2012 meine Erfahrungen in eine eigene Firma zu stecken und mich auf Filmklassiker zu konzentrieren wie damals bei der Kreation der Filmabteilung von Koch Media im Jahr 2003.

Sebastian (NK): Wie kamst Du denn selber auf diesen Weg?

Uli (EM): Ich war bereits als Kind großer Filmfan und habe von Anfang an versucht, in diesem Geschäft Fuß zu fassen. Nach Wirtschaftsstudien in Innsbruck und in New Orleans arbeitete ich in diversen Bereichen der Filmindustrie, unter anderem in den Jahren 1993 und 1994 als Marketing Manager beim Warner Bros. Kinoverleih in München. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre war ich in Los Angeles bei diversen Independent Filmfirmen tätig. Im Jahr 2003 startete ich dann die Filmabteilung bei Koch Media, wo ich bis zu meinem Wechsel zu Sony Pictures Home Entertainment im Jahr 2009 tätig war.

Sebastian (NK): Aus dieser Zeit stammt übrigens noch ein anderes Interview mit Dir, damals kannten wir uns aber noch nicht persönlich. Steckt eine bestimmte Firmenphilosophie hinter Explosive Media? Die Titelauswahl lässt eine gewisse Affinität zum Nischenkino erkennen (was uns freut)

Uli (EM): Ja, ich war und bin immer ein großer Fan von Filmklassikern gewesen und habe mich aus diesem Grund entschlossen, diesen in die Jahre gekommenen Filmen treu zu bleiben und diese in bestmöglicher Qualität einer breiteren Fangemeinde zugänglich zu machen.

Sebastian (NK): Wie würdest Du einem Laien das Film-Lizenzgeschäft erklären, so wie es Dein Label betreibt?

Uli (EM): Das Filmlizenzgeschäft ist eigentlich ziemlich leicht zu erklären. Man erstellt Listen von Filmen, die es noch nicht auf DVD oder Blu-Ray gibt und die man sich auf diesem Format gut vorstellen könnte was die Vermarktbarkeit angeht. Dann macht man sich auf die Suche nach den Lizenzgebern. In unserem Falle ist es recht einfach, da der Großteil dieser Filme bei einem der großen Hollywood Majors liegt. Dann macht man ein Angebot und wartet auf eine Liste von Titeln, die für den entsprechenden Preis verfügbar sind. Man handelt dann gemeinsam einen Vertrag aus, und nach Unterschrift folgt die Anzahlung der sogenannten Minimum Garantie (quasi eine Absicherung für den Rechteinhaber). Für lieferbares Material, zum Beispiel das Master selbst und mögliches Bonusmaterial, folgt ebenfalls eine Rechnung. Manchmal kommt das Material aber auch von einer anderen Quelle (allerdings selten bei den Majors). Dann geht das Ganze in die Produktion: zuerst ins Authoring Studio und zum Grafiker. Sobald eine Check Disc geprüft wird geht das Ganze ins Presswerk und von dort ins Lager des Vertriebes.

Sebastian (NK): Was waren denn so die Highlights aus den letzten Jahren Explosive Media und was waren eher Tiefpunkte aus Perspektive des Katalogs?

Uli (EM): Ein paar Highlights waren sicherlich die Lee Van Cleef Western DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE, VON MANN ZU MANN und die SABATA Filme aus dem Italowestern Bereich. Zu den anderen Genres gehörten DOUBLE TEAM mit Jean-Claude Van Damme, die Ray Harryhausen Filme DIE GEHEIMNISVOLLE INSEL und SINDBAD UND DAS AUGE DES TIGERS, der Kriegsfilm DIE VERDAMMTEN DES KRIEGES, der coole John Frankenheimer Thriller WENN ER IN DIE HÖLLE WILL, LASS IHN GEHEN, die Lee Marvin Filme MONTE WALSH und PRIME CUT, die Burt Lancaster Western VALDEZ und KEINE GNADE FÜR ULZANA um nur einige zu nennen. Zu absoluten Enttäuschungen zählen sicherlich die Serien BECKER, die mir sogar noch besser gefällt als beispielsweise KING OF QUEENS und sich trotzdem als Flop erwiesen hatte sowie die Western Serie DIE KÜSTE DER GANOVEN mit William Shatner (Raumschiff Enterprise) und Doug McClure (Die Leute von der Shiloh Ranch), die ebenfalls auf wenig Interesse stieß.

Sebastian (NK): Hand aufs Herz, verkaufen sich TV Serien denn allgemein?

Uli (EM): Die Serien MISSION: IMPOSSIBLE sowie die Serie STINGRAY – beide aus den 80er Jahren – verkauften sich beide recht gut, leider lief es bei RAWHIDE nicht besonders, trotz Superstar Clint Eastwood. Heutzutage verzichtet man lieber darauf TV-Serien auf DVD oder BD auszuwerten auf Grund der hohen Konkurrenz von Amazon Prime und Netflix.

Sebastian (NK): Darauf komme ich auch gleich nochmal zurück. Worauf können sich Fans denn die kommenden Sommerwochen so aus deiner Bude besonders freuen?

Uli (EM): Ein paar Titel, die im Laufe des Sommers noch von uns kommen werden sind der harte Euro-Western LEISE WEHT DER WIND DES TODES mit Gene Hackman, Oliver Reed und Candice Bergen, die beiden Elvis Presley Filme LIED DES REBELLEN und KID GALAHAD, den 2. Weltkriegsthriller WIE EIN LICHT IN DUNKLER NACHT mit Michael Douglas, Liam Neeson und Melanie Griffith sowie den Western DIE GEIER WARTEN SCHON mit Rock Hudson und Dean Martin, bisher noch überhaupt nicht erschienen.

Uli Bruckner mit Nischenkino-Gründer Sebastian bei der Hateful Eight Premiere in Berlin

Sebastian (NK): Besonders am Herzen liegen uns natürlich auch Italowestern oder andere europäische Genreklassiker. Habt ihr da was in der Pipeline?

Uli (EM): Italowestern-mäßig sieht es derzeit etwas dünn aus, da die meisten Genre-Perlen bereits auf DVD und Blu-Ray vorliegen und sich zweitklassige Filme aus diesem Genre fast gar nicht verkaufen lassen. Es gibt ein paar wenige Titel, die immer noch auf Blu-Ray überfällig wären, wo die Lizenzgeber leider immer noch total überteuerte Vorstellungen haben. Titel, die mir hier einfallen sind z.B. BLINDMAN mit Tony Anthony, der Sergio Corbucci Western DIE GRAUSAMEN oder DER LANGE TAG DER RACHE mit Giuliano Gemma.

Sebastian (NK): Nochmal zurück zu Dir persönlich, was sind deine allerliebsten Lieblingsfilme die nicht in der IMDb Top 250 auftauchen?

Uli (EM): Als großer Westernfan liebe ich natürlich US-Western wie DIE GLORREICHEN SIEBEN, THE WILD BUNCH, PAT GARRETT & BILLY THE KID oder Italowestern wie DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE oder DER TOD RITT DIENSTAGS. Aus anderen Genres beispielsweise Filme wie SORCERER und TO LIVE AND DIE IN L.A. von William Friedkin oder RONIN und REINDEER GAMES von John Frankenheimer. Gute Filme gibt es ja Gott sei Dank viel mehr als man Zeit hat sie sich anzusehen.

Sebastian (NK): Kannst Du Filmfans einige Bücher ans Herz legen zum Thema, die aus Deiner Sicht eine besondere Bereicherung darstellen?

Uli (EM): Zu den interessanten Büchern, die ich in letzter Zeit gelesen habe gehören MICHAEL WINNER: WINNER TAKES ALL: A LIFE OF SORTS (Amazon), WHAT EVER HAPPENED TO ROBERT ALDRICH?: HIS LIFE AND FILMS, ITALIAN CRIME FILMOGRAPHY 1968-1980 (Amazon), MEMOIRS OF A SPAGHETTI COWBOY – TALES OF ADDBALL LUCK AND DERRING-DO (Amazon), THE FILMS OF TONINO VALERII (Amazon), um nur einige zu nennen.

Sebastian (NK): Auf welchen Webseiten (außer Nischenkino versteht sich) informierst Du Dich über Filme, das Business, Neuigkeiten und Heimkino?

Uli (EM): Ich mag natürlich Deine Seiten, insbesondere Nischenkino und Spaghetti Western Database. Über Filme im Allgemeinen lese ich viel auf IMDb, über das Business auf Deadline Hollywood, Hollywood Reporter und Variety und über Heimkino hauptsächlich Blu-Ray.com

Sebastian (NK): Gehst Du gerne auf Festivals?

Uli (EM): Ich muss zugeben, dass ich seit der Gründung meiner eigenen Firma eher ruhig geworden bin was Festivals angeht. Das einzige Pflichtfestival im Jahr ist und bleibt für mich derzeit das Cannes Film Festival, nicht zuletzt auch wegen dem Ambiente. Ich bin über 10 Jahre lang zu sämtlichen wichtigen Festivals gereist und wurde mit der Zeit einfach müde was Reisen angeht.

Sebastian (NK): Hat die Arbeit bei Explosive Media und den vorherigen Labels bei denen Du gewirkt hast, Dich nachhaltig geprägt was den Filmgeschmack angeht, oder war es eher umgekehrt, hast Du Deine Spuren in diesen Firmen hinterlassen?

Uli (EM): Ich denke, dass ich eher Spuren bei diesen Firmen hinterlassen habe. Anfangs bei Koch Media, bei der ich zahlreiche meiner Lieblingsfilme auf DVD veröffentlichen durfte, danach bei Sony Pictures, wo ich einige Klassiker zum ersten Mal ausgrub (z.B. Dsching Khan mit Omar Sharif, Der Sheriff mit Gregory Peck, Der Coup mit Jean-Paul Belmondo) und natürlich bei den Filmeinkäufen wie 22 BULLETS mit Jean Reno oder BLACK DEATH mit Sean Bean

Sebastian (NK): Welche persönlichen Anekdoten oder Filmweisheiten würdest Du der Cineastengemeinde gerne mit auf den Weg geben?

Uli (EM): „Nobody know anything“ also „Niemand weiß wirklich Bescheid“ sagte bereits der berühmte Drehbuchautor William Goldman („Butch Cassidy & the Sundance Kid“). Und das trifft auch heute noch zu wenn man Filme auf ihre Kommerzialität einschätzen möchte. Bestes Beispiel ist der alte Cecil B. DeMille Western DIE UNBESIEGTEN mit Gary Cooper aus dem Jahr 1947. Niemand hätte sich gedacht, dass sich dieser Uraltstreifen wochenlang in den Top 20 der Amazon Westerncharts halten hätte können. Bei anderen Filmen trifft das Gegenteil zu. Niemand weiß wirklich Bescheid. Aus diesem Grunde hat auch jedes Hollywoodstudio seinen Anteil an großen Flops.

Sebastian (NK): Letzte Frage zu dem Punkt den Du vorhin schon angesprochen hast. Streamingdienste, gut oder schlecht fürs Nischenkino?

Uli (EM): Mir persönlich sagen diese Streamingdienste wenig zu. Ich mag vor allem die minderwertige Streaming-Qualität überhaupt nicht. Eine Blu-Ray hat um Längen bessere Qualität als jeglicher Streaming-Dienst. Außerdem sind diese Dienste ziemlich dünn mit Klassiker Leckerbissen bestückt und mit Bonus-Material sieht es auch sehr, sehr dünn aus. Auch die Tonqualität einer physischen Scheibe ist weit höher.

Sebastian (NK): Ja da haben die noch einiges aufzuholen, und Recht hast du, was Klassiker betrifft sieht es dünn aus, da helfen auch Mubi und Co noch nicht so recht weiter. Tausend Dank erstmal, Uli. Bis auf bald in Berlin!

Uli (EM): Danke Dir ebenso, bis bald in Berlin!

Quellen: Bild bei Tom Betts im Blog.

Sebastian

Gründer und Inhaber von Nischenkino. Gründer von Tarantino.info, Spaghetti-Western.net, GrindhouseDatabase.com, Robert-Rodriguez.info, TripleFeatureFoundation.org und FuriousCinema.com

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3 Antworten

  1. Werner Bolliger sagt:

    Schlechte Nachrichten also, was Veröffentlichungen von alten TV-Serien auf DVD/Blue Ray betrifft. Gerade in Sachen Western gäbe es da noch so einige Perlen, auf die ich sehnsüchtig warte seit Äonen. Von RAWHIDE habe ich mir JEDE Staffel gekauft, wunderbare Serie. Vielen Dank nochmals an dieser Stelle für die Veröffentlichung, Herr Bruckner. Unglaublich, dass eine solche Serie kein Verkaufserfolg war. Sterben die Western-Fans etwa aus? Ich jedenfalls hüte diese Boxen wie einen Schatz.

    • Sebastian sagt:

      Hallo Werner. Ja das ist etwas schade, wir glauben aber dass nicht die Western-Fans aussterben, sondern einfach die Zielgruppe, die Western-Serien guckt, sehr sehr gering ist. Man vergisst schnell, dass jenseits einiger Foren und Gelegenheitskäufer diese Produkte oft kaum große Marktsegmente darstellen. Fleißig kaufen ist natürlich immer gut als Signal, und weiter erzählen und fleißig dafür Werbung machen auch 🙂 VG

  1. 16. Juni 2018

    […] Anfänge von Ford zu lernen, unter anderem zu Filmen we Young Mr Lincoln, der vor Jahren schon bei Explosive Media erschien und ich – endlich – in Kürze auf Nischenkino auch rezensieren werde […]

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